Leben in Echtzeit

„Look at your calendar and see if it reflects the life you want to have. How you spend your time is your life.“ Dr. Henry Cloud

Irgendwo am Bodensee ist diese Tür. Dort, wo man sie finden kann, kann man den See auf einer Stecke von ungefähr 300 Metern nicht sehen. Nur dort. Durch diese Tür. Zweimal am Tag radle ich in unseren Sommerferien an ihr vorbei. Auf dem Weg zum Strandbad. Immer wenn wir dort unten weilen, suche ich sie auf. Sie weckt eine solche Sehnsucht in mir. Die Sehnsucht nach mehr. Die Sehnsucht nach „WAS WÄRE WENN?“

WAS WÄRE WENN?

Ich weiß, nicht was dieser Satz bei dir auslöst. Bei mir löst er so einen warmen Herzschmerz aus. Ich könnte mich mit einem Kakao mit fett Sahne aufs Sofa kuscheln und hätte 1000 Ideen, mindestens (!), was ich tun würde und was wenn wäre,  wenn ich …

Ja, was denn? Mehr Geld hätte? Ja, das geht immer. Da fällt mir gaaaanz viel ein. Und das ist auch ein Grund, warum ich mich von den ganzen „Nur wenn du das hast, wirst du glücklich“ sein- Newslettern diverser Kleidung- und Einrichtungsseiten getrennt habe. Sonst verliere ich mich mit dem Befüllen von virtuellen Einkaufswagen, die ich fast nie einlöse. Es schmerzt mich immer, wenn ich die Meldung „Ihre Zeit ist abgelaufen“ bekomme. Und zur Strafe wird das Ding geleert, das ich mit viel Mühe, Zeit, Lust und Freude gefüllt habe.

Nein, das ist es nicht. Mir fehlt es gefühlt an Zeit.

An Zeit.

Wenn ich in meinen Kalender schaue, bin ich erschreckt darüber, WIE VOLL er ist. Darin sind nicht nur meine Termine enthalten, sondern auch die meines Mannes und die der Kinder. Schön sortiert aus bunten Farben und ich sitze davor und starre auf ein Gemälde aus sich abwechselnden,  immer wiederkehrenden Farben in unterschiedlicher Größe und Breite.

Und während ich dort draufstarre fühle ich: Ohnmacht.

Nun habe ich zwei Möglichkeiten.

Erstens: ich ziehe mich einfach unter meine Decke zurück. „Ist-alles-so-viel-und-so-voll-und-das-wird-auch-so-bleiben-und-überhaupt-weiß-ich-gar-nicht-wie-andere-das-machen-und-so-weiter-und-so-weiter…“ Armer schwarzer Kater.

Zweitens: Ich hole zweimal tief Luft und ziehe Bilanz. Und zwar Aufrichtig und Ehrlich.

Und das kann bedeuten, dass meine Kinder nicht mehr so viele Freizeitaktivitäten machen können.

Weil die Freizeit nämlich nicht mehr frei, sonder Vollzeit geworden ist.

Das kann bedeuten, dass wir auf was verzichten müssen. Mein Mann und ich. Und das ist ganz schwer. Aber dann können es eben nur zwei Fortbildungen im Jahr sein. Dann eben nur zwei Weihnachtsfeiern.  Oder was auch immer.

Wir können nicht immer davon reden, dass wir als Paar mehr Zeit brauchen. Wir müssen sie uns in den Kalender eintragen. Sonst gibt es diese Zeit nicht. Paarzeit. DAS ist ein Balken im Kalender, der sich gut anfühlt. Etwas gekünstelt und ungewohnt, aber gut.

Und so muss ich es auch mit MEINER Zeit machen. Wenn es nicht geblockt ist, kann ich ja viel darüber jammern, dass ich nie zum Frisör komme oder was auch immer. Ich muss es eintragen.

