Ich will nicht mehr kämpfen

“Es ist gut zu weinen. Deswegen weine. Weine die ganze Nacht, wenn es sein muss. Aber morgen, morgen wäschst du dein Gesicht, legst dein Kettenhemd an und kämpfst.”

Ich habe dieses Zitat vor kurzem gelesen. Als Ankündigung für ein Buch. Ich kenne das Buch nicht. Aber dieser Satz hat ich mitten in mein Herz getroffen. Das ist der Satz, der über Jahre, vielleicht sogar über Jahrzehnte mein Mantra war. Lange Zeit habe ich mich als Kämpferin gefühlt. Und dabei stark. Mutig. Entschlossen. Gnadenlos. Zu mir und zu anderen. Geht nicht, gibt es nicht.

Was ich nicht merkte: ich kämpfte vor allem gegen mich selbst. Gegen die Angst nichts Wert zu sein. Gegen die Angst nichts zu können. Gegen die Angst, nicht geliebt zu werden. Gegen die Angst nicht gut genug zu sein. Gegen die Angst… Ich war so müde und ausgelaugt und machte dafür vor allem die Umstände und alle anderen verantwortlich.

Ich kämpfte darum, dass alles so blieb, wie es war. Sein sollte. Sein musste. Ich hatte Angst vor Veränderung. Ich dachte, wenn ich mich nur gut genug anstrenge und vielleicht noch mehr, dann schaff ich das alles. Dann bleibt alles so wie es ist. Ich hatte Sorge vor Neuem. Dingen und Menschen. Innen war ich zutiefst verunsichert. Nach außen ahnten niemand von diesen Dingen. Selbstbewusst. Stark. So wurde ich wahrgenommen. Das war meine Rüstung. Eine schwere, wenn man immer sie immer trägt. Tragen muss.

Dass Leben ganz anders ist, lehrt uns das Leben selbst.

Ich liebe die Jahreszeiten. Sie sind für mich Sinnbild und Ausdruck des Lebens überhaupt. Und sie bauen aufeinander auf. Die eine würde es ohne die Andere nicht geben. Sie sind eng und absolut untrennbar miteinander verbunden. Sie bilden den Kreislauf des Lebens. Wachsen und Erblühen. Frucht bringen und Sterben. Alles zu seiner Zeit. Es ist der Herzschlag, eine tiefe Wahrheit des Lebens. Geboren werden und sterben müssen. Einatmen und ausatmen. Begrüßen und verabschieden. Annehmen und Loslassen. Bekennen und vergeben. Kommen und gehen.

Lebensabschnitte. Unser Leben verläuft in Abschnitten. Sie beginnen mit etwas Neuen. Das haben wir uns vielleicht nicht immer so gewünscht oder ausgesucht und doch ist es so. Die Geburt eines Kindes verändert alles. Ein neuer Abschnitt beginnt. Neuer und unbekannter Abschnitt. Und es ist Gewiss hilfreich, dass ihn auch schon viele andere Menschen durchlebt haben. Sie können weise Wegbeleiter und Gefährten sein, aber die Erfahrung muss ich selbst machen. Und eines ist von Beginn an klar: dieser Abschnitt wird zu Ende gehen. Es ist meine Aufgabe mich darauf vorzubereiten. Das Kind ist mir anvertraut. Aber es gehört mir nicht. Ich werde es gehen und loslassen müssen. Das wird schmerzhaft und neu sein. Aber es ist so. Es gehört zum Elternsein dazu. Und zum Kind sein auch.

Ein neuer Job: wieder Neuland. Neue Gesichter. Neue Abläufe. Mag es inhaltlich auch ähnlich sein, es bleibt eine Herausforderung. Ich muss dadurch.

Ich war neun Jahre alt, als mein Bruder innerhalb einer Woche während eines Familienurlaubs starb. Er erkrankte plötzlich und heftig. Wie sagt man so schön: „er wurde aus dem Leben gerissen.“ Aber nicht nur er. Der Tod reißt nicht nur den sterbenden Menschen aus dem Leben. Er reißt alle anderen gleich mit. Wenn auch anders.

