Alltagschaos

Nun habe ich heute Morgen auf dem Weg zum Kindergarten fast einen Unfall gemacht. Ich rase durch die Stadt. Meine to-do Liste mehr vor Augen als meine Tachonadel. Zum Glück habe ich schon einen Punkt wegen Handy am Steuer. Dann bleibt das wenigstens in der Tasche, so dass ich nicht in Versuchung gerate auch noch dies und das – mal eben – zu erledigen, zu klären, zu verstehen oder zu organisieren.

Und da sehe ich dieses Plakat. So aus den Augenwinkel und muss natürlich voll bremsen um zu verstehen, WAS da steht. Und dieser Satz holt mich raus aus meinem “So-habe-ich-mir-mein-Leben-nun-echt-nicht-vorgestellt-nicht-mit-dem-Mann-und-nicht-mit-diesen-Kindern-und-nicht-in-dieser-Stadt-in-die-ich-eh-NIE-wollte-nicht-so-einen-Alltag-und-keiner-versteht-mich-arme-Sau.”

Und ich schätze mich wirklich glücklich, dass ich EIGENTLICH ein wunderbares und wundervolles Leben mit einem tollen Mann und Kindern usw. führe, aber heute nicht. Und gestern auch nicht. Punkt. Und da habe ich mich so richtig schön eingedreht. Ich finde mich selber so ätzend und nervig und doch fühle ich mich auch ganz wohl, denn der Vorteil von ätzend sein ist ja, dass alle Abstand halten und man so ein wenig Freiraum bekommt. (Anmerkung: schlechte Strategie…)

Und heute steht da diese Plakat und holt mich raus. Raus aus meinen Gedanken. Raus aus meinem Alltagschaos. Es ist weit mehr als ein Wink mit dem Zaunpfahl. Und ich fahre rechts ran. Mache kurz die Augen zu und merke: “Nein. Heute ist es nicht das Leben, das ich leben will.” Und ich muss weinen, weil alles so viel ist und weil die Erwartungen anderer scheinbar so hoch sind (glaub ich, auch wenn ich nicht weiß von wem eigentlich…) und weil ich, obwohl ich alles gebe nur die Hälfte schaffe und so weiter und so weiter.

Und das Weinen tut so gut. Und ich bedauere mich, weil es sonst keiner tut (Anmerkung: gute Strategie!) und ich wische mir die Rotze mit dem Arm ab, obwohl ich ein T-Shirt trage und fühle mich total erleichtert. Endlich habe ich mal den Knopf gedrückt. Und dann schalte ich  mal einen Gang zurück. Innerlich. Halte inne und besinne mich. Hole meine Liste wieder hervor. Überlege, was ich erstmal streiche und das ist:

  • die Wäsche werde ich heute nicht fertig machen, auch wenn wir morgen für drei Tage wegfahren
  • die Kinderzimmer werden heute nicht aufgeräumt. Weder von den Kindern noch von mir
  • wir gehen heute Abend zur Döner-Bude und ich kaufe nichts mehr ein (ist eh besser, wenn man verreist)
  • ich werde heute kein neues Kinderfahrrad besorgen, auch wenn es gerade bei Ebay-Kleinanzeigen eines in der Nähe gibt
  • ich werde heute nicht die Wohnung aufräumen, damit jemand – im Falle meines Todes während unseres Urlaubes – von mir denkt, dass ich echt den Haushalt gut im Griff hatte
  • ich werde heute Mittag kochen mit dem was da ist. Und egal ob gesund oder was auch immer.
  • ich werde nicht alleine alles packen, auch wenn es dann heute Abend spät wird
  • ich werde nicht den Rasen vor Abfahrt mähen, auch wenn es nötig wäre
  • ich werde auch nicht in die Waschstraße fahren
  • ich werde mich nicht aufregen und bedauern, dass heute Mittag immer noch das Frühstück von heute Morgen auf dem Tisch steht

Und das verrückt ist: von diesen Dingen muss ich gar nichts machen. Also fast nichts. DAS fällt mir wie Schuppen von den Augen. Ich DACHTE und MEINTE nur, dass ich es machen müssen. Und plötzlich bleibt gar nicht mehr so viel übrig. Und das fühlt sich richtig gut an.

