Ich will nicht brennen. Ich will glühen.

Mich hat Feuer schon immer wahnsinnig fasziniert. Als ich klein war starrte ich jedes Jahr neu gebahnt auf das riesige Osterfeuer vor den Toren unseres Dorfes. Gewaltig. Schön. Heiß. Und gefährlich. Und irgendwie: wunderbar. Und immer wieder konnte ich es nicht glauben, wie binnen ein paar Stunden aus dem riesigen Haufen alter Weihnachtsbäume und sonstigem Gestrüpp nicht – rein gar nichts – übrigblieb als etwas Rauch und ein großer Kreis von Asche. Und fasziniert musste uns Kindern auch mein Vater wieder und wieder die Geschichte von „Paulinchen“ aus dem „Stubbelpeter“ lesen. Wir waren fasziniert. Ich allerdings, hatte nie Mitleid mit dem dummen Ding. Eher schon mit den armen Kätzchen, die so herzzerreißend weinten. Im alltäglichen beherrschen wir das Feuer ja sehr gut. Richtig demütig wurde ich erst bei einem richtigen Brand. Während eines Urlaubes in Sardinien flogen die Löschflugzeuge stundenlang. Man sah und roch das Feuer. Und wir hofften, dass es bald unter Kontrolle geraten würde. In der freien Natur wird einem die Kraft, die Gewalt, die Zerstörung noch mal ganz anders bewusst.

Ich finde es außerordentlich spannend, dass das Wort „brennen“ an sich so positiv besetzt ist. Mehr noch als das: es ist ein Ideal. Ich beneide Menschen, die für ihre Berufung, für ihre Leidenschaft brennen. Die Andere motivieren. Die so viel Kraft haben. Das Brennen ist spürbar. Es ist ansteckend. Im Guten wie im Schlechten. Und ehrlich gesagt, der Spruch „ich geh für dich durch’s Feuer“ hat auch was für sich.

Für etwas Brennen. Das will ich auch. Unbedingt. Ich glaube, wenn man für etwas brennt, dann ist man da angekommen, wo etwas einen Sinn hat. Wo etwas Sinn macht. Für mich ist das zum Beispiel meine Familie. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ich etwas, jemanden so unglaublich lieben könnte wie meine Kinder. Diese Verbundenheit, die einfach da ist. In jeder Zelle meines Körpers. Für sie würde ich durchs Feuer gehen. „Mama, würdet ihr euer Leben für mich geben?“, fragte mich mein gerade sechsjähriger Sohn beiläufig. Und ich konnte das sofort beantworten. Ohne mit der Wimper zu zucken. Und meinem Mann, dem die Frage ein paar Stunden später ebenfalls gestellt wurde, antwortet ebenso. Ja, ich brenne für meine Familie. Ich liebe sie über alles. Und sie ist meine größte Herausforderung auf dem Weg zu mir selbst. Denn die Verantwortung die ich, die wir uns als Eltern mit der Entscheidung Kinder in diese Welt zu setzten aufgeladen haben, ist die Größte. Die Entscheidendste. Die, mit den meisten Auswirkungen. Auf uns selbst, aber auch auf unsere Kinder. Und ja: ich will es gut machen. Ich will und muss nicht die Beste sein.

Aber für meine Kinder will ich es gut machen. Und es ist schwer auszuhalten, dass ich es nicht schaffen werde. Dass ich trotz aller Bemühungen in bestimmten Bereichen scheitern werde. Dass ich ihrer Seele Wunden und Verletzungen zufügen werde und schon habe, die sie schmerzen werden. Die Narben hinterlassen werden. Das ist unerträglich. Aber unausweichlich. Warum? Weil ich ein Mensch bin. Ein Mensch mit meiner Geschichte. Mit meinen Wunden, die unterschiedlich verheilt sind. Mit meinen Narben. Mit meinen Farben.

Die schwerste Erkenntnis für mich war, dass mein Wunsch, das Beste zu geben nicht funktionierte. Ich war ausgelaugt. Genervt. Gereizt. Ich sehnte mich wenigstens nach äußerer Ordnung und konnte mich an unser verwüstetes Wohnzimmer lange nicht gewöhnen. Ich schaffte es nicht. Ich fühlte mich alleine. Alle anderen Familien schienen es alles spielend hinzubekommen. Alles war bei ihnen leicht. Dachte ich. (Stimmte nicht, war die Wahrheit) Ich vermisste meinen Job. Ich vermisste unsere Zweisamkeit als Paar. Ich vermisste meine Freiheit. Und dennoch waren sie natürlich da: die erfüllten, glücklichen Augenblicke. Die leichten und schönen Momente.

Es waren meine Ideale, die mir zu schaffen machten. Wie man als Mutter so zu sein hat. Wie man als Mutter denn auszusehen hat. Wie man als Mutter denn organisiert sein muss. Und ich merkte, dass das, wofür ich am meisten brannte, mich ausbrannte. Und ich fragte mich aufrichtig immer wieder:

„Wie kann ich brennen, ohne auszubrennen?“

Und auch, wenn ich mich lange davor gesträubt habe das zu denken und zuzulassen, wage ich nun zu fühlen: das geht nicht. Punkt. Egal, was mir jemand anderes erzählt.

