Gleichgewicht

Ihr Lieben,

eins mal vorneweg: Menschen. Sind. Unterschiedlich.

Wir sehen unterschiedlich aus. Wir sind unterschiedlich belastbar. Wir haben ein unterschiedliches Temperament.

Zum Glück!

Es macht daher nur wenig Sinn, dass wir uns vergleichen. Wenn wir uns vergleichen, dann sind wir nicht bei uns. Dann sind wir beim Anderen. Und wenn du immer auf der einen Seite der Waagschale bist, dann kann sie nie ins Gleichgewicht kommen. Wir alle kennen das Gefühl “aus dem Gleichgewicht zu sein.” Und das zieht Energie. Und manchmal verstehen wir gar nicht, WAS uns da etwas zieht. Es liegt verborgen in uns.

Warum und wieso wir aus dem Gleichgewicht geraten, hat unterschiedliche Gründe. Dabei gibt es beeinflussbare sowie unbeeinflussbare Faktoren, die Auswirkungen auf unser Leben haben. Wenn in unserem Leben etwas in Bewegung gerät – egal ob positiv oder negativ- das hat das Auswirkungen auf? Richtig: unser Gleichgewicht. Ich vergleiche das Leben ja gerne mit einem Mobile. Es gibt Zeiten, da schwebt es scheinbar mühelos über den Dingen. Aber manchmal reicht ein leicht geöffnetes Fenster, ein Luftstoß nur, der es in Bewegung bringt. Und dann braucht es einige Zeit, bis es sich wieder eingependelt hat. Bis es wieder im Gleichgewicht ist.

Mich annehmen.

Im Zusammenhang mit dem Film “Embracehat sich bei mir auch nochmal einiges in Bewegung gesetzt. Und zwar deshalb: ich habe in den letzten Wochen ganz bewusst abgenommen. Es war ein langer Wunsch, der gerade bei einigen Frauen, auf absolutes Unverständnis gestoßen ist. Daher habe ich mich gar nicht getraut es zu erzählen, obwohl ich mir Unterstützung und Anfeuerung an der Wegstrecke durchaus gewünscht hätte. “Wieso das denn?” oder “Das hast du doch gar nicht nötig” waren einige Reaktionen. “Das hätte ich von dir aber nicht gedacht…” Dabei ging und geht es doch gar nicht darum, ob “ich es nötig hätte”, sondern einzig und allein darum, dass ich das wollte. Und zwar NICHT, um einem Ideal zu entsprechen, sondern um endlich, nach vielen Jahren wieder mein inneres Gleichgewicht zu bekommen. Es war einzig und allein meine Idee, weil ich gemerkt habe, dass dieses “sich nicht wohl in meiner Haut fühlen” für mich ein Energiekiller ist.

Ich habe in allen drei Schwangerschaften 25 KG zugenommen. Einfach so. Ungerecht. Unterschiedlich verteilt. Gefühlt: ich bin Opfer meiner Umstände. Und in diesem Fall stimmte das sogar! Da hilft kein Vergleichen. Meine Zwillingsschwester hat in ihren drei Schwangerschaften unter so brutalen Erbrechen gelitten, dass sie nach der Entbindung immer leichter und dünner war als vorher. Aber ganz ehrlich: wäre hier ein Vergleich angebracht? Natürlich nicht! Denn während es mir blendend ging, ging es der Ärmsten hundeelend. Und ja, danach war ich manchmal schon neidisch. Aber da habe ich auch echt einen an der Waffel gehabt, denn TAUSCHEN, nein DAS hätte ich nicht gewollt. Ich wollte nicht tauschen, aber ich wollte mich wieder wohl in meiner Haut fühlen. Ich wollte nicht so sein wie vorher. Ich wollte mich nur wieder annehmen. Nicht mehr und nicht weniger.

Nein, ich wollte nicht abnehmen, weil ich mich zu dick fand. Auch nicht, weil ich mich nicht schön fand. Sondern nur, weil ich endlich mal wieder im Gleichgewicht sein wollte.

Ich habe mir dieses Geschenk gemacht. Und viel über mich gelernt. Was ungemein spannende Erkenntnisse während dieser Wochen war:

  • ich esse, um mich zu belohnen
  • ich esse, um meinen Schmerz zu betäuben (also irgendein Loch in mir zu füllen)
  • ich esse einfach total gerne
  • ich kann komplett auf Zucker verzichten
  • ich kann extrem diszipliniert sein
  • ich kann etwas durchhalten

Woran ich gemerkt habe, dass ich einen Mangel mit Essen ausfülle? Weil mein Essverhalten gar nichts mit Genuss zu tun hatte.

