Ein Hoch auf uns – zum Valentinstag

Allein die zeitliche Nähe ist schuld. Wirklich. Wir hatten gerade ein kinderfreies Wochenende geschenkt bekommen. Und das zwei Tage vor Valentinstag, der mir und uns wenig bedeutet. Aber für viele Menschen ist er sehr wichtig. Ein Tag, an dem es um Aufmerksamkeiten geht. Um’s gesehen werden. Um’s wahrgenommen werden. Um’s geliebt werden.

Und danach sehnen wir uns ja alle.

Bei uns war es genau DAS, was zu den größten Konflikten geführt hat. Während mein Mann sich meistens glücklich und geliebt fühlt, schön für ihn! hatte ich sehr häufig das Gefühl nicht gesehen zu werden. Während mein Mann sich meisten super findet, sehr schön für ihn! hatte ich meistens das Gefühl, nicht zu genügen. Auf Grund unseres unterschiedlichen Temperaments haben wir hier schon die unglaublichsten Szenen miteinander erlebt und, ganz ehrlich, sie kommen manchmal einem Hollywoodfilm sehr nah.

Ich schildere das mal kurz und ehrlich:

Ich bin bemüht hier Haushalt, Kinder und meine Arbeit unter einem Hut zu bekommen. Und es ist ganz einfach: viel. Punkt. Ich versuche es allen Recht zu machen. Die Geburtstagsgeschenke besorge ich. Und zwar nicht nur für meine Kinder und für meinen Mann, sondern auch für den Rest der Familie, bzw. ICH gebe den Anstoß zur Erinnerung, dass da noch was wäre. Die Kinder sind angemessen und jahreszeitlich korrekt gekleidet. Unsere Wäsche ist sauber und in den Schränken, wobei es in vier Schränken ordentlich aussieht und in meinem nicht. Das liegt daran, dass ich beim fünften Schrank keine Lust mehr habe, aber auch in Wirklichkeit eher großzügig bin, wenn es um meine Ordnung geht. Mein Mann unterstützt mich, wenn er da ist, wo er kann und ist den Kindern ein wunderbarer, präsenter Vater. (Wobei mich dieses Heldentum an manchen Tagen, an denen ich nur für „das Grobe“ zuständig bin, auch echt nervt… good guy – bad guy. Ich gehe davon aus, dass ihr wisst, was ich meine…)

Kurz, es ist ein wunderbarer Sommertag. Wir wollen Abendbrot essen. Draußen. Familienidylle pur. Wenn ich nicht noch drei Kindern die Läuse auskämmen müsste, wäre auch mein Glück nahezu perfekt. So ruft mein daherkommender Mann fröhlich hoch, dass er sich um das Abendbrot kümmere. Toll. Ich sage doch, alles bestens. Aber als ich kurz darauf in die Küche kommen, habe ich das Gefühl, einem Fremden gegenüber zu stehen. Ich fühle, dass etwas Furchtbares passiert sein muss. Und ich ahne: ICH habe etwas getan. In Sekundenschnelle versuche ich alle möglichen Fehlerquellen ausfindig zu machen. Mir fällt nichts ein. Ehrlich. Wirklich.

Natürlich spreche ich ihn an. Etwas unsicher. „Äh, ist etwas?“

„Nein, was soll denn sein?“ Aber sein Blick. Sein Blick sagt etwas ganz Anderes.

Nach kurzem hin und her rückt er mit der Sprache raus. Es ist ein immer wiederkehrendes Thema: die Befüllung unseres Kühlschranks. Nun. Ich versuche ruhig zu atmen. Ich versuche gelassen zu bleiben. Ich versuche zu verstehen, WAS er mir sagen will. Und das nicht zum ersten Mal. Aber irgendwann kommt so ein Stichwort. Es hat nichts mit der Situation zu tun. Es hat nichts mit ihm zu tun. Es hat was mit mir zu tun. Denn das, was ich fühle ist: „du bist unfähig einzukaufen und dafür zu sorgen, dass der Laden hier läuft.“ 

DAS HAT ER NICHT GESAGT.

Aber in mir bricht sich eine Wut die Bahn, dass mir selbst angst und bange wird. Ein altes Gefühl von „ich genüge nicht“. „Nie kann ich es gut machen.“ „Immer sind alle besser“. „Immer bin ich schuld“ „Immer…“

Und so reiße ich den Müllbeutel, 60 Liter, aus dem Eimer. Und schmeiße alles, und ich meine alles, weg, was sich im Kühlschrank befindet. Inklusive der Salatschüssel meiner Eltern, denen ich das aber inzwischen gebeichtet habe.

