If tomorrow never comes

Diese Textzeile spukt seid ein paar Tagen in meinem Kopf herum. Und auch jetzt. Meine älteste Tochter wird gerade operiert. Ich finde, dass wir beide mehr als tapfer waren. Medizinisch sind wir in den besten Händen. Und dennoch spürte sie selber immer wieder diese Woche, dass es ein Eingriff ist. In und an ihrem Körper. In und an ihrem Leben. Ich war in ihrem Alter, als mir der Blinddarm entfernt werden musste. Ich erinnere mich nicht an Schmerzen. Ich erinnere mich an große Angst.

Ich bin nicht sonderlich ängstlich. Aber was mich richtig gerockt hat, waren die vielen Fragen meiner Tochter:

„Wie werden wir uns verabschieden?“

„Was ist, wenn ich nicht mehr wach werde? So wie bei Michael Schuhmacher?“

„Was wirst du mit meinen Sachen machen?“

„Wirst du sehr traurig sein, wenn ich sterbe?“

Ganz ehrlich: ich bin stolz auf sie. Darauf, dass sie so gut bei sich ist. Dass sie spürt und fühlt und das in Worte kleiden kann. Ich bin beeindruckt. Über ihre Fragen. Und noch mehr über ihren Mut, die Antworten auszuhalten.

Und dieses Nachdenken über meine Antworten hat viel mit mir gemacht. Denn ich habe gespürt: das, was sie will ist Wahrhaftigkeit. Ehrlichkeit. Und ich habe gespürt, dass ich aufrichtig und vorsichtig mit meinen Formulierungen sein muss, dass sie aber ernst und wahr, irgendwie gültig sein müssen. Sonst könnte ich ihr nicht mehr in die Augen schauen. Und nicht mehr in den Spiegel.

Ich bin davon überzeugt, dass Kinder genau wissen, was ist. Ich wusste damals als 9 jährige genau, dass mein Bruder sterben wird. Es hatte mir niemand gesagt. Ich sah und spürte es in der Angst und im Schmerz meines Vaters. Und selbst mein dreijähriger Bruder sagte es, voller Vorahnung. „Ich glaube, ich werde nicht mehr gesund.“ Er wusste es. Obwohl seine Krankheit da erst zwei Tage alt und er den 10 Tag nicht mehr überleben sollte.

Wer das nicht aushalten kann, sind wir. Die Erwachsenen. Schmerz und Tod, selbst Trauer sind nicht die Worte, denen wir uns gerne aussetzen.

„Wie lange trauert man eigentlich?“, fragte mich eine Freundin. Ich bin sicher, dass es dafür keinen Zeitplan gibt. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass wir Trauer aushalten müssen. Uns ihr stellen müssen. Sie annehmen und aushalten. Uns nicht permanent davon ablenken, sondern uns stellen: unserem Schmerz. Unserer Ohnmacht. Unserer Wut. Unserer Angst. Annehmen was ist. Durchleben. Aushalten. Benennen.

Was wichtig ist: Abschiednehmen und Versöhnen. In Frieden auseinander gehen. Ja, das bedarf vielleicht einen großen Ruck. Vielleicht muss man auch Stolz überwinden. Oder mit der Ungerechtigkeit klar kommen, dass eigentlich der Andere am Zug wäre.

„If tomorrow never comes, would she know how much I love her?“ Und darum geht es: bring deine Beziehungen in Ordnung. Setzte deine Prioritäten richtig. Sprich aus, was du fühlst. Nimm an und wahr: Leben ist Geschenk. Es ist uns anvertraut. Mach was daraus. Und wenn dich Fragen, Ängste und Nöte von Anderen erreichen, dann sei da. Reich deine Hand. Halte mit aus und geh mit durch. Nicht nur für den Anderen. Sondern für dich.

Sei dir gut ❤️

 

2 Kommentare

  1. Chantal

    16. Dezember 2016 at 19:54

    Liebe Natalia,
    wiedermal wunderbar geschrieben – herzlichen Dank dafür!
    Oh ja wir spüren mehr als wir uns eingestehen. Und auch diejenigen die „gehen“ spüren es! Es ist nicht zu beschreiben.
    Ich habe bereits meinen Bruder und auch meinen Papa unerwartet „verloren“ … beide spürten es. Mein Bruder machte 1 Woche vor seinem Unfall „Abschiedsgeschenke“ … mein Papa sagte einige Stunden zuvor zu einem Freund „heute ist ein guter Tag zum sterben“ …
    Und ja, es ist so ungemein wichtig den Schmerz, die Trauer, den Verlust, alle Emotionen durchzustehen. Sich damit auseinander zu setzen, mit den Gefühlen die kommen. Mein Bruder verunglückte vor 9 Jahren. Und selbst heute kommen noch Emotionen die gefühlt werden möchten. Die noch nicht gefühlt, benannt wurden. Ja es tut weh! Und dennoch darf es sein und möchte gefühlt werden.
    Deiner Tochter wünsche ich eine gute und schnelle Genesung! Du und Dein Mann könnt stolz auf sie sein! 🙂 <3

    1. Natalia

      16. Dezember 2016 at 23:17

      Liebe Chantal, danke, dass du deine Gefühle so offen teilst. Deine Geschichte berührt mich sehr. Es ist ein Schatz, dass du diesen Gefühlen Raum und Zeit und Aufmerksamkeit schenkst. Ich bin auch immer wieder überrascht, welche Gefühle noch in irgendeiner Körperzelle gespeichert sind und um Aufmerksamkeit bitten. Und ja: es gibt so viel zwischen Himmel und Erde, dass wir uns nicht erklären können.
      Ich bin nun gerade nach Hause gekommen. Mein Mann übernimmt die Nachtwache und ich sortiere mich erstmal. Ich bin sehr glücklich, dass alles so gut verlaufen ist. Aber die Schmerzen des eigenen Kindes zu ertragen, das hat doch sehr an mir genagt. Fühl dich gedrückt. Und sei dir gut ❤️

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