Dich sein lassen

Ich habe es kommen sehen: wie er den Teller beäugt. Sein Essen begutachtet. Ohne, dass ein Wort seine Lippen verlässt weiß ich es: er mag es nicht.
Einfach so. Nicht probiert, aber schon tausendprozentig sicher. Ich sitze neben meinem Sohn. Kerzenlicht. Der Tisch schön gedeckt. Die glückliche Familie. Bis vor drei Sekunden.
Und er sagt nichts. Stochert unbeholfen in seinem Essen. Führt die Gabel in Zeitlupe zum Mund.

“Was ist?”, frage ich. “Nichts.”
Ja klar! Ich werde langsam sauer.
“Jakob, sag einfach, dass es dir nicht schmeckt. Ok?”
Seine Augen füllen sich mit Tränen.
“Mama, ich will dich nicht traurig machen. Du hast dir so viel Mühe gegeben…” Nun sitzt er tränenüberströmt neben mir. Mein Sohn. Großes Kino. Ich bin gerührt.

-Ja. Das stimmt. Ich habe mir Mühe gegeben. Schon vor dem Wochenende überlegt und geplant, was es zu Essen geben soll. Schon alles besorgt, damit wir freie Zeit haben. Ich habe mir wirklich Gedanken gemacht und mir Mühe gegeben.-

Und ganz ehrlich: ja, irgendwo trifft mich das. Ich bin enttäuscht. Er mag es nicht. Aber ich spüre: das wird jetzt hier ganz wichtig. Hier lernen wir beiden was für’s Leben: ich muss dich sein lassen.
Ich muss deine Gefühle respektieren. Achten. Annehmen. Sie nicht persönlich nehmen, sondern dich als Person so lassen, wie du bist. Nicht von dir enttäuscht sein, sondern mich nicht enttäuschen lassen.
Und das gelingt mir an diesem Abend, weil seine Antwort nicht ein ungeschontes “Mag ich nicht!” war, sondern weil er das, was dahinter steckt sehen und fühlen und zum ersten Mal artikulieren konnte.
Weil er mich gesehen hat.

“Jakob”, sage ich. Er sitzt inzwischen auf meinem Schoß. “Danke, dass du das gerade gesagt hast. Aber weißt du, es wird im Leben immer Situationen geben, in denen ich andere enttäusche oder traurig mache. In denen ich merke, dass der Andere was will und wünscht oder braucht, aber ich es ihm nicht geben kann oder mag, weil es mir nicht gut tut. Weil ich es nicht will. Dann ist es so wichtig, bei sich zu bleiben. Aber den Anderen zu sehen. Es ist mir so viel lieber, dass du ehrlich sagst: ‘Mama, ich will dich nicht traurig machen, aber ich mag das nicht’, als dass du mir zuliebe, nicht gut zu dir bist!”
Wir fühlen uns beide erleichtert. Froh. Nah. Mein Sohn hat eine gute Erfahrung gemacht. Und ich auch. Ich schmiere ein Toastbrot mit Wurst. Es macht mir nichts aus. Ich mach es gerne. Für ihn. Und ich esse meinem Lachs. Seinen auch. Es schmeckt großartig.
Ich lass dich sein. Und ich mich.
Sei dir gut❤️

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