Ehrlichkeit. Mir selbst gegenüber.

Ich liebe Popeye. Vielleicht erinnert ihr euch an den kleinen, stämmigen Seemann mit den großen Muskeln und den schiefen Mundwinkeln. Popeye ist eigentlich ein gutmütiger, lockerer Typ, der durch das Leben gelassen und fröhlich geht. Sein emotionales Gleichgewicht wird aber immer wieder durch ein paar fiese Typen gestört, die ihm auch körperlich ans Leder wollen. Ein paar Mal schafft er es, dies abzublocken. Aber irgendwann kommt der Moment, an dem es knallt: Popeye ruft: „That’s all I can stands – I can stands no more“ DAS ist mehr als ich ertragen kann – mehr kann ich nicht ertragen…“ Dann holt er sich eine Dose Spinat, reißt den Deckel auf und schluckt den ganzen Inhalt der Dose auf einmal. Dann streckt er seine Muskeln und wehrt sich sehr erfolgreich. Gegen alles Unrecht. Gegen feiges Verhalten.

Ich fühle mich oft wie Popeye. Wenn mich etwas grundlegend stört, es gegen meine tiefsten Werte und Überzeugungen geht, dann merke ich dieses Gefühl sofort im Bauch. Ich kenne auch das Gefühl, dass das Herz wortwörtlich schmerzt. Und das ohne eine kardiologische Erklärung. Das schönste Kompliment habe ich von meiner Freundin bekommen: „Ich weiß, dass du wie eine Löwin für mich kämpfst.“ Und das stimmt. Nicht nur für sie.

Viele Jahre musste ich mit diesem starken Gefühl umzugehen lernen. Es ist auf Dauer unglaublich anstrengend, wenn man immer irgendwo eine Ungerechtigkeit wittert.

Sehr wertvoll und hilfreich war es für mich, als ich merkte, dass ich dieses Gefühl auch mir selbst gegenüber wahrnahm. Wenn ICH mich ungerecht behandelt fühlte. Wenn ich MICH angegriffen und getäuscht fühlte, zu wenig geachtet und wertgeschätzt. Auf meiner langen Reise zu mir selbst habe ich erkannt, dass ich meine heftigsten Wutausbrüche, meine größten Gefühlsschwankungen zwischen Liebe und Hass immer dann hatte, wenn es um mich ging.

Ich lebte aus einem Mangel heraus. Ich wollte gesehen werden, sah mich aber selbst nicht. Ich wollte Lob und Anerkennung, war aber mein größter Kritiker. Brauchte Unterstützung und Hilfe, war aber zu feige oder zu stolz, um mir Hilfe zu holen oder wenigstens danach zu fragen. Und nach vielen Jahren, der Missachtung meiner selbst, nach Jahren der Selbstanklage, kam der Schmerz, der die Schmerzgrenze übersteigt. So konnte und wollte ich nicht weiterleben. Weitermachen. Dieser Schmerz forderte eines ein: Ehrlichkeit.

Ich bin mir sicher, dass jeder Mensch in seinem Leben irgendwann an seinen Popeye-Moment kommt. Der Punkt, an dem man merkt „so geht es nicht weiter.“

Und das können ganz unterschiedliche Bereiche im Leben sein.

„So geht es nicht weiter…

  • nicht in diesem Beruf
  • nicht in dieser Ehe
  • nicht in der Beziehung zu Eltern oder Geschwistern
  • nicht mehr rauchen
  • nicht mehr zu viel Essen“

 

Erst wenn dieser Punkt erreicht ist, wird man wirklich bereit sein etwas zu verändern. Man spürt, dass dieser Schritt einen großen, wahrscheinlich auch schmerzhaften Preis kostet, aber man ist bereit, diese Konsequenz zu (er-) tragen.

Und das ist wahrlich ein großer Schritt. Ein mutiger noch dazu. Sich selbst gegenüber ehrlich zu sein bedeutet, dass man sich im Spiegel anschaut und sich die Maske abnimmt. Vielleicht sogar einen ganzen Panzer. Oder eine Rüstung. So lange bis man sich sieht. Vielleicht zum ersten Mal nach langer Zeit. Und plötzlich  sieht man sich und spürt: „Das bin ich. Mit all meinen Narben. Meinen Wünschen. Meinen Enttäuschungen. Meinen Erwartungen. Meinen Hoffnungen. Auch den verlorenen.“ Und das fühlt sich sehr fremd und einsam an. Ohne Schutz. Aber auch echt und leicht. Ehrlich halt.

Ein weiterer Popeye-Moment in meinem Leben: bei einem Müttertreff vor einigen Jahren kam ich mit einer Frau ins Gespräch. Wir saßen auf dem Boden, sie vollbeschäftigt mit ihren zwei kleinen Kindern. Sie war völlig überfordert, den Tränen nah und von außen betrachtet war das absolut verständlich. Ihr Mann wollte sich beruflich verändern und hatte eine Stelle weit weg angenommen. Natürlich nicht ohne ihr Einverständnis. Und da die Entfernung so groß war, sah er sich nicht in der Lage, am Ende der Woche nach Hause zu kommen. Und sie gab sich die Schuld zu versagen, das alles hier nicht mehr zu schaffen.

In mir breitete sich eine so unglaubliche Wut auf ihren Mann und tiefes Mitgefühl für sie aus. Beim Nachfragen stellte sich heraus, dass die beiden natürlich miteinander alles besprochen hatten Aber nie wirklich ehrlich. Wenn sie ehrlich zu sich selbst gewesen wäre, wenn sie sich mehr geachtet hätte, hätte es einen Konflikt gegeben. Und zwar einen gewaltigen. Aber zu meinen, dass man dem ausweichen kann, ist eine Illusion. Man verschiebt nur. Weil man die Wahrheit nicht aushalten kann.

Als ich sie fragt, was sie denn nun brauche und was ihr guttun würde, hatte sie keine Antwort. Als ich sie fragte, was sie den spüre, kam die Antwort überraschend schnell und klar: „Das Fühlen und Spüren habe ich mir schon lange abgewöhnt. Wenn ich nur ein klein wenig wieder fühlen würde, bricht hier alles zusammen.“ Und genau hier. An dieser Stelle war sie absolut ehrlich zu sich selbst. Sie hat die Wahrheit ausgesprochen. Und sie war davon selbst am meisten überrascht. Und es konnte der Beginn etwas Neuem werden.

Und so möchte ich dich in dieser weitern Woche unserer 7 Wochen-Challenge dazu ermutigen ehrlich dir selbst gegenüber zu sein.

  • Wovor läufst du weg und wohin will dein Herz?
  • Fällt dir eine Situation ein, in der du „Nein“ wolltest, aber nachgegeben hast?
  • Welche Maske ist dir anstrengend geworden? Welche Rüstung zu schwer?

Wenn du dich in Ehrlichkeit dir selbst gegenüber übst, wird es dir leichter fallen, auch anderen ehrlich gegenüber zu sein. Und ganz ehrlich: sich verletzlich zu machen, ist ein wahnsinnig mutiger Schritt. Und keine Schwäche.

Sei dir gut ❤️

5 Kommentare

  1. Dieverlorenenschuhe

    6. April 2017 at 12:41

    Hallo Natalia? Darf ich Deinen tollen Text rebloggen und auf meinem Blog darauf eingehen? Ist zumindest mein spontaner Wunsch, Du triffst mit Deinen Worten gerade mitten in mein Herz. Ganz liebe Grüße von mir an Dich.

    1. Natalia

      6. April 2017 at 13:23

      Sehr gerne. Danke!

  2. Ehrlichkeit – sich selbst gegenüber « Die verlorenen Schuhe

    9. April 2017 at 22:13

    […] Heute möchte ich Euch wieder einmal auf einen wundervollen Text aus einem anderen Blog aufmerksam machen, dessen Lesen sich so unheimlich lohnt. Den Beitrag von Natalia findet Ihr hier in voller Länge. […]

  3. Mamawillswissen

    16. April 2017 at 21:05

    Dein Text trifft gerade genau meine Situation – und ich heule, heule, heule….
    „Popeye-Moment“, danke für diesen Namen.
    Ehrlich mir selbst gegenüber – mein erster Gedanke „und dann?“, dann bricht alles zusammen oder dann wird alles besser oder dann fange ich endlich an, etwas zu tun, etwas zu ändern, aber wie? Fragen über Fragen, aber danke für den Text, er trifft und gibt wieder einen Schubs in die richtige Richtung.

    1. Natalia

      17. April 2017 at 22:36

      Danke für deine ehrliche Antwort! Ich wünsch dir, dass du ganz viel Klarheit in deine Gedanken bringen kannst und dich nicht entmutigen bist, den Schubs für dich zu folgen!

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