Genuss

Ich liebe Essen. Schon immer. Ich liebe es schön zu kochen und zu backen. Wir achten auf eine ausgewogene, gesunde Ernährung. Und natürlich stehen immer wieder Pommes und Co auf dem Speiseplan. Gehört Eis zum Sommer und Kekse zum Winter. Natürlich gehört Popcorn zum Film und Chips auf die Party. Und ja: ich habe einen süßen Zahn. Und einen für Mettwürstchen…

Unsere Kinder dürfen Süßes essen. Jeden Tag. Süßes ist bei uns weder Belohnung noch etwas Besonderes. Einzige Bedienung: sie müssen FRAGEN, wenn sie etwas wollen und ein NEIN akzeptieren, wenn wir es auf Grund von Uhrzeit oder Menge einschränken. Und ganz ehrlich: damit fahren wir sehr gute denn Süßes hat absolut keinen Reiz für die Kinder. Und zwar: NULL.

Ich bin Arztfrau und ich weiß, dass es ganz einfach absolut notwendig ist körperlich im Gleich-Gewicht zu sein. Nicht nur, dass man sich leichter und besser fühlt. Man ist auch wesentlich belastbarer, mobiler. Und vor allem: gesünder. Und daran gibt es nichts zu drehen oder zu beschönigen. Viele Krankheiten sind auf Über-Gewicht zurückzuführen. Und wenn du im Über-Gewicht bist, dann bist du eben nicht im Gleich-Gewicht. Und wenn du im Unter-Gewicht bist, ebenso wenig. Beides ist nicht gesund. Auch wenn du dich wohl in deiner Haut fühlst, was wunderbar ist. Aber gesund ist das auf Dauer für deinen Körper nicht. Weder zu wenig, noch zu viel. So ist das ja immer, dass „der goldene Mittelweg“ meistens was für sich hat.

Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass ich, wenn ich aus dem Mangel lebe, Schokolade inhaliere. Ich stille meine Sehnsucht nach Ruhe, meine Traurigkeit, meine Überforderung, meinen Stress. Ich sehne mich danach den Schmerz zu stillen, wenn ich mit jemandem Streit habe, wenn ich meine Angst unterdrücke oder versuche in Schach zu halten. Meine Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Sicherheit, nach Angenommensein, wird dann zur Sucht.

Sehnsucht

Und ich weiß nicht, was du inhalierst, ertränkst oder was auch immer, aber ich kann guten Gewissens sagen, dass das Inhalieren einer Tüte M&Ms absolut NICHTS, REIN GAR NICHTS, mit Genuss, sondern mit betäuben zu tun hat. Denn bei Genuss kommt es nicht auf die Menge an. Aber ich habe das Gefühl, dass ich diese Tüte essen muss, damit es leichter wird. Damit es nicht so weh tut. Oder was auch immer. Das ist kein BEWUSSTES Verhalten. Es ist ein ablaufendes Muster. Antrainiert. Auch: liebgeworden. Und ich glaube, dass das Rauchen morgens im Regen bei kalten Temperaturen an der Bushaltestelle genauso wenig mit Genuss zu tun hat, wie das übermäßige Essen. Der Wohlfühleffekt ist leider nur kurzfristig.

DAS, wonach wir uns sehen, wird uns zur Sucht. Zur Sehnsucht nach Liebe. Nach Anerkennung. Nach Gesehen werden. Nach: geliebt werden. Nach: angenommen werden. Und sein. Vorbehaltlos. Ohne Gegenleistung.

Mir haben diese Wochen wahnsinnig gutgetan dieses Muster bei mir zu entdecken und zu verstehen.  Ich habe endlich etwas angepackt. Ich konnte so viel über mich lernen und etwas verändern, was WEIT über den Wunsch ein paar Kilos zu verlieren ging. Weil ich meine Muster das erste Mal verstanden habe. Und weil mir die Ursache klar geworden ist, bin ich nun nicht mehr Opfer meiner Umstände.

Und hierbei ist es absolut notwendig und wichtig: aufrichtig zu sich selbst zu sein. Für mich war klar: ich will meinen Körper wieder mehr lieben. Ich will mich wohl in meiner Haut fühlen. Einzig und allein in meiner. Ich will wieder ins Gleichgewicht kommen. Ich mache das nur für mich.