Ich will mich mit den Menschen treffen, die mir und uns am Herzen liegen. Und dann kann es sein, dass wir nicht zur zusätzlichen Kindergarten-was-auch-immer-Feier gehen. Oder zum Schulhof sauber machen. Nein, ich will meinen Garten machen. Und ja, das ist vielleicht egoistisch. Aber alles geht eben nicht.

Nein, ich bin nicht ohnmächtig. Ich habe Verantwortung. Und zwar für mich und für die Kinder. Es liegt an MIR  wieviel ich mir zumute, weil ich denke und meine, dass das alles so sein müsste. Und vor allem, weil das alle anderen ja auch schaffen. Scheinbar.

Ich will weniger müssen müssen. Ich fühle mich zum Beispiele total hin und hergerissen, was das wunderbare Wordwideweb angeht. Ich bin begeistert von den Möglichkeiten, die sich mir anbieten. Die Leichtigkeit, mit der sich Dinge besorgen lassen. Die Leichtigkeit, mit Menschen über Zeit und Raum in Kontakt zu kommen und zu bleiben.

Aber vor kurzem hatte ich so einen Schlüsselmoment. Ich habe aus Langeweile mir ein Video angeschaut. Darin war der Geburtstag eines kleinen Mädchens in Bild festgehalten. Vom Wecken bis zum perfekten Ton-in-Ton abgestimmten Geburtstagstisch. Alles: so eine heile rosa Welt, dass ich kurz dachte: „DAS kann nicht echt sein.“ Aber beim weitern Zusehen merkte ich: „doch, DAS ist ECHT.“ Und ich hatte so Mitleid mit diese Mädchen bekommen, das seiner Mutter hinterherläuft, die sie die ganze Zeit filmt. Und die ihr nicht übers Haar streicheln kann, weil sie filmen muss und die dauernd Fragen stellt, die vielleicht irgendwer interessant finden könnte. Aber eines war so klar: „Da brennt das Licht, aber keiner ist zu Hause.“ Da war NIEMAND präsent. NIEMAND.

Nein, ich bin nicht ohnmächtig. Ich habe es in der Hand, wofür und womit ich meine Zeit fülle. Und ich kann sagen: bezogen auf Internet und social media ist es verdammt schwer, sich auszuklinken. Abzuschalten. Haben wir auch nicht gelernt. Haben uns verführen lassen.

Aber auch hier will ich Vorbild sein. Ich will die Inhalte lesen und schauen, die mich inspirieren, die mich wachsen lassen. Bei denen ich meine Blickwinkel verändern kann und die einen echten Mehrwert für mich haben. Und zwar im echten Leben.

Und ich werde wieder mehr offline Zeiten einführen. Und das Handy auf lautlos stellen. Ich will mehr Leben in Echtzeit.

Und das tollste ist: ich bin nicht ohnmächtig. Ich habe Zeit. Und diese Zeit will ich mit Leben füllen. Mit guten, satten Leben. Und dafür muss ich streichen. Dafür muss ich enttäuschen. Mich selbst und vielleicht auch andere.

Aber eines will ich nicht. Ich will nicht irgendwann an den Punkt kommen, an dem ich mich immer wieder fragen: „Was wäre wenn…“

Ich will in den Kalender schauen und sagen können: „DAS ist mein Leben. Und es ist gut so wie es ist.“

Sei dir gut ❤️

 

 

 

8 Kommentare

  1. Heidi Irle

    4. Oktober 2017 at 14:59

    Liebe Natalia, auch wenn ich alt bin und eigentlich alle Zeit der Welt haben müsste, spricht mir der Text aus dem Herzen.Und mir fällt es immer noch schwer, „Nein“ zu sagen, wenn es nötig wäre und damit dem Hamsterrad zu entkommen.Und ich will es immer wieder lernen, bevor es wirklich nicht mehr geht-aus welchen Gründen auch immer-Wichtiges und Nötiges erkennen, auch mal ein nicht Verstehen auszuhalten. Du weißt, wie schwer mir das fällt.Also: fangt früh damit an !

