Die Gruppe der bösen Eltern

Ein ruhiger Nachmittag. Beide Großen sind verabredet. Das jüngste Geißlein wünscht sich mit der neuen Playmobil Kita zu spielen. Nach mehreren Anläufen “soll ich dir nicht lieber etwas vorlesen?” oder “wir könnten ein Puzzle machen…” gebe ich mich geschlagen.

Wir spielen Kita. Ungeteilte Aufmerksamkeit. Nur du und ich. Als ich finde, dass es Zeit sei das Spiel zu beenden, tauchen plötzlich Ritter und das SEK auf.

Ich: “Oh, was machen die den hier?”

Kind: (motzig) Die holen ihre Kinder ab.”

Ich: “Und wer ist das?”

Kind: (kalter Blick) “Die Gruppe der bösen Eltern.”

Nun, es war unmissverständlich klar, WER damit gemeint war. Ich kenn diesen Blick von ihr. Sie senkt den Kopf ein wenig und schaut einen dann von unten mit funkelnden Augen an. Und zwar mit dunkel funkelnden, Blitze versprühenden Augen. Es kann auch vorkommen, dass sie uns damit morgens beim Frühstück überrascht. Der Kopf steckt dann in einem Ninjago-Kostüm, das nur die Augen frei lässt. In der Hand eine Spielzeug-Polizeipistole. (Ich bin täglich aufs Neue überrascht, WAS sie alles aus der Verkleidungskiste zieht und kombiniert. Und wehe! Wehe man lacht über das gewählte Outfit…)

Ich frage also vorsichtig nach: “Was machen denn die bösen Eltern?” Bevor die Augen sich mit Tränen füllen schleudert sie mir mit gebleckten Zähnen entgegen: “Das bist du und Papa. Weil ihr nie mit mir spielt. Nie, obwohl ihr es immer versprecht. Und deshalb schlafe ich nie wieder bei dir!” Ich unterdrücke ein Grinsen, da sich die angedrohte Strafe wie ein Sechster im Lotto anfühlt. Ich versuche zu verstehen, was sie gerade so wütend macht. Sie spiegelt mir ja etwas. Und zwar: Enttäuschung. Wut. Ungerechtigkeit.

Ganz ehrlich: ich kann gar nicht nachvollziehen was sie will! Wir beide haben eine ganze, Hallo?! EINE GANZE STUNDE Playmobil gespielt, OBWOHL ich Playmobilspielen hasse. Ich habe es für sie getan. Und jetzt das. Ich könnte denken, und ich fürchte, dass es Kindern auch gesagt wird: “DAS mache ich NIE wieder. Du undankbares Stück.”

Aber ich kommentiere das nicht. Ich denke das nicht. Ich fühle das nicht.

Eines ist ja ganz klar: sie richtet hier eine Botschaft an mich. Ein Bedürfnis. Und da ist es meine Aufgabe: Annehmen. Wahrnehmen. Nicht bewerten. Nicht beurteilen. Nicht persönlich nehmen.

Ich sage: “Es tut mir leid, dass du so wütend bist. Vielleicht möchtest du ja doch irgendwann mal wieder bei uns schlafen.” Und dann will sie auf den Arm und wir gehen gemeinsam runter, weil ich das Abendessen vorbereiten muss.

Diese Situationen habe ich schon so oft mit meinen Kindern erlebt. Und mit zunehmenden Alter werden sie verbal immer besser. Sie treffen auf den Punkt. Mitten ins Herz. Sie spiegeln einen gut. Ich finde es ausgesprochen schwierig, dass dann nicht persönlich zu nehmen. Und doch denke ich, dass es meine Aufgabe als Mutter, als Eltern ist, es nicht persönlich zu nehmen.

