Ich kann und will nicht

Berlin. Berlin. Berlin.

Ich kann nicht schlafen. Ich will es nicht glauben. Mir fehlen die Worte. Aber ich will welche finden. Für die Gefühle in mir. Ich will meiner Angst Ausdruck verleihen. Ich kann und will nicht schweigen. Ich kann und will nicht wegschauen. Ich kann und will nicht.

Wie soll ich meinen Kindern erklären, was ich nicht zu verstehen vermag? Wie soll ich Worte finden, für etwas, das mir unbegreiflich ist?

Wie kann ich ihnen die Angst nehmen, obwohl meine doch so groß ist?

Was werde ich – vielleicht erst später – auf ihre Fragen antworten?

Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß eines: ich will Verantwortung übernehmen für mein Herz. Ich will Verantwortung übernehmen, dass es nicht bitter und nicht hart wird. Und vor allem: nicht kalt. Gegenüber nichts und niemandem.

Ich will mich meiner Angst stellen. Sie fühlen. Sie wertschätzen. Und damit mich. Aber ich will nicht, dass sie mich übermannt. Ich will mich nach Freiheit ausrichten. Nach Leben. Nicht nach der Angst.

Denn die Angst, die ich fühle ist neu. Nicht ganz, aber ich spüre sie schon länger in mir. Und in dieser Nacht ganz deutlich: was passiert hier? In meinem Land? In meinem Land, dass mir so viel Gutes schenkt. In dem ich in Frieden leben kann. In dem ich mich sicher fühle. Fühlte. Dachte ich. Aber da ist dieses neue Gefühl: Unsicherheit. Was wäre wenn?

Und nun ist es da: das WENN.

Das WENN, dass mir zuflüstert: du bist nicht mehr sicher. Du wirst dich daran gewöhnen müssen. Und deine Kinder auch. Du hast es doch geahnt, dass das passieren könnte. Wird. Wir alle haben es geahnt. Es gibt Dinge, davor kann man sich nicht schützen. Davor kann einen niemand beschützen.

Aber ich weiß schon eines hier und jetzt: NEIN, daran will ich mich nicht gewöhnen! Ich will und kann nicht.

Ich will das nicht. Nicht hier und nicht anders wo.

Mir bricht es das Herz, wenn ich die Berichte über die Kinder aus Aleppo lese. Die nicht mehr weinen können. Weil der Schmerz zu groß ist. Weil der Schmerz nicht mehr zu ertragen ist. Dass man ihn wegschließen muss, wenn man überleben will.

Ich spüre diesen Schmerz. In all’ den Bildern aus aller Welt. Und hier: in Berlin.

Nein, ich will diesen Schmerz nicht wegschließen. Ich will und kann nicht. Ich will und kann nicht.

Ich will ihn fühlen, weil ich ein Mensch bin. Weil ich an das Gute. An die Liebe. An das Leben glaube. Es macht mich wütend, dass ich mich so hilflos und ohnmächtig fühle. Ausgeliefert einer Weltpolitik, in der ich so vieles anders machen würde. In der ich so vieles nicht verstehen. Nicht kann und nicht will.

Und ich kann nichts machen. Außer eines nicht verlieren: meinen Schmerz. Mein Mitgefühl für die Menschen die ich sehe. Auf Bildern. Von und über die ich lese. Über deren Leid und das Unrecht, das ihnen angetan wird. Von Menschen. Dass haben mein Mann und ich in diesem Jahr oft gesagt: „Was Menschen, Menschen antun…“

Ich will den Schmerz und meine Wut, damit ich das nicht vergesse: dass kann nicht normal sein. Daran will ich mich nicht gewöhnen. Ich kann und will nicht.

Ich kann so wenig tun. Ich kann Geld spenden. Ich kann Petitionen unterschreiben. Aber ansonsten fühle ich mich als Zuschauer in einem Stück, das ich nicht verstehe. Nicht ertragen und mir nicht länger anschauen will. Aber ich komm nicht raus. Ich bin Teil dieses Stückes. Das muss ich annehmen. Das ist hart.

Aber ich weiß, was ich kann und will: ich will nicht anfangen zu hetzen und zu spekulieren. Ich will mich nicht beteiligen an übler Nachrede. Nicht im Großen und nicht im Kleinen. Ich will wahrhaftig sein und mich in Wahrheit üben. Ich will empathisch sein und bleiben. Ich will mich an- und berühren lassen: von der Not und dem Schmerz der Menschen, denen ich begegne. Und da auf keinen Fall werten: jeder Schmerz hat seine Berechtigung. Es ist nicht an mir zu vergleichen und zu beurteilen. Ich habe nur eine verdammte Aufgabe: da sein und mitfühlen. Nachspüren und versuchen – nur für einen Moment – in den Schuhen des Anderen zu gehen.

Ich will weiter an der Freiheit festhalten. Und an der Liebe. Und an der Hoffnung. Dass will ich für mich. Aber das will ich auch für meine Kinder. Für mein Land. Ich will Verantwortung übernehmen, wo ich sie übernehmen muss: dafür, dass ich Vorbild bin.

Dafür, dass ich Werte habe und mit ihnen lebe. Dafür, dass ich Verantwortung übernehme, wo ich es kann und muss: für meine Worte. Für meine Gedanken. Für mein Handeln. Ich will um Verzeihung bitten, wo ich jemanden verletzt habe. Mit meinen Worten. Mit meinen Gedanken. Mit meinem Handeln. Wo ich ungerecht und gemein war. Wo ich nur auf mein Wohl geachtet habe und den anderen aus dem Blick verloren habe.

Ich will Verantwortung übernehmen, dass meine Kinder zu guten, aufrechten Menschen heranwachsen. Die ein großes Herz haben. Die den anderen lieben, wie sich selbst. Sich selbst. Sich selbst achten. Und wertschätzten. Die wissen, wo ihre Grenzen sind, damit sie die des Anderen nicht verletzten, sondern ebenso achten. Die gut bei sich sind, damit sie gut zu anderen sein können.

Die Werkzeuge des Friedens sind. In ihnen Worten. In ihren Gedanken. In ihrem Handeln.

Ich will, dass sie eines lernen: dass das Leben kostbar ist.

Ein Geschenk.

Es ist uns anvertraut.

Und darum will ich jeden Tag in Achtsamkeit Leben. Und in Dankbarkeit. Und ich will mein Herz hüten und es mit Liebe füllen. Denn ohne Liebe ist alles nichts. Und ich wage heute, am 20.12.2016, im Advent. In der Vorweihnachtszeit, einen Text aus der Bibel hier einzufügen. Einem Text aus dem Hohen Lied der Liebe. Das für mich Gültigkeit hat. Egal, ob du glaubst oder nicht. Denn es hat einzig und allein mit dir zu tun. Und mit uns. Mit uns allen.

“Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.

Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.

Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.

Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.” (aus: 1.Korinther 13)

Sei dir gut. ❤️  Und deinem Nächsten auch. ❤️

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