Ich kann rückblickend sagen: ich wurde aus dem Leben gerissen. Der Tod hat nicht nur den geliebten Sohn und Bruder genommen. Er hat gleich mal die ganze Familie für viele Jahre aus dem normalen Leben gerissen. Wenn der Tod kommt, geht das Leben anders weiter. Ein Abschnitt geht zu Ende. Ein neuer beginnt. Manchmal plötzlich und unerwartet. Manchmal auch ersehnt und angekündigt.

Meine Kindheit war plötzlich zu Ende. Mich hat niemand gefragt, ob ich das will oder gut finde. Es war einfach ganz klar. Da gibt es die Tränen der Eltern. Das leere Kinderzimmer. Die ungestellten Fragen und die ausbleibenden Besuche und Begegnungen. Es bleibt alles anders.

Ich habe sehr viele Jahre mit dem Annehmen dieses neuen Abschnitts verbracht. Das war ein häufig nicht sichtbarer, innerlicher Prozess. Es war vor allem ein innerer Kampf. Der Kampf, dass der Bruder nicht vergessen wird. Der Kampf mit alltäglichen Dingen, die man als Kind nicht kann, aber machen muss, weil die Eltern einfach ganz woanders sind. Gemeinsam einsam. Der Kampf um die eigene Trauer, die versteckt sein muss, damit die Eltern nicht noch trauriger werden. Der Kampf, dass die Lehrer einfach verstehen, warum aus dem Fenster schauen das einzige ist, was geht. Dass die Frage „warum nicht ich?“ viel bedeutender und wichtiger ist als alles andere. Die Kraft, die es gekostet hat nicht darüber zu sprechen. Niemals mit niemandem. Der Schwur für den Bruder keine einzige Träne zu vergießen, damit der Schmerz nicht nachlässt. Die Entscheidung, den Schmerz festzuhalten und zu konservieren, damit nichts vergessen wird. Ich habe mir mit neun Jahren eine Rüstung angelegt. Eine Rüstung, die mich geschützt hat. Die mir geholfen hat, den Kampf ums Überleben aufzunehmen. Die ich aber nicht mehr ablegen konnte. Sie war mein ständiger Begleiter. Sie hat mir oft das Leben gerettet. Wenn ich sie mal vorsichtig ablegte und mich öffnete, vertraute, wurde mir schnell klar, dass es mir deutlich besser mit und in ihr geht. Dass ich viel geschützter bin vor Verletzungen aller Art, wenn ich stark bin. Wenn ich kämpfe.

Ich habe sie vor nicht allzu langer Zeit endlich ablegen können. Nach vielen Jahren. Bei allem Segen. Bei allem Schutz, den sie mir bot. Sie hat es mir oft schwergemacht. Ich hätte es leichter haben können. Ich habe sie vor mir in den Sand gelegt und beweint und betrauert. Und Abschied genommen. Es wurde Zeit, dass etwas Neues beginnen und entstehen konnte. Und dass auch jetzt die Zeit dafür gekommen war. Ich spürte eine neue Wahrheit in mir: jetzt wollte und konnte ich sie lassen.

Meine neue Erkenntnis aus diesem Ereignis war: finishing well. Etwas gut zu Ende bringen. Etwas bewusst zu Ende bringen. Raus aus der Opferrolle und rein in die Tat.

Ich hatte als Kind keine Möglichkeit gehabt mich von meinem Bruder lebend zu verabschieden. Das hat es mir lange unmöglich gemacht, das Thema Tod und Trauer ruhen zu lassen. Finishing well.

Und auch da können wir wieder so viel von der Natur lernen. Ich betrachte den Blätterwald im Herbst und bin jedes Jahr aufs Neue überrascht, wie stolz, anmutig und farbenprächtig der Abschied gefeiert wird. Im Abschied liegt so viel Gutes. Wenn wir das Ende unserer verschiedenen Lebensabschnitte annehmen ist Dankbarkeit möglich. Für die Menschen, die uns zur Seite gestanden haben. Für viele Situationen an denen wir uns ausprobieren und entfalten konnten. Für Veränderung.