“Ich hasse dich.” “Du bist so peinlich.” “Du bist ein Arschloch.” “Du hast mich eh nicht lieb.” “Immer gibst du mir die Schuld.” “Nie hast du Zeit.” “Immer seid ihr weg.” “Das sagst du jetzt nur, damit ich dich in Ruhe lasse…”

Ich könnte die Liste endlos fortsetzen. Und ich bin mir sicher, ihr kennt diese Liste. Und wenn du in dich reinfühlst, vielleicht auch diese Gefühle. Die du als Kind auch hattest: dass alles so ungerecht, ungerecht, ungerecht ist. Und das Schlimmste daran: es interessiert gar keinen. Im besten Fall, bekommt man ja die sofortige Antwort: “Undankbar”, “Unerzogen” “Vorlaut”, “Unverschämt”. „Auf dein Zimmer. Sofort.“

Aber geht es hier nicht vielmehr darum, dass man wahrgenommen werden möchte? Ernst genommen?Bekommst du mich mit? Siehst du mich? Mit meiner Not? Mit meinen Bedürfnissen? Mit meinen Gefühlen? Liebest du mich, so wie ich bin? Mit all meinen Farben? Mit all meinen Narben?

Oder passe ich nicht ins Konzept? In den vollen Alltag. Sind meine Gefühle störend oder belastend? Sollen sie besser weg-gedrückt und weg-geredet werden? Oder weg-beschenkt. Mit immer noch mehr Zeug?

Ich erlebe oft, auch bei meinen Kindern, wie sehr sie funktionieren müssen. Wie oft es mir das Herz brach, meinen kleinen Sohn mit MaxiCosi und Milchflasche um 7:00 Uhr zur Kita zu bringen. Weil ich immer um 7:30 Uhr bei der Arbeit sein musste? Jeden Morgen. Und ich habe es ihm zugemutet. Er hat das auch prima mitgemacht. Zuerst. Dachte ich. Aber mit der Zeit konnte er sich immer schwerer trennen. Wollte nur noch bei uns schlafen. War weinerlich. Und ganz ehrlich: ich weiß nicht, wie oft mir gesagt wurde: “Das ist normal”. “Da müssen sie halt durch”.

Aber ich habe entschieden, dass ich das nicht so will. Ich musste mit meinem Arbeitgeber sprechen, dass ich später anfangen muss. Wir brauchten zu Hause einen ruhigeren Start. Wir haben finanzielle Einschnitte hingenommen, weil ich Stunden reduzieren musste. Das, was mit Kind Nummer Eins scheinbar problemlos klappte, ging mit Nummer Zwei nicht mehr.

Und so war das für uns Eltern ein Lernprozess: wo muss es und kann es nicht anders sein? Aber auch: wo müssen wir uns hinterfragen? Wo müssen wir neu denken? Wo müssen wir es anders machen?

WAS will mein Kind mir sagen? Was steht dahinter? Bestimmt nicht, dass es mich nicht liebt und mag. Wenn ich das denke, dann habe ICH das Problem. Nicht das Kind.

Zurück zu den bösen Eltern. Ich und wir sind hier immer böse. Irgendwo habe ich mal von Jesper Juul gelesen: “Gewöhnen Sie sich einfach daran das Arschloch zu sein.” Versuche ich. Denn Eines ist ja klar: ich bekomme immer Widerstand. Immer. Beim Essen. Beim Schlafen. Beim Thema Schule. Immer.

Und Eines ist auch klar: DAS muss ich aushalten. Es ist meine verdammte Aufgabe als Eltern auch Trainer zu sein. Und der Trainer bleibt immer cool. Das gelingt nicht immer. Und manchmal auch gar nicht. Aber ich habe gemerkt, dass ich immer dann ausflippe, persönlich und ungerecht werde, wenn ich meine Grenzen nicht eingehalten habe. Wenn ich nicht gut auf mich geachtet habe. Wenn ich nicht gut zu mir war. Wenn ich es persönlich nehme.

