Kleine Kinder, großes Leid

Schoko war weg. Für 24 Stunden und etwas mehr hat sein Verschwinden hier für große Gefühle gesorgt. Und das Leben hat mich wieder Einiges gelehrt: den Schmerz und die Trauer und das Weinen der Kinder anzunehmen. Und besonder: auszuhalten!
Es war die erste Erfahrung, die meine beiden älteren mit Abschied und Trauer, aber auch mit Hoffnung hatten. Das war sehr bewegend und berührend. Wir möchten unsere Liebsten so gerne davor bewahren. Aber das geht nicht. Schmerz und Trauer, Abschied und Loslassen gehören zum Leben wie Glück, Hoffnung, Dankbarkeit und Annehmen.
Schmerzhafte Erfahrungen sind so wichtig zu erleben. Auszuhalten. Anzunehmen.
Ich glaube, dass die meisten von uns Angst davor haben. Weil sie es nicht gelernt haben, damit umzugehen. Weil sie nicht die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen jemand zur Seite stand, der mitgetragen und ertragen und nicht weg- und schöngeredet hat.
“Tut ja gar nicht weh!” “Ist nicht so schlimm!” Das sind so Sätze, die Erwachsene zu Kindern sagen. Und mich machen sie immer wütend, denn das ist doch kein Trost. Zu sagen, “es tut mir leid, dass du dir wehgetan hast. Zum Glück ist es keine große Verletzung”, drückt Anteilnahme und Ernstnehmen aus. Und: damit ich nicht falsch verstanden werde: es geht nicht darum, aus jedem Minikratzer einen Elefanten zu machen. Es geht mehr um einen selbst. Um mich. Halte ich den Schmerz aus, oder gibt es erstmal was Süßes, damit das Geheule schnell aufhört. Erstmal schnell den Schnuller, statt ein tröstendes Wort.
Vor den Sommerferien habe ich mein Kind von der Schule abgeholt. Die vierten Schuljahre wurden sehr liebevoll von der Schulgemeinschaft verabschiedet. Viele Kinder weinten. Und ich auch. Obwohl gar nicht mein Kind dabei war. Was mich richtig erschüttert hat -und auch mein Kind- war, dass manche Eltern wirklich nicht in der Lage waren, mit dem Schmerz ihres Kindes umzugehen. “Wieso weinst du denn jetzt? Ich dachte du freust dich auf die Ferien!” Hallo?! Ja klar, aber: das Kind nimmt Abschied. Es waren gute Jahre. Das tut weh. Da mischt sich auch Angst vor dem, was kommt.
Es ist so wichtig, dass wir unsere eigene Unsicherheit, unsere eigenen Gefühle nicht verstecken. Nicht unterdrücken. Und wenn uns nichts Kluges einfällt, dann ist eine Umarmung, ein “ich kann verstehen, dass du traurig bist” so viel mehr wert, als ein “komm, wir kaufen ein Eis und dann ist alles wieder gut!” Nein, das Eis gibt es später. Nach den Tränen, die erleichtern, nach einer innigen Umarmung.
Als die Mutter meiner Freundin starb, gab es nichts zu sagen. Keine Worte zum Beschreiben. Zum Erleichtern. Nur da sein. Mit-Aushalten. Mit-Tragen. Da-Sein.
Als Schoko weg war, hatten mein Mann ich keine Hoffnung für ihn. Zu viele Gefahren. Aber unsere Kinder hatten Hoffnung. Es gab nichts schön oder besser zu reden. Wir haben getröstet. Wir haben geschwiegen. Wir haben ihn gesucht. Wir haben ausgehalten. Die Kinder, die Trauer um Schoko. Wir, die Trauer unserer Kinder.
Wir haben Suchblätter in der Nachbarschaft aufgehängt und dafür gebetet, dass es Schoko gut geht. Nicht, dass er zurückkommt. Denn nicht jede Hoffnung erfüllt sich.
Ich wünsche dir, dass du jemanden hast, der deine Hand hält und mit dir schweigt und weint. Und dass du durch sein Mit-Tragen und Aushalten zum Segen für jemand anderen wirst. “When life is sweet. Say thank you and celebrate. And when life is bitter. Say thank you and grow” (Shauna Niequist)
Sei dir gut❤️
P.S. Schoko wurde in einem Garten in der Siedlung gefunden. Und ist wieder da. Das Fest und die Freude waren riesig!

Kommentar verfassen