Leben. Ist. So.

Nun sitze ich hier am Tisch und müsste längst schlafen. Dass wird sich morgen rächen. Bitterlich. Aber ich kann nicht. Ich habe noch meinen Mantel an. Mein Körper verlangt nach Zucker und ich erinnere mich an die gut versteckte Schachtel.

Und ich muss an den alten Satz aus Forrest Gump denken: „Meine Mama hat immer gesagt, das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen.

Man weiß nie, was man kriegt.“

Und ich sitze hier und denke: ja. Dem stimme ich heute Nacht absolut zu. Nicht, dass ich es nicht schon vorher gewusst habe, aber heute spüre ich es als tiefe Wahrheit.

Am Donnerstag bekam meine Freundin einen Anruf. Ihre älteste Freundin hatte einen Schlaganfall. Sie zögert nicht. Organisiert Job und Familie und sitzt Freitagmorgen im Flieger. Ihre Mission: für den Sohn und Partner da sein. Geschenk sein. Botschafter sein. Übersetzer sein. Das Undenkbare, Unglaubbare, Unfassbare zu bennen. Fühlbar zu machen. Hier geht ein Leben zu Ende. Zu ermutigen: lasst uns ums Bett sitzen. Die Hand halten. Sich gegenseitig halten. Weinen und lachen. Sich erinnern und innehalten. Hier und jetzt sein, obwohl der Andere schon mit einem Fuß woanders ist. Nicht mehr ganz hier, aber auch noch nicht ganz dort. Abschiednehmen. Das formulieren. Die Angst, die Trauer, die Sorgen, die Hoffnung. Und den Tod. Zulassen.

Und wir sehen uns heute Abend. Ein Blick. Eine innige Umarmung ohne Worte. Wir haben ein Treffen. Auch hier geht es um Abschied. Darum, dass Zeiten, Wege und Menschen sich ändern. Das auszusprechen und auszuhalten, das anzunehmen ist schmerzhaft. Für beide Seiten. Und so trage ich meine Gründe für meine Entscheidung vor. Heule Rotz und Wasser über das Ende. Vor Dankbarkeit und auch vor Erleichterung, dass nun Raum für Neues kommen wird. Und dem will ich mit offenem Herzen begegnen. Bereit sein. Und dafür muss ich loslassen. Verabschieden. Träume. Hoffnungen. Menschen.

Und dann gehe ich nach Hause. Sie läuft mit. Hand in Hand. Durch die Nacht. Keine Worte. Mich erfüllen die Worte einer Bach-Kantate: „Ich hatte viel Bekümmerniss in meinem Herzen;
aber deine Tröstungen erquicken meine Seele.“

Und ich fühle mich trotz der Schwere leicht. Und ja, so ist es das Leben: weinen und lachen. Licht und Schatten, Schmerz und Glück, Abschied und Neuanfang. Alles so dicht. Und. Nah. Beieinander.

Und so esse ich eine Praline nach der anderen. Seelenfutter. Jede anders. Aber gut. Und fühle, dass ich das Leben nur so will. So voll und prall. Und ich will da sein. Mittendrin. Nicht als Zuschauer. Ich will gestalten. Schaffen. Sein. Licht. Und Geschenk. Vielleicht auch Segen. Für Andere und für mich auch.

Ich wünsche mir, dass ich ganz da bin. Dass ich: bereit bin. Und vor allem: ganz gut bei mir bin, damit ich zur rechten Zeit am rechten Ort bin. Und da sein kann. Ich will bereit sein, weil man nie weiß, wann das Leben uns mal wieder überrascht. Auf die eine oder andere Weise. Leben. Ist. So.

Sei dir gut ❤️

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