Und nun fahre ich nach Hause. Dusche, weil ich das heute Morgen nicht geschafft habe (ohne Worte…) und mache einen Kaffee. Dann werde ich auf meine Kinder warten und wir werden den Tag genießen. Ich werde mein Handy lautlos machen und mich abmelden und ich werde einfach nur hier sein. Und zwar so richtig. Ich weiß genau was ich will: das Alltagschaos beenden. Wenigstens für heute. Und dann muss ich mich nochmal hinsetzen und überlegen, was ich in meinem Alltag ändern kann und vor allem: MUSS. Und vor allem: warum ich immer meine, was ich alles müsste…Meine Güte!

Denn wenn ich das nächste Mal an diesem Plakat vorbeifahre, werde ich lächeln. Ich werde das Radio unglaublich laut aufdrehen und mich des Lebens freuen, weil ich die Frage mit einem “JA” beantworten kann.

Und das willst du vielleicht auch.

Life, I love you! All is groovy!

Sei dir gut ❤️

5 Kommentare

  1. Katja

    14. Juni 2017 at 12:54

    Ach, Natalia! Ich drück dich unbekannterweise! Wie schön, dass du “raus” gefunden hast aus dem Hamsterrad und dir dessen bewusst geworden bist! Und dir gut bist!
    Schöne Zeit heute und wenn ihr weg fahrt!

  2. Susanne

    14. Juni 2017 at 12:56

    Der alltägliche Wahnsinn. Darüber habe ich heute morgen auch nachgedacht. Es ging zwar um eine kleinere Geschhichte, aber die hat mir wieder einmal gezeigt, wie wenig achtsam ich durchs Leben gehe. Einkaufen ist angesagt. Aus dem Auto raus, Tür verschließen und los mit dem Einkaufswagen. Vor dem auto konnte ich meinen Schlüssel nicht finden (Nachteil großer Taschen). Im auto-Modus habe ich den in irgendeine Seitentasche gesteckt, dies aber nicht bewusst gemacht, sonst hätte ich nicht suchen müssen.
    Das war für mich so ein Aha-Erlebnis auch kleine Dinge bewusst zu tun.
    Ich habe es mir schon vor einger Zeit abgewöhnt, Eine To-Do-Liste zu führen. Die stresst mich nur. Auch wenn ich merke, der Terminkalender könnte zu voll werden, dann wird eine gewisse Zeit mit einem großen Kreuz als “frei für mich” markiert. Ich muss mirauch immer wieder vor Augen führen, wer was von mir erwartet. Ich bin da meist diejenige, die es meint tun zu müssen. Aber wenn die Erkenntnis einmall da ist….
    Ich wünsche eine schöne Auszeit. 🙂

    1. Natalia

      19. Juni 2017 at 0:39

      Liebe Susanne. Danke für deine Worte! Dass du keine to-do Liste mehr hast, macht mich nachdenklich und macht was mit mir… eigentlich will ich das auch. Super wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen, wer was von einem erwartet…Und das Kreuz im Kalender, DAS pflege ich auch gut! Aber die to-do Liste… ich glaube, da geht noch was. Danke für den Impuls!

  3. Britta

    15. Juni 2017 at 16:18

    Liebe Natalia,
    immer wieder denke ich, wie kann das sein, dass Du das was ich fühle so wunderbar zusammenfassen kannst mit Deinen schönen Worten.
    Genieße das Wochenende!
    Alles Liebe, britta

    1. Natalia

      19. Juni 2017 at 0:36

      Lieben Dank! Wie schön, dass du dich wiederfindest! Zusammen ist man weniger allein!

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