Und so geht es mit so vielen alltäglichen Dingen: ein Umzug. Der erste Kindergartenbesuch. Eine berufliche Veränderung. Sie alle haben eines inne: die Freude und den Schmerz. Es ist gut, aber es tut weh. Das ehrt das, was war. Ich habe gelernt, dass es immer wesentlich leichter ist, mit etwas Neuem zu beginnen, wenn wir das Vergangene ausgiebig beweinen, betrauern. Wenn wir Gefühle wie Enttäuschung und Wut durchleben und zulassen. Dass wir diese Zeit aushalten. Annehmen und merken, wann es Zeit ist, loszuzulassen. Wenn wir unserer Seele Raum und Zeit geben hinterherzukommen, dann können wir annehmen und Heilung finden.

Ich glaube, dass das Problem ist, dass wir heute unabhängig von den natürlichen Zeiten des Lebens leben. Das beginnt ganz banal bei Tag und Nacht. Licht und Dunkelheit. Arbeiten und Ausruhen. Das geht weiter über die Struktur unserer Woche: uns fehlt er häufig: der Ruhetag. Und man braucht nicht religiös sein, um der Sonntagsruhe nachzutrauern. Der Sonntag ist eine Zäsur. Ein Tag, an dem ich ausruhen kann. Er beendet die Woche.

Wieder ganz deutlich: bei den Jahreszeiten. Ganz banal: wir können immer Erdbeeren kaufen. Und was auch immer noch. Sogar im Winter. Ich versuche das wirklich bewusst zu vermeiden. Ich versuche saisonal zu kochen. Nicht, weil ich eine begnadete Köchin bin, sondern weil ich mich immer freue, wenn die Zeit reif ist. Reif für Zwiebelkuchen und Federweißer im Herbst. Reif für Weihnachtsplätzchen und Grünkohl. Reif für die ersten Kartoffeln und Salate im Frühjahr und reif für die Erdbeeren und Tomaten im Sommer. Tomaten, die nach Sommer schmecken. Nach Sonne. Nach Sehnsucht. Nach Urlaub.

Ich kann beobachten, wie Menschen das Gefühl und das Selbstverständnis verloren haben, dass Phasen kommen und gehen. Kommen und gehen.

Der natürliche Rhythmus des Lebens ist verloren gegangen. Das führt dazu, dass wir verängstigt sind. Dass wir uns ohnmächtig und ausgeliefert fühlen. Wir haben nicht verstanden, dass der Schmerz und das Aushalten und Verabschieden des Alten absolut notwendig sind, damit das Neue eine Chance hat gesund und befreit zu starten. Das ist eine Entscheidung. Eine, der wir nur allzu gerne ausweichen. Und dann kann es passieren, dass wir Menschen erleben, die es nicht geschafft haben, sich auf diese neue, natürlich anstehende Phase einzulassen. Bei denen man das Gefühl hat: das ist die Zeit stehen geblieben. Sie haben nicht begriffen, dass die Zeit weitergegangen ist und sie erzählen von Ereignissen, Konflikten und Begegnungen, die Jahre zurückliegen, als ob es heute wäre. Stillstand. Nicht verarbeitet. Nicht bearbeitet. Nicht befreit.

Das faszinierende daran ist, dass gleichzeitig aber berichtet wird, dass es gut gewesen wäre, etwas zu verändern: die Trennung. Der Jobwechsel. Ein neuer Wohnort. Aber es fühlte sich zu sicher an. Zu vertraut. Zu mutlos. Das „ich kann nicht“ überdeckte das „ich will nicht“.

Und so kann es passieren, dass man in einer Phase lebt, die längst vorbei ist. Illusion. Es fühlt sich scheinbar leichter an. Vertrauter allemal. Und je mehr man von außen darauf hingewiesen und gefragt wird, desto mehr richtet man sich ein. Das Leugnen und Wegschauen ist weniger schmerzhaft als das Bekennen und Hinschauen. Vorerst. Aber es wird der Tag kommen, an dem der Schmerz die Schmerzgrenze übersteigt. Wo der berühmte Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt. Was gerne übersehen wird: Bleiben führt zur Trennung, wenn es kein Bleiben aus wirklicher Überzeugung, sondern aus Angst ist. Denn Angst lähmt. Angst macht uns unfrei. Angst hält uns klein.

