20 Meilen. Jeden Tag.

Ich werde immer wieder gefragt, WAS mir hilft, auf dem Weg zu bleiben und meine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Nun, zum einen sagte ich ja immer ehrlich, dass das gar nicht so leicht ist. Und das hat damit etwas zu tun, dass unsere langjährigen Muster sowohl Licht- als auch Schattenseiten haben. Wo sie uns auf der einen Seite dienen, sind sie auf der anderen Seite zu einer echten Belastung geworden. Und – egal – wie weit du schon gekommen bist, egal, wieviel sich an Veränderung durch dein Leben zieht, EINES bleibt: in Stresssituationen klopfen einem diese Muster immer wieder auf die Schulter. Man lernt mit der Zeit sie einzuordnen. Man lernt, wie man aus den alten Denk- und Gefühlsblockaden wieder rauskommt, aber ich bin immer wieder überrascht, dass sie noch da sind. Und deshalb ist und bleibt Veränderung ein lebenslanger Prozess. Und das ist ok. Nur ist es gut, wenn man sich schon mal darauf einstellt, dann ist es nicht so frustrierend, “wenn es mal wieder nicht geklappt hat” oder “man schon wieder so reagiert hat”. Denn wenn wir etwas erkannt haben und ändern und damit lange Zeit gut fahren, dann fühlt sich der erste Rückfall gnadenlos an. Dann hauen wir mal so richtig auf uns ein. “Versager. War ja klar.” Und dann lass dir sagen: “Ganz normal. Hinfall. Aufstehen. Sich erinnern, was man schon geschafft hat und dann: weitergehen. Und an sich glauben.”

Mir hat aber ein Vortrag vor vielen Jahren unglaublich dabei geholfen, ein paar Dinge langfristig und diszipliniert zu verändern. Und das war ein Vortrag von einem amerikanischen Unternehmensberater Namens Jim Collins. In den Jahren nach dem 11. September war es seine Aufgabe zu untersuchen warum einige Firmen diese unsicheren und turbulenten Jahre unbeschadet überstanden hatten und sogar noch erfolgreicher waren und warum andere, die genau das gleiche Business bedienten, scheiterten. Der Vortrag lautete: “How to manage through chaos”  – wie überlebt man chaotische Zeiten sozusagen. Um das zu erläutern, untersuchte Collins die Expedition der beiden Polarforscher Scott, einem Briten, sowie Amundsen, einem Norweger, zum Südpol. Beide machten sich mit ihren Teams quasi Zeitgleich, im Oktober 1911, auf den Weg um als jeweils Erster den Fuß auf den Südpol zu setzen. Beide hatten das gleiche Ziel. Die gleiche Vision. Und obwohl beide die gleichen Wetter- und Rahmenbedingungen hatten, erreichte das Team Amundsen den Pol zuerst und nicht nur das: sie überlebten auch die Expedition beinah unbeschadet – während das gesamte Team um Scott starb. Nur 18km vom rettenden Basislager fand man Scotts erfrorenen Körper.

Da die äußeren Bedingungen für beide gleich waren, musste es also einen anderen Grund geben, der für das Scheitern, bzw. den Erfolg verantwortlich war. Und er lag – Überraschung! – : bei den beiden Leitern der Expedition selbst. Amundsen bereitete sich beispielsweise akribisch vor. Er legte zahlreiche Nahrungs- und Ausrüstungsdepots an und erkundete genau die Umgebung. Er entschied sich für Schlitten, die von insgesamt 116 Schlittenhunden gezogen wurden. Scott dagegen empfand Hunde als “unbritisch” und bevorzugte Ponys und Motorschlitten. Leider waren weder die Ponys noch die Motoren der Kälte gewachsen. Und so stapfte Scotts Team bei -23Grad falsch ausgerüstet durch den Schnee.

Das war meine erste wichtige Erkenntnis: man verändert oder ändert Situationen, Dinge und sich selbst nicht einfach so. Auch wenn es dir vielleicht überraschend vorkommt, wenn du von einer beruflichen Veränderung hörst, oder du von einer scheinbaren Neuigkeit hörst: DAS passiert niemals über Nacht. Bevor jemand damit in die “Öffentlichkeit” geht, wurde schon viel gedacht und abgewogen, mit vertrauten Personen besprochen und immer wieder nachgespürt und überlegt. Vielleicht tage- und monatelang. Vielleicht aber auch Jahre. Und das macht, wenn man sich über Nachhaltig- und Langfrostigkeit Gedanken macht, auch absoluten Sinn. Lass’ dich also nicht verunsichern, wenn du “es immer noch nicht gewagt hast.” Der Zeitpunkt kommt, wenn er für dich richtig ist. Und bereite dich darauf vor. Und nein, das heißt nicht, dass es nicht auch Entscheidungen aus dem Bauch herausgeben darf und soll. Aber meine Erfahrung ist: die wirklich wichtigen und großen Dinge brauchen Zeit. Und Geduld.

Weiter geht es am Südpol. Neben allen Vorbereitungen machte Amundsen aber eine Sache ganz ganz anders: er wies sein Team an nicht mehr als 15-20 Meilen am Tag zu gehen20 Meilen. Egal, wie gut das Wetter war. Egal wie fit und motiviert sein Team war. Er wusste, dass er sein Ziel nur dann erreichen, und sein Team nur dann gesund und wohlbehalten wieder zurückbringen würde, wenn er dafür sorgte, dass sie ausreichende Ruhephasen hatten und sich nicht von äußeren Umständen ablenken und beeinflussen lassen würden. 20 Meilen. Jeden Tag. Und so staunt man bei dem Vergleich zweier Tagebuchaufzeichnungen. An den Tag wurden beide Teams von einem Schneesturm heimgesucht. Bei Scott steht: “I doubt if any party could travel in such weather.” (“Ich bezweifle, dass irgendjemand bei diesem Wetter reist.” Bei Amundsen steht: “It has been an unpleasant day — storm, drift, and frostbite, but we have advanced 13 miles closer to our goal.” (Es war ein ungemütlicher Tag — Sturm, Verwehungen und Frostbeulen, aber wir haben uns unserem Ziel 13 Meilen angenähert.”

Ist das Glas halb voll? Oder halb leer? DAS ist viel mehr als nur ein Gemütszustand. Das ist viel mehr eine (Lebens-)Einstellung. Und so hat mir diese spannende Geschichte geholfen EINES zu verstehen: wenn ich langfristig etwas verändern will, dann muss ich jeden Tag meine 20 Meilen gehen. Und ja, es können auch mal 15 sein. Aber ich gehe. Egal wie es ist.

Und so habe ich mir in einem Jahr vorgenommen, jeden Tag ein Kapitel aus einem Sachbuch zu lesen. Das war, als ich mit meinem dritten Baby zu Hause das Gefühl hatte, mein Gehirn irgendwo zwischen Stillen und dem Alltagschaos verloren zu haben. Mir fehlte einfach Input. Und ich habe jeden Tag ein Kapitel gelesen und insgesamt in dem Jahr so viele Bücher wie noch nie zuvor. Und auch nie wieder danach. Ein anderes Mal waren meine 20 Meilen dreimal die Woche Joggen gehen. Und ich habe es gemacht. Ich habe nicht jeden Tag auf’s Neue überlegt. Nicht in Frage gestellt und schon gar nicht: immer wieder neu entschieden. Ich habe es einfach gemacht. Und dabei habe ich etwas sehr Wichtiges gelernt: zur Selbstfürsorge gehört Kontinuität. Denn der Weg ist zu schwer. Die äußeren Umstände im Alltag mit Job und Kindern gleichen oftmals den Bedingungen der Antarktis. Wenn auch meistens wärmer. Wenigstens das. Und wenn ich davon abweiche, dann merke ich schnell: ich vergesse mich. Ich nehme mich nicht wichtig. Ich halte es nicht durch. Ganz einfach, weil das Leben so voll und bunt ist und die Stürme darüber hinwegfegen und die Wellen über einem zusammenbrechen und es dann wichtiger ist, es zu schaffen und zu machen, als sich selbst gut zu sein.

Es gibt aber 20 Meilen, die muss ich einhalten, wenn ich zufrieden und glücklich sein will: ausreichend Schlaf. Regelmäßig Sport. Zeit für die schönen Dinge des Lebens. Zeit mit den mir wichtigen Menschen. Und nein: das klappt nicht immer. Und am wenigsten der Sport. Und noch weniger: der Schlaf. Aber ich weiß darum. Und das ist wichtig. Ich weiß, dass es meine Verantwortung ist dafür zu sorgen, dass ich mich und diese 20 Meilen nicht aus dem Blick verliere. Und natürlich: mit jetzt schon größeren Kindern (4,6,9) tun sich plötzlich so viel mehr Freiräume auf. Ergeben sich Möglichkeiten, die ich nicht erahnt hatte. Da ist das rettende Basislager in naher Entfernung. Aber auch mit Baby gibt es Möglichkeiten. Meine 20 Meilen waren da: 30 Minuten lege ich mich hin, wenn die Kleine schläft. Und erst danach mache ich den Haushalt oder was auch immer.

Die 20 Meilen stehen auch für “sei dir gut”- WAS brauchst du, damit es dir gut geht? Damit du glücklich bist? Was sind deine 20 Meilen? Was brauchst du? Was willst du?

Wenn du deine 20 Meilen gehst wirst du merken, dass sich langfristig etwas verändert. Dann gibt es keinen JoJo-Effekt. Es dauert länger. Es ist vielleicht nicht sofort sichtbar. Aber du wirst Veränderung spüren. Und nicht nur du. Auch dein Umfeld.

Für welche 20 Meilen bist du verantwortlich? Nicht nur für dich, sondern auch deshalb, weil es dir in deinem Leben, mit deinen Lieben und in deinem Job so viel besser gehen wird, wenn du gut für dich sorgst.

Bereite dich gut vor für deine Reise. Und dann geh! Du wirst es schaffen. Schritt für Schritt. Bleib bei dir. Vergleich dich nicht mit den Wegen und dem Sein der Anderen. Gute Reise!

Sei dir gut ❤️

3 Kommentare

  1. Bine

    15. März 2017 at 7:59

    Lieben Dank Natalia. Sehr schön zu lesen und mich sehr wiedergefunden.

    1. Natalia

      15. März 2017 at 11:42

      Wunderbar, das freut mich liebe Bine!

  2. Britta Ohrendorf

    15. März 2017 at 22:17

    Heute war mal wieder ein schwerer Tag mit viel Kritik von meinen Kindern. Ich gehe meine 20 Meilen morgen weiter! Danke, Britta

Kommentar verfassen