    1. Natalia

      5. Oktober 2017 at 9:04

      Liebe Heidi, danke für deine Zeilen und deine Offenheit. Ja, das Nichtverstehen auszuhalten ist mit das Schwerste. Weil sich jemand ein Urteil über uns erlaubt, dass uns meistens wenig gerecht wird. Um so wichtiger ist es, seinen Wert nicht aus der Bewertung von außen abhängig zu machen. Ich wünsche dir ganz viel Mut und ganz viel Selbstliebe, damit dir das gelingt.

  2. Kristin

    4. Oktober 2017 at 16:43

    Du sprichst / schreibst mir aus der Seele. Danke für die Erinnerung und die wertvollen Zeilen!

    1. Natalia

      5. Oktober 2017 at 9:01

      Das freut mich! Danke dir.

  3. Gudrun Lochte

    5. Oktober 2017 at 15:20

    Liebe Natalia,
    oh wie gut verstehe ich deinen Beitrag. Auch bei mir gab es eine Zeit, wo ich keine Zeit hatte. Aber irgendwann kam die Zeit, da musste ich mir überlegen was ich tue und lasse, weil über mir alles zusammenbrach. Und jetzt nehme ich mir meine Zeit und fülle sie mit Leben, so wie es mir gefällt.
    Ich wünsche dir eine schöne Zeit und bis bald mal wieder
    Gudrun

  4. Susi

    6. Oktober 2017 at 13:42

    Liebe Natalia,
    bei mir ist es immer dieser Zwiespalt zwischen „Es geht sich alles was im Kalender steht wunderbar zeitlich aus aber dafür habe ich keine persönliche Zeit“ und „Ich tue etwas für mich dafür strudle ich mit allem hinterher, bin gestresst und fühl mich auch nicht wohl“.

    Ich habe das Gefühl ich wechsle meine Methode da jährlich immer in dem Glauben es dieses Schuljahr endlich besser hinzubekommen.

    Momentan lebe ich Variante 1 und es ist sowas von fad. Ja ich bin zwar entspannter und mein Sohn hat immer seine Lieblingshose gewaschen und meine Tochter erscheint immer pünktlich mit passendem Geschenk bei jeder Geburtstagsfeier ABER ich habe das Gefühl ich verliere mich dabei.

    Deshalb werde ich wohl bald wieder auf Variante 2 umschwenken, vor allem weil die Kinder ja zum Glück mit dem Alter auch schon viel selbständiger werden.

    Alles Liebe

  5. M.Daniela

    10. Oktober 2017 at 22:53

    Danke für diesen segensreichen und wertvollen Artikel. Nun kann ich beruhigt schlafen! Ich habe mich entschieden meine Lebenszeit momentan meinen Kindern zu widmen. Solange sie klein sind und mich brauchen! Zumal es familiär nicht anders möglich ist. Dafür muss und werde ich mich nicht mehr schämen… Jeder soll tun wie es ihm gefällt. Aber ich weigere mich noch länger der Kritik „Zeit mit den Kindern“ sei verlorene Lebenszeit Rechnung zu tragen… Die Mütter und auch Väter welche so sprechen wissen ja nicht was sie sagen, oder sind die Kinder sooo wenig wert, dass Zeit mit Ihnen verlorene Zeit ist? Trauriger Zeitgeist. Umso dankbarer bin ich für Worte wie die Deinen… Und ja Offline Zeiten baue ich nun auch wieder bewusster ein

    1. Natalia

      13. Oktober 2017 at 9:05

      Liebe Daniela, wie gut, dass du für dich ganz im Frieden mit DEINER Situation bist. Mir hilft es immer sehr, wenn ich mir gut überlege, was den gerade gut ist. In dem allen. In dem Alltag, in dem wir manchmal mehr auf den schwarzen Punkt auf dem weißen Blatt schauen, statt uns bewusst zu machen, WIEVIEL gut ist. Ich freue mich, dass mein Beitrag dir Inspiration war.

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