Was uns sehr geholfen hat: wir haben einen festen Rahmen zu bestimmten Themen: Essen. Schlafen. Kinderzimmer. Schule. Beispiel: Wir essen von 18:00-18:30 Uhr. Gemeinsam am Tisch. Ohne Spielzeug. Ohne Handy. Ohne irgendwas. Familienzeit. Unsere Erwartung: wir sitzen gemeinsam am Tisch. Nicht: wir essen. Ob jemand was essen möchte ist mir total egal. Wirklich. Das, was da steht, wird gegessen. (Ausnahmen bestimmen die Regel ). Und um 18.30 Uhr ist das Essen zu Ende. Danach wird sich nicht mehr umentschieden, dass es nun doch schmeckt. Oder der Hunger so groß ist. Ein Angebot war da. Nicht angenommen. Wird nicht kommentiert (“Immer dasselbe mit dir…” “Selbst schuld…”) Wir Eltern bleiben cool. WIR haben nämlich gegessen. Und das Kind verhungert hierzulande glücklicher Weise nicht.

Das Gleiche beim Thema schlafen. Wir wollen ab ca. 20:00 Uhr Elternzeit haben. Unsere Zeit. OHNE Kinder. Die Kinder sind in ihrem Zimmer. Im Bett. Licht ist aus. Ob sie schlafen oder nicht. Ob sie sich Witze erzählen oder nicht, ist mir absolut egal. Wichtig ist: in ihrem Zimmer. Im Bett. Licht aus. Ich habe meine Ruhe. Punkt.

Wo ich entspannt bin: was ziehen sie an? Ich habe hier die unmöglichsten Outfits gesehen. Ganz ehrlich: mir egal. Passt zur Jahreszeit. Kind zieht sich alleine an. Alles gut. Welches Spielzeug sie sich wünschen? Ihre Sache. Nicht meine, dies zu kommentieren. Ich muss es ja nicht kaufen. Aber denn Wunsch respektieren.

Mein Kind will nicht zu dem Kindergeburtstag gehen. Das ist ok. Ich frage nach: „Warum nicht?“ Und meistens gibt es eine sehr genaue Antwort des Grundes. Da muss und sollte ich nicht überreden. Ich sollte mich freuen, dass mein Kind so bei sich ist und das spürt. Ich sollte es ermutigen. Bei uns zu Hause machen wir es so: wenn die Einladung kommt, frage ich mein Kind zuerst. Und wenn die Einladung als WhatsApp kommt ebenso. Und wenn mein Kind nein sagt, dann bedanke ich mich höflich für die Einladung und erkläre, warum es nicht kommt. Punkt.

Aber wenn es gehen will, und das ist meistens der Fall, dann geht es auch. Dann ist es keine spontane Entscheidung, weil man es gerade nicht will. Entscheidung bedeutet: verlässlich sein.

Ich denke, dass es absolut notwendig ist zu schauen: wo muss ich einen Rahmen setzten. Und wo könnte ich entspannter sein? Und warum bin ich es nicht? Vielleicht weil:

  • weil jemand anderes dann über mich denken oder sagen könnte…WAS?
  • weil es nicht zum Status? Ins Bild passt?
  • weil man es so nicht macht?
  • weil…

Wozu ich dich ermutigen möchte? Dass du weißt: du bist eine wunderbare Mutter. Ein wunderbarer Vater. Ein wunderbarer Mensch. Du gibst dein Bestes. Du hast deinen Wert in dir! Nimm es nicht persönlich, wenn dein Kind dich kritisiert. Oder dein Partner. Oder wer auch immer. ABER: nimm es ernst. Und prüfe es und dich. Nicht im aktuellen Gesehen, sondern dann, wenn du ehrlich zu dir selbst sein kannst.

Gerade Kinder halten uns einen Spiegel vor. Ich denke, dass wir mutig sein sollten einen Blick darein zu wagen. Mit offen Augen und mit offenem Herzen. Und dass wir immer wieder eines gerne sind: die Gruppe der bösen Eltern.

Sei dir gut ❤️

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