Jungenherzen

“Du Mama, da war noch was”, sagt mein Sohn. Ich höre schon an der Stimme, dass er traurig ist. “Magst du es mir erzählen?”, frage ich vorsichtig.

Ich kann sehen wie er mit sich ringt. Mein obercooler Ninjago-Kämpfer. “Alle sagen, dass ich eine Petze bin.”  Er schaut weg. “Und das sagen die alle. Alle Jungen aus meiner Klasse.” Nun füllen sich die Augen mit Tränen. Ich ziehe ihn auf meinen Schoß. Er schmiegt seinen Kopf an meine Schulter und wir schweigen und ich streichle ihm über den Kopf. Seine kurzen Haare gleiten durch meine Finger. Ich liebe dieses Gefühl.

Ich spüre einen Schmerz im Herz. Ein “ich werde für dich einstehen und für dich kämpfen und verteidigen.” In meinem Kopf Gedanken. Wie: “oh nein. Wie kann das sein? Was ist passiert? Wie kann ich ihn schützen?”

Und ich spüre die schmerzhafte Wahrheit: ich kann es nicht.

Mit meinem Sohn erlebe ich mich selbst immer wieder als überraschend unsicher. Da ist diese männliche Kraft, die schon jetzt zu spüren ist. Eine körperliche Kraft, die ich nur erahnen kann. Das ist dieses Kräftemessen und vergleichen unter den Jungen, ein ständiger Wettkampf. “Wer ist der Schnellste? Wer ist der Coolste? Wer ist der Mutigste?” Und die Leistung, besonders eine sportliche, ist so unfassbar wichtig. Es ist wichtig für Rang- und Hackordnung. Für eine geheime Hierarchie. Und ich sehe das und weiß, dass das so ist. Auch, dass das so richtig ist. Und schon immer so war. Aber ich als Mutter fühle mich manchmal so hilflos und überfordert damit. Mit der Coolness. Mit den Sprüchen. Mit dem nicht sprechen, wie es einem geht. Nicht nur bei ihm. Sondern auch bei seinen Freunden. Mit dem Schmerz verbeißen und verkneifen “geht schon. Bloß ein Kratzer.” Aber ich sehe, dass es mehr ist. Und ich sehe, dass es weh tut.

Mein Sohn geht in die erste Klasse. Er kommt mir manchmal viel jünger und kleiner vor, als seine Schwester damals. Bei der ich wusste, dass sie natürlich nach links und rechts schaut, wenn sie über die Straße geht. Die natürlich ihr Warnweste angezogen hat, wenn es morgens noch dunkel war. Die, wenn sie sich wehgetan hat, weint und jammert und schreit und so viel braucht, dass unser Sofa kurz zur Krankenstation wird. Die immer genau zugehört hat und wusste, was ich gesagt hatte. Und mein Superhero? Steht gestern eine Stunde vor der verschlossenen Haustür. Eine Stunde war ausgefallen. Ich noch bei der Arbeit. Eine Nachbarin greift ihn völlig verfroren und verloren vor unserer Tür auf. Als ich ihn abhole, fällt er in meine Arme. Ganz durcheinander. Dass niemand da war. Und weil er so dringend auf die Toilette muss. Hat sich nicht zu fragen getraut. “Jakob, wieso bist du denn nach Hause gekommen? Ihr solltet doch zusammen nach Hause kommen. Und du solltest in die Betreuung gehen.” “Mama, es ist eine Stunde ausgefallen und Johanna ist nicht gekommen. Da bin ich losgelaufen.” Noch kein Zeitgefühl, außer kurz oder lang. Noch kein: “Hier stimmt was nicht, die Schwester ist nicht da.”

Und ich spüre, dass es noch so viele solcher Situationen geben wird. Dass ich noch klarer noch besser bei und mit ihm kommunizieren muss. Nicht, weil er nicht hört, sondern, weil ihm andere Dinge einfach wichtiger sind. Weil er genau weiß, welches Auto bei uns vor der Tür geparkt hat, aber nicht, wann er nach Hause kommen soll. Weil er genau bemerkt, welcher Sternhimmel es ist, aber dabei vergisst, dass er seine Zähne putzen sollte. Weil ich ihn viel mehr ansprechen muss, und geduldiger sein muss, weil er gerade beim Spielen Probleme löst, die ich nicht habe, aber seine Vulkanforscher schon. Dass es ihn, wenn ich sauer werde, ganz anders treffe und verletze, als meine Tochter, die mir ähnlich ist und so reagiert wie ich. Aber er, er zieht sich zurück. In sich. Beschämt. Traurig. Und es ist nicht leicht, ihn dann wieder vorzulocken. Und wenn ich ihm erkläre, WAS mich gerade so aufgeregt hat und ihn um Verzeihung für meine Reaktion bitte, dann nuschelt er ein “schon gut”, aber ich spüre, dem ist nicht so.

Er ist so kreativ. Er mal und bastelt stundenlang. Er tüftelt und probiert Neues aus. Er rülpst am lautesten und meint, dass er der Coolste sei, wenn er sich die Haare lässig zur Seite gelt. Und ich wünsche ihm so sehr, dass er sich geliebt fühlt. Seinen Wert spürt. Lernt zu sagen, was er denkt und wagt zu fühlen, was er spürt.

“Weißt du, warum sie “Petze” zu dir sagen?”, frage ich vorsichtig nach. “Ja, weil ich immer zur Pausenaufsicht gehe, wenn sie was Gemeines sagen”, antwortet er. “Was sagen sie denn?”, frage ich nach? “Heute hat XY gesagt, dass er nicht mehr mein Freund sein will und dann habe ich das halt gesagt!” Ich lächle ihn an und streichle über den Kopf. “Jakob, weißt du, ich kann verstehen, dass dich das traurig macht und du das ungerecht findest, aber damit solltest du auch nicht zur Aufsicht gehen. Zu ihr kannst du gehen, wenn du dir oder jemand dir wehgetan hat. Oder blöde Ausdrücke gesagt hat. Was könntest du denn das nächst Mal anders machen, wenn jemand dir das sagt?”, frage ich.

Kurzes überlegen. “Mama, ich glaube ich werde dann einfach sagen, “das ist wirklich schade, dass du nicht mehr mein Freund sein willst.”” Ein glückliches Lächeln. Eine feste Umarmung. Und ich spüre: wieder was gelernt. Wir beide. Aushalten gehört dazu. Schmerz und Traurigkeit. Aber auch Hoffnung und Leichtigkeit. Leben ist Licht und Schatten. Und ich muss diese Erfahrungen zu lassen. Aushalten. Begleiten. Manchmal brauchen kleine superheros unbedingt supermoms und superdads.

Sei dir gut ❤️

Kommentar verfassen