Mir ist klar geworden, WIE stark diese Sehnsüchte sind. Wie oft wir aus einem Mangel heraus leben. Und auch, dass wir oft meinen, dass wir diesen Teufelskreis nicht durchbrechen können. Das stimmt teilweise auch. Manchmal ist es zu schwer alleine etwas zu verändern. Manchmal brauchen wir Unterstützung. Wegbegleiter. Ganz ehrlich: Ich hätte es alleine nicht geschafft. Aber häufig, reicht es auch schon, wenn wir uns eingestehen, dass wir selbst dafür verantwortlich sind. Und niemand sonst. Nicht die Medikamente, die mir Appetit machen, nicht die Tabakindustrie, nicht meine schlimme Kindheit, nicht mein Partner, nicht mein Job und nicht mein Leben an sich. Sondern ganz alleine ich selbst.

Wir haben nur dieses eine Leben. Wir wissen nicht, wieviel Zeit uns geschenkt ist. Aber eines ist ganz sicher: es ist endlich. Und ich möchte gerne so gut wie möglich zu meinem Körper sein. Ich will ihn ehren. Ich will ihn pflegen. Ich will das Leben in vollen Zügen genießen können. Ich will Verantwortung dafür übernehmen, dass ich meinen Beitrag leiste, dass ich so gesund wie möglich bleibe. Mehr kann ich nicht tun.

Ich will mich und mein Leben umarmen. Ich will mich annehmen und lieben. So wie ich bin. Und ich will dafür sorgen, dass ich im Gleichgewicht bin. Und mit Leib und Seele. Ich will wie ein Mobile sein. Gut ausgependelt. Gut eingependelt.

Ich bin so froh und stolz, dass ich für mich etwas verändert habe. Etwas, dass ich schon lange wollte. Etwas, dass mir auf der Seele brannte. Und ja, es war mühsam. Und anstrengend. Aber ich merke einen großen Unterschied: jetzt, da ich es geschafft habe, ist dieser dauernd anklopfende Energiekiller weg aus meinem Leben. Es ist voll verrückt, aber erst jetzt realisierte ich WIE VIEL ZEIT mich dieses Thema gekostet hat. Und da ist nun mehr Freiraum für Neues entstanden.

Mehr Zeit für mich und für gute Gedanken. Und dafür mich zu umarmen.

Und DAS wünsche ich dir auch: was möchtest du verändern, damit du wieder ins Gleichgewicht kommst? Nicht für die Anderen? Nicht für ein Ideal. Sondern einzig und allein: FÜR DICH SELBST!

Umarme dich mal! Du bist klug. Du bist schön und du bist wichtig.

Sei dir gut ❤️

5 Kommentare

  1. Susanne

    10. Juni 2017 at 9:41

    Im Gleich-Gewicht sein… Eine wunderschöne Formulierung. Ich habe seit über 30 Jahren mit Menschen zu tun, die Abnehmen möchten. In meiner Beratung geht es dann auch um die Neben-Baustellen. Viele sind sich garnicht bewusst, warum sie essen,wissen nicht, was sie gegessen haben, weil sie eben auch inhalieren oder immer wieder snacken. Essen steht nicht mehr im Mittelpunkt. Essen läuft nebenbei. Diesen Beitrag werde ich im Hinterkopf behalten und Klienten darauf verweisen, wenn ich das Gefühl habe, dass sie gerade mal pendeln.

    1. Natalia

      10. Juni 2017 at 10:00

      Vielen Dank für diese Rückmeldung. Darauf freue ich mich. Und Sie beschreiben genau etwas, worum es mir geht: die Neben-Baustellen. Ihnen alles Gute für Ihre ganz und gar wichtige und wertvolle Arbeit!

  2. Katja

    10. Juni 2017 at 14:44

    Hach! Wie wahr! Und wie treffend und hilfreich!
    Kann ich eigentlich unter all deine Einträge schreiben!
    Und DANKE!
    Du bist gut für mich!

    1. Natalia

      10. Juni 2017 at 15:03

      Oh, wie schön, dass es hilfreich ist! DAS ist das schönste Kompliment. Danke dir! Und natürlich freue ich mich von Herzen über deine lieben Worte. Danke!

  3. Verena Küsters

    10. Juni 2017 at 22:11

    Im Gleichgewicht zu sein, innerlich und äußerlich mit sich im Einklang und mit sich zufrieden zu sein. Eine dauerhafte Aufgabe. Ein ewiges hin und her. Mir kommt es immer vor wie ein Pendel. Sich auszupendeln scheint mir oft schier unmöglich zu sein. Wenn ich dann deine Beiträge lese fällt es mir weniger schwer mich so anzunehmen, wie ich bin. Nicht vollkommen aber immer auf dem Weg zu mir selbst. Du tust mir so gut! Danke, dass du deine Gedanken und Erfahrungen mit uns teilst.

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