Um einen Abschnitt loszulassen ist es wichtig, sich der Angst zu stellen. Sie anzunehmen. Aber sich nicht von ihr bestimmen zu lassen. Sie ist ein Indikator, dass etwas Neues bevorsteht. Und das macht unsicher. Das macht Angst. Aber stehenzubleiben. Nicht zu gehen. Auszuhalten und nicht mehr ich selbst sein zu können, macht mir noch größere Angst. Ich habe selbst erfahren, dass Angst nicht das Problem ist. Sondern die Angst vor der Angst.

Wenn man es schafft, die Abschnitte als Geschenk zu betrachten, sie gut zu Ende zu bringen, zu betrauern und Abschied zu nehmen, dann erlebt man das, was Hermann Hesse schon so wahr und großartig in seinem Gedicht „Stufen“ be- und geschrieben hat: „Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Sei dir gut ❤️

 

 

 

8 Kommentare

  1. Conny

    7. Februar 2017 at 8:58

    Du sprichst mir aus der Seele. Genau solche Worte habe ich heute morgen gebraucht. Danke dafür , sonst wäre mein Fass übergelaufen und hätte mich gnadenlos überschwemmt .

    1. Natalia

      7. Februar 2017 at 10:41

      Liebe Conny, das freut ich total ❤️Manchmal ist man genau zur richtigen Zeit soweit. Habe lange überlegt, ob das nicht zu “intim”ist, aber, ich weiß, dass sich durch das Teilen der eigenen Geschichte, Türen für Andere öffnen. Dir einen guten Tag, einen hoffentlich ganz guten

  2. Katja

    7. Februar 2017 at 9:45

    Danke, Natalia! Du triffst es! Du berührst! Du machst Mut! Auch wenn ich noch zuviel Angst habe! Aber es hilft! Danke!

    1. Natalia

      7. Februar 2017 at 10:42

      Liebe Katja, die Angst gehört dazu. Und ich kann dir versichern: du spürst selbst, wann du bereit bist. Lass dir nicht reinreden. Sei geduldig und gut zu dir und geh’ wohin dein Herz dich führt.

  3. Chantal

    7. Februar 2017 at 10:18

    Herzlichen Dank für diese wunderbaren und so wahren Worte <3
    Ich kenne diese Rüstung nur zu gut! Zwar habe ich einen Teil von ihr schon ablegen können, doch Deine Zeilen haben mich sehr inspiriert dies mit Liebe und auch Dankbarkeit zu tun! Denn ja, sie hilft uns oft zu überleben … und dafür können wir auch Dankbar sein.
    Die herzlichsten Grüsse aus Indien 🙂

    1. Natalia

      7. Februar 2017 at 10:44

      Ja, nimm sie dankend an und toll, dass du dich schon teilweise verabschieden konntest. Abschied und Trauer, Angst und Ungeduld sind auch Teil des Prozesses. Und es ist DEINER. Also: sei dir gut, lass dir Zeit ❤️

  4. fistera@t-online.de

    8. Februar 2017 at 14:01

    Meine liebe Tochter Natalia,
    noch nie habe ich in einem Blog einen Kommentar geschrieben. Mama hat mich auf Deinen Text “Ich will nicht mehr kämpfen” aufmerksam gemacht.
    Bin beeindruckt vom Reichtum Deiner Gedanken, von der Verarbeitung Deiner Erfahrungen, von Deiner Offenheit, von Deiner kreativen Suche nach Haltungen und Verhalten, die helfen für ein gutes, gelingendes Leben.
    Und das alles inmitten einer großen, lebendigen Familie, eines reichen und vollen und manchmal übervollen Alltags.
    Meine Hochachtung!
    Dein Tata

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