Und das weiß ich deshalb so sicher, weil ich nicht mehr brennen konnte, weil ich für die wichtigste Person in meinem Leben nicht mehr brannte. Ich war mir abhandengekommen. Ich war der Brennstoff für die Anderen. Ich war ihr Sauerstoff. Ihr Anzünder. Der Ort, an dem sie sich wärmten. Aber ich spürte, dass ich das alles nicht mehr sein konnte. Und wollte. Weil mein eigenes Feuer dabei war zu erlöschen. Und gleichzeitig brachte ich meine letzte Energie auf um zu brennen. Aber es war kein wärmendes Feuer mehr. Es war ein Verzehrendes. Für uns alle. Und was das für uns bedeutete, machte mir große Angst.

Diese Sichtweise ist natürlich nicht angenehm und bestimmt nicht populär. Das steht vielleicht auch konträr dazu, dass uns häufig suggeriert wird, dass das Leben gelingt und noch besser werden kann, muss und sollte, wenn man doch endlich ein Leben voller Energie und Leidenschaft leben würde. „Hör auf zu jammern!“ „Mach einfach!“ Denn gerade die Menschen, die öffentlich vorleben wie es ist und wer man sein kann, wenn man für eine Sache brennt, sind ja meisten so inspirierend.

Und ich muss eingestehen: JA! Das will ich auch. Ich will voller Energie und Leidenschaft sein, aber ich habe leider häufig und auch immer wieder erlebt, dass ich das nicht über einen langen Zeitraum schaffe. Dass ich daran scheitere. Dass mich das Feuer der Leidenschaft für eine Sache oder einen Menschen mit der Zeit verbrennt. Ausbrennt. Mich.

Und dass dann nur das bleibt: ein Häufchen Asche auf das viele Tränen der Enttäuschung und des Selbstzweifels fallen. Über die Anderen, die mir das Brennen so schwergemacht haben, weil sie mir nicht Hilfe waren, sondern den Sauerstoff zu brennen und leben entzogen haben. Über die Umstände, die mich gezwungen haben, das Feuer ausbrennen zu lassen. Am meisten aber: über mich selbst. Über mich, die es nicht geschafft hat, dass Feuer am Leben zu erhalten. Mal wieder nicht. Immer wieder nicht.

Und dann, nach vielen Stunden vor unserem Kamin und mit mir und meinem Zweifeln, habe ich gemerkt: dauerhaftes Brennen verbrennt. Wie faszinierend Feuer auch ist, es verzehrt alles. Wer dauerhaft wie ein Feuer brennt, verzehrt sich und andere. Denn es ist ganz einfach wie es ist:

Wir können nicht brennen ohne zu verbrennen. Nicht dauerhaft. Nicht immer. 

Und daher möchte ich dich ermutigen zu einem neuen, anderen Leben: weg vom ausgebrannt Sein. Weg von einem Leben, dass dich ausbrennt hin zu einem Leben, dessen Energie und Wärme wieder in dir spürbar sein wird. Dass du die Glut, die Wärme in deinem Herzen wieder zulassen und spüren kannst. Für dich und für Andere. Dass du dich immer wieder entfachen kannst, aber nicht mehr verbrennst. Und dass nicht als Niederlage verbuchst, sondern die Glut als wahren Schatz im Leben annimmst und dich an ihr wärmst. Du bist selbst dafür verantwortlich, das Feuer unter Kontrolle zu haben.

Sei dir gut ❤️

5 Kommentare

  1. Dieverlorenenschuhe

    19. Januar 2017 at 13:55

    Liebe Natalie, auch ich habe erst kürzlich auf meinem Blog über das „Ausbrennen“ geschrieben. Aber dafür nicht diese wunderbaren Bilder gefunden wie du. Gerne würde ich deinen großartigen Text mit meinen Lesern auf meiner Seite teilen, sofern du magst. Darf ich ihn rebloggen? Liebe Grüße von dieverlorenenschuhe

    1. Natalia

      19. Januar 2017 at 14:02

      Oh, das wäre mir eine große Freude und Ehre! Danke! Dann schau ich heute Abend gleich mal bei dir vorbei! Liebe Grüße, Natalia

  2. Reblogged: „Ich will nicht brennen. Ich will glühen.“ « Die verlorenen Schuhe

    19. Januar 2017 at 21:33

    […] lest selbst! Hier findet ihr besagten Blogeintrag. Liebe Natalia, herzlichen Dank für deine Erlaubnis zum Rebloggen […]

  3. Karina

    21. Januar 2017 at 12:20

    es ist wunderbar wie du schreibst , es rührt und berührt mich. und ich finde mich in vielem auch wieder. DANKE dafür…..es ist eine BEREICHERUNG !!!

    1. Natalia

      21. Januar 2017 at 12:50

      Lieben Dank für deine Worte, liebe Karina ❤

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