Und dann packe ich den Beutel in die Tonne. Und renne hoch und packe meinen Koffer und denke: „das war es jetzt. Ich bin doch nicht verrückt.“ Leider vergesse ich Handy, Portemonnaie und mein Kontaktlinsendöschen, so dass mein Ausflug mehr dem eines wütenden Kindes ähnelt.

Und später vertagen wir uns. Und liegen uns in den Armen. Ich meistens weinend, um Verzeihung bittend, und er, mich festhaltend, aber ohne weinen, auch.

„Wenigstens ist es mit dir niemals langweilig“, ist ein wirkliches Liebesgeständnis von ihm an mich.

Wir müssen uns beide aushalten und ertragen. Wir mussten beide durch tiefe Täler gehen. Jeder alleine mit seinem Rucksack und auch gemeinsam, weil das Marschgepäck der Rucksäcke manchmal nicht unbedingt gute Wegzehrung bedeutet.

Wir mussten unsere Werte als Familie finden. Vorstellung angleichen. Grenzen abstecken. Vertragen. Und ja: auch vergeben.

Er musste lernen zu sagen, was er meint und will. Und besonders: das zu fühlen. Und ich musste lernen, dass er nicht mein Feind ist, der mir Böses will und von daher nicht sofort in Deckung oder Angriff gehen, wenn er mir etwas sagt.

Was es für uns beide leichter gemacht hat war und ist: wir wollten immer uns. Wir sind beste Freunde. Wir lachen und streiten. Wir loten aus. Wir stecken ab. Wir erzählen uns. Von dem, was uns bewegt. Von dem was uns Sorge macht und von dem, was uns beglückt. Wir tauschen uns regelmäßig aus, wie wir unser Leben finden. Machen Inventur am Jahresanfang. Was wollen wir? Und wie? Und mit wem? Wir pflegen gemeinsame Freundschaften, aber auch die eigenen. Wir ermutigen uns und können uns aufeinander verlassen. Wir erleben Streit nicht mehr als Bedrohung. Sondern als Zeichen dafür, dass wir uns aneinander reiben müssen, wenn wir gemeinsam alt werden wollen. Einfach, weil es so viel Reibungsverlust gibt. Weil es das Leben einfach hergibt. „Man kann sich auch mal unglücklich und einsam fühlen, obwohl man nebeneinander liegt. Dass heißt nicht, dass die Beziehung schlecht ist, sondern dass man eine hat“, sagt der Philosoph Jan Drost. Und ich finde: DA ist was dran.

Als ich mit unserem ersten Kind schwanger war, haben wir gelesen, dass ein Babysitter immer günstiger komme als eine Scheidung. Das war weise. Und so haben wir einmal die Woche einen Babysitter. Und das kostet was. Es gab und gibt Abende, da gehen wir einfach spazieren. Und reden. Hauptsache raus aus dem Trott. Raus aus der Routine. Es gibt Abende, da gehen wir eine Pizza essen. Manchmal auch nur auf ein Bier um die Ecke. In uns haben wir immer investiert. Und dafür woanders verzichtet.

Wir mussten lernen, dass ich mich geliebt fühle, wenn ich Hilfsbereitschaft erfahre. Und Zweisamkeit. Dass mein Mann allerdings glücklich ist, wenn ich ihm Lob- und Anerkennung zu teil werden lasse. Und Zärtlichkeit. Und damit meine ich nicht nur Sex. Ich meine damit, dass ich mich emotional zurückziehe, wenn ich mich nicht geliebt fühle und ihn dann mal schön auf Abstand halten kann.

Und Sex. Ja, das ist ja eh ein großes Thema in wirklich allen Partnerschaften. Und die Gründe fangen bei Schlafmangel an und hören bei was auch immer auf. Auch da muss man Wege finden. Gemeinsam. Denn gerade in Langzeitbeziehungen ist es häufig gar nicht einfach, sich dafür bewusst Zeit zu nehmen. Und Raum zu geben. Da gibt es Enttäuschungen und Zurückweisungen. Und zwar auf beiden Seiten. Und beide Seiten müssen sich bemühen.

Was für mich und uns wirklich etwas verändert hat war, als ich vor einigen Jahren lernte mich selbst zu lieben. Anzunehmen. Mich wichtig zu nehmen. Meine Bedürfnisse zu äußern. Das hat uns so entlastet. Mein Mann ist nicht für mein glücklich sein verantwortlich. Mein Mann kann mich lieben so viel er will. Wenn ich mich nicht liebe, kommt davon nichts an. Wenn ich nicht für mich selbst sorge, werde ich ihm neidisch alles vorwerfen, was er für sich tut. Es wird das Herz bitter machen. Sich selbst lieben bedeutet eine neue Freiheit. Es bedeutet nicht, dass man die Liebe des Partners nicht braucht. Im Gegenteil. Erst, seitdem ich mir gut bin, kann ich Liebe ganz anders spüren und fühlen. Und auch: zulassen.

Morgen ist Valentinstag.

Du bist liebenswert. Und wichtig. Ob mit oder ohne Partner! Die wichtigste Liebesbeziehung hast du mit dir selbst. Liebe dich. Nimm dich an. Sei dir gut. Vergiss nicht, dass das, was dich ausmacht unabhängig von einer Beziehung ist. Es gibt so viele Möglichkeiten zu lieben und geliebt zu werden, die nix mit Schokolade und Blumen zu tun haben.

Sei dir gut ❤️

 

6 Kommentare

  1. Sonja

    16. Februar 2017 at 12:03

    WOW, WOW, WOW! Man muss vorsichtig sein mit Kommentaren wie „das ist der beste Blogeintrag, den ich überhaupt jemals irgendwo gelesen habe“, aber es kommt dem EXTREM nahe 🙂 – und mir fehlen die Worte…
    Mach nix: Ich lese Deine Zeilen einfach immer und immer wieder. Und drucke das Ganze aus, und steck das den Kindern in die Erinnerungskisten, und teile und diskutieren und les wieder – ach. Wie schön! Danke, Danke, Danke! Von Herzen liebe Grüße Sonja.

    1. Natalia

      16. Februar 2017 at 13:38

      Wow, Sonja! Danke dir! DAS ist ja ein Lob. Dir von Herzen einen guten Tag. Und: lies noch mehr Beiträge hier – vielleicht findest du noch was fürs Kästchen ?

  2. Dorota

    21. Februar 2017 at 18:48

    Ich muss fast heulen! Ich finde mich so sehr in dir wieder, dass es fast unheimlich ist. Das mit dem Kühlschrank und der Mülltüte… und den Läusen und dem alle an alles erinnern… und dem Mann der toll ist und mein bester Freund. Das bin ich. Naja und du. Und so viele andere Frauen. Danke vom Herzen!

    1. Natalia

      22. Februar 2017 at 20:19

      Liebe Dorota, danke für deine Worte. Unglaublich, wie ähnlich wir Menschen uns manchmal sind. In unserer Tun, Denken und Fühlen.
      Ich freue mich, wenn ich dir gut sein konnte ❤️ Herzlichst, Natalia

  3. Andrea

    5. März 2017 at 6:42

    Ein wundervoller, greifbarer Beitrag, der mir Mut macht, auf meinem Weg weiterzugehen. Jede Frau sollte sich mit rotem Lippenstift ein Memo auf den Badezimmer schreiben: ich bin genug.
    Danke, Natalie, für diese Zeilen. Sie berühren mich sehr. Und wecken warme Gefühle für meinen Mann und besten Freund, der seelig neben mir schlummert, während ich mir den Kopf zerbreche, wie das mit Kind (in Planung!), Job (Selbständigkeit aufbauen oder doch lieber „Sicherheit“ Feststellung? ) und sonst so gehen soll. Nun: es wird gehen. Zusammen kriegen wir das hin.

    1. Natalia

      5. März 2017 at 8:25

      Liebe Andrea. Danke für deine Worte! Wie schön, du das geschrieben hast. Und über deinen Mann. Und ja: schreib dir das auf den Badezimmerspiegel! Super Idee. Und sei beruhigt: es wird gelingen. Vielleicht muss man Umwege gehen und es kommt anders als gedacht und erhofft, auch: als erwartet. Aber, wenn du und ihr im Gespräch seid und offen seid für das was kommt, dann bekommt ihr das hin. Und ganz ehrliche: mit Kind sieht die Welt so aus. Nicht besser. Aber so anders, dass man es sich nicht annähernd vorstellen kann. Und wenn man dann offen ist, auf dieses anders, wird alles gut gelingen können. Alles Gute dir und euch.

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