Leben passiert

“They admire your strength, but they connect with your weakness.” (Christine Caine)

Großartig. Das ist genau meins. NICHT.

Als wir vor ungefähr acht Wochen wieder in unseren “back-to-school” und “normal life” zurückgekehrt sind, dachte ich: “Nun, die ersten ein bis zwei Wochen wird es wohl brauchen und dauern, bis die Kinder in ihrem Alltag wieder angekommen sind.” Besonders für unsere Älteste, die auf die weiterführende Schule gewechselt ist, hatte ich dieses Zeitfenster eingeplant. Da wollte ich da sein. Nein, mehr noch: ich MUSSTE da sein. Und so war ich hin und her gerissen zwischen “endlich wieder Schule, da habe ich wieder mehr Freiräume zum Arbeiten und für mich” und “da muss und will ich jetzt ganz da sein, damit sie gut ankommt.”

Aus einer wurden zwei Wochen. Dann drei. Dann vier. Und nun haben wir schon Herbstferien. Und auch davon ist die erste Woche rum. Und ich? Ich bin so fertig und kaputt wie schon lange nicht mehr. Und deshalb war es hier auf dem Blog so ruhig. Ich hätte gerne geschrieben, wie toll ich das alles schaffe. Wie gelungen unser Alltag ist. Wie entspannt die Nachmittage und wie klein die Wäscheberge. Wie leicht mir meine Arbeit von der Hand geht. Und so vieles mehr. Aber so war es nicht. So war es schlicht und einfach nicht. Und so konnte ich nicht schreiben.

Denn wie sollte ich AUTHENTISCH über “sei dir gut” schreiben, wenn ich es selber gerade gar nicht kann und bin? Ganz einfach deshalb, weil ich die Wellen so gar nicht habe kommen sehen. Und ich meine GAR NICHT habe kommen sehen.

Und so bin ich, natürlich auch ich, voll und ganz in mein altes Muster zurückgefallen. Nicht Augen zu und durch. Damit habe ich eher schlechte Erfahrungen gemacht. Eher: Ärmel hoch und noch mal mehr Gas geben. Stress mit Stress kompensieren. Plötzlich schien mein Alltag weniger als 24 Stunden zu haben. Ich bin nicht mehr hinterhergekommen. Die große Bedürftigkeit meiner Tochter, die sich erstmal neu zurecht finden muss kam in einer Heftigkeit, die ich nicht vorausahnen konnte. Das emotionale Durcheinander in ihrer kleinen Seele hat uns hier alle ganz schön geschüttelt. Und ich war so beansprucht sie zu sehen und aufzufangen, dabei die anderen beiden nicht zu übergehen und meine Arbeit und meine Ehe im Blick zu haben, dass ich mich aus den Augen verloren habe.

Nicht mehr so schlimm wie früher. Nein, nicht mehr so. Da freut man sich. Da hat man Strecke gemacht. Aber immerhin so, dass ich den Sport und alles Nette gnadenlos gestrichen habe um vor allem Zeit nur mit mir alleine zu haben, wenn ich sie kurz hatte. Aber dann fällt man von der anderen Seite vom Pferd. Da sorgt man einerseits gut für sich, in dem man für sich ist und sich von möglichen Energiefressern fernhält. Auf der anderen Seite igelt man sich so ein, dass einem Inspiration und Austausch fehlt.

Und so habe ich versucht die Welle zu surfen. Es gab auch gar keine andere Option. Und ich wollte schon gerne auf dem Brett stehen bleiben und nicht im Waschmaschinengang an den Strand gespuckt werden.

Mit diesem Gefühl von “I will survive” erreichte ich nach 8 Schulwochen den Strand, der dann aber doch auf einem kleinen Bauernhof irgendwo in Franken ist, weil die Kids so gerne nochmal ins Planmobil- Land bei Nürnberg wollten.

 

 

Und wir haben eine gute Zeit. Familienzeit. Mit vielen Runden Uno und vielen Vor-Lesestunden. Aber ich? Ich schlafe quasi gar nicht. Nach der ersten Nacht bin ich zermürbt und unzufrieden. Ich will einfach schlafen. Mich erholen. Ab der zweiten Nacht werde ich nachdenklich und nehme an was ist: da bahnen sich so viele Gedanken und Gefühle ihren Weg, die in den letzten Wochen dafür einfach keinen Raum hatten. Und so liege ich im Bett und lass dies zu. Und bin überrascht WAS da alles kommt. Und ich merke: ich muss gar nichts lösen. Ich muss sie nur vorbeiziehen lassen und ihnen Beachtung schenken. Und somit auch endlich wieder mir. Und so werden diese nächtlichen