Bleibt alles anders

“Und dann habe ich ihr gesagt: ‘Such’ dir halt eine andere Familie! Du bist mit uns unzufrieden. Und wir sind es mit dir.'”
Ich sitze in einem kleinen Warteraum für Eltern. Drinnen turnen fünf Mädchen im Alter von 3-4. Ich lese. Warte. Beteilige mich nicht an den Gesprächen. Aber bei diesem Satz zucke ich zusammen. Mein erster Gedanke: “Dass hat sie nicht gesagt.” Ich hebe den Blick und schaue die Frau an. Sie redet sich all ihren Frust von der Seele. Von den noch immer schlechten Nächten. Von dem Geschreie und Theater nach dem Kindergarten. Von ihrer eigenen Erschöpfung. Davon, dass sie sich die Mutterschaft so anders vorgestellt hat. Dass es ja angeblich wirklich Eltern gibt, die sogar freiwillig (!) noch eines wollen. Es sprudelt so aus ihr heraus. Sie teilt ihre Erschöpfung und ihren Frust. Ihre Traurigkeit und ihre Einsamkeit. Ihre Ohnmacht und ihre Hoffnung. Das ist gut. Und wichtig. Es tut so gut, wenn wir uns mitteilen. Es tut so gut, wenn wir erfahren, dass es anderen ähnlich geht. Es ist so wichtig zu wissen, dass wir nicht alleine sind. Deshalb höre ich ihrem Überfließen unbewusst zu.
Aber irgendetwas beginnt mich zu stören. Sie redet nicht von oder über sich: sie redet vor allem schlecht über ihr Kind.
Ich drehe den Kopf nach links und höre ihre Worte und sehe ihr Kind. Ein Stich ins Herz. Und ich frage mich, ob es nicht gut wäre sich einzumischen.
“Es tut mir wahnsinnig leid zu hören, dass du so erschöpft bist,” sage ich. “Das kenne ich auch sehr gut.” “Du hast ja auch drei davon.”
Meine Antwort: “Ja. Freiwillig. Und ich liebe sie über alles. Aber sie sind die größte Herausforderung meines Lebens. Und überfordert und hilflos habe ich mich auch mit einem Kind gefühlt. Gerade in den ersten zwei Jahren. Es war so anders. So anders als im Hochglanzmagazin. So anders als gedacht und geplant und ausgemalt. So anders, ich als Mutter. So anders wir, als Paar.”
Die Stunde ist zu Ende und mein jüngstes Bündel an Lebensfreude, Energie und Glück springt mir in die Arme. Ich halte und drücke sie fest. Und ich spüre diese tiefe Liebe und Verbundenheit. Und ich spüre meine Verantwortung.
Die Verantwortung und Wahrheit ist: dein Kind ist ok. Es mag anders sein als du gedacht hast. Es mag sich für andere Sachen interessieren, als du wollde. Dein Sohn schaut den Fußball nicht an. Deine Tochter will keine Kleidchen. Das Kinderzimmer sieht nicht aus wie im Katalog. Dein Kind hat Schwierigkeiten zu rechnen. Zu schlafen. Sich zu konzentrieren. Sich anzuziehen. Alleine zu spielen. Egal: dein Kind ist ok.
Es ist unsere Verantwortung das Kind zu respektieren. So wie es ist. Meine Wünsche und Hoffnungen loslassen. Und annehmen, was ist.
Damit ich das kann, ist es meine Verantwortung für mich zu sorgen und mir das anzusehen und das auszuhalten, was mein Kind mir spiegelt. Nimm’ es dankbar an. Dein Kind ist der beste Seismograph für deine Emotionen. Es wird nie entspannter sein als du selbst.
Es ist deine Verantwortung dafür zu sorgen, dass du Freiräume hast. Dass du Entlastung findest. Dass du dich vernünftig ernährst und für körperlichen Ausgleich sorgst. Es ist deine Verantwortung für Ruhephasen zu sorgen und nicht Stress mit noch mehr Aktion und Stress zu kompensieren. Es ist deine Aufgabe für klare und feste Spielregeln zu sorgen, deren Einhaltung oft anstrengend und auch nicht dogmatisch, aber verlässlich sein sollten. Es ist deine Verantwortung das Verhalten deines Kindes nicht persönlich zu nehmen. Du bist nicht die Freundin. Oder der Freund. Eltern sein bedeutet auch: Trainer sein. Erfahrungen zu lassen und machen lassen. Gute und schlechte. Bleib bei dir und nicht bei “wenn…, dann…!” Entschuldige dich aufrichtig, wenn deine Worte und Taten ungerecht waren.
Und ja, es gibt Augenblicke, Tage, Phasen, die sind verdammt anstrengend. Die müssen laufen. Da liegen die Nerven blank. Da wird man und ist man so, wie man niemals sein wollte.
Wenn ich so bin. Wenn ich meine Kinder mehr anschreie, als mir lieb ist. Wenn ich nur noch weg will, aus dieser Familie. Aus dieser Ehe. Dann weiß ich immer STOP! Es ist zuviel. Dann ist es meine Verantwortung zu streichen. Dann ist es meine Verantwortung, obwohl es nicht passt, zum Sport zu gehen. Dann ist es meine Verantwortung eine Freundin zu treffen. Dann ist es meine Verantwortung, den Kindern etwas zuzumuten, weil es wichtig für mich ist. Es ist meine verdammte Aufgabe zu schauen, dass es Freiräumen geben kann und muss. Und wenn es die nicht gibt, dann muss ich dafür kämpfen. Kreativ sein. Weglassen. Absagen. Abgrenzen.
Nur wenn es dir gut geht, kannst du dieser Monstersuperaufgabe irgendwie gerecht werden.
Aber es bleibt dabei: dein Kind ist ok. Du bist es auch. Du bist nicht allein. Sei dir gut ❤️

4 Kommentare

  1. Irrstern

    4. Januar 2017 at 9:41

    Das ist so schön auf den Punkt gebracht – danke 🙂

    1. Natalia

      4. Januar 2017 at 11:50

      Danke dir ❤️

  2. Brit

    24. Januar 2017 at 15:04

    Danke Dir von ganzen Herzen, genau das brauchte ich im Moment!

    1. Natalia

      24. Januar 2017 at 17:29

      Oh, das ist wunderbar❤

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