Glücklich zufrieden

Ganze zwei Stunden sitze ich in einem super bequemen Sessel in einem Café in Überlingen und schaue aus diesem Fenster. Ich habe nichts zu lesen dabei. Es gibt keine Internetverbindung hinter diesen dicken Rathausmauern. Also sitze ich und schaue. Wie die Sonne in unterschiedlichen Farben durch die Fenster fällt. Am Anfang bin ich nervös. Ich könnte ja auch was tun. Aber ich habe nichts mit. Ich entscheide mich ganz einfach hier zu sein. Ich trinke meinen ChaiteaLatte und mache sonst nichts.
Seit fünf Tagen bin ich am Bodensee. “Ganz allein?”, werde ich gefragt. “Nein”, antworte ich. “Nicht ganz. Ich bin mit mir unterwegs.”
Vor ein paar Jahren wäre mir das absolut abwegig vorgekommen. Ich hätte es mir nicht vorstellen können, nur mit mir zu sein. Aber inzwischen merke ich: das ist der absolute Luxus für mich. Ich muss mich nur um mich kümmern. Ich gehe jeden morgen eine Stunde laufen. Ich frühstücke gut und mit Seeblick. Ich beobachte die Paare, die sich gegenübersitzen. Gemeinsam einsam. Da bin ich lieber alleine mit mir glücklich und zufrieden.
Ich verbringe Stunden auf meinem Zimmer. Höre PodCasts, schaue TED Talks, lese und lese und schreibe und denke. Ich erobere neue Welten, verlasse gedankliche Komfortzonen. Ich wage mich auf neues Gebiet und bin gespannt was kommt. Ich schaffe und muss nichts konstruieren. Ich darf warten, bis es fließt.
Ich esse, wann ich will und schlafe früh und stehe früh auf. Ich mache das so, wie mein Körper es mir sagt. Ich lebe ohne Uhr.
Ich denke an meine Familie und bin glücklich, dass die vier nun mal eine ganz besondere Zeit haben. Und mein Mann Einblicke in meinen Alltag bekommt. Seine Liste war sehr lang. Mit meinen Alltäglichkeiten. Für mich alles im Kopf, für ihn alles ein einzelner Punkt auf seiner Liste.
Ich werde vermisst. Das fühlt sich gut an. Ich vermisse auch. Dass zeigt mir, wie und wen ich liebe.
Am letzten Tag will ich nichts mehr schreiben. Nichts mehr planen. Ich setzte mich in den Zug und fahre nach Überlingen. 15 Minuten mit Blick auf’s Wasser. “Wenn ich hier leben könnte…” Dann wäre alles ruhiger. Entspannter. Ich würde jeden Tag am See sein und staunen, dass er in jeder Stunde anders ist. Ich frage meine Schwester, die dieses Privileg hat. “Ich war seit dem Sommer nicht mehr da…”, antwortet sie mir. Wir schweigen. Auch hier ist der Alltag Alltag.
Ich wohne im Hotel. Sie fünf Minuten weg. Und: wir verstehen uns blendend. Sie ist meine Zwillingsschwester. Unsere Herzen sind noch immer füreinander bestimmt. Sie hat auch drei Kinder. Im gleichen Abstand. Ich bin dankbar, dass wir uns so nah sein können und die Grenzen jedes einzelnen lassen. Ich bin nicht zu Besuch bei ihr. Ich bin zu Besuch bei mir.
Wann hast du dich das letzte Mal mit dir verabredet? Dir gut zugesprochen und zugehört?
Hast du Sorge vor dem Alleinsein? Keine Sorge! Du bist es nicht. Du nimmst dich ja mit.
Ich kann dich nur ermutigen und anfeuern, dass mal zu wagen. Mal ein paar Stunden. Mal einen Nachmittag. Was sich für dich gut anfühlt.
Nur mit sich sein, bringt unsere Seele zum Schwingen. Unser Herz zum Klingen. Ich komme anders zurück. Mehr bei mir. Mir ist wieder klar, was ich will. Wer ich bin. Was ich möchte und was nicht. Ich fühle mich lebendig und sehr verbunden mit mir. Und auch wieder mit meinen Lieben. Ich bin nicht nur Mama. Frau. Geliebte. Freundin. Schwester. Ich bin vor allem ich. Das hatte ich ein wenig vergessen.
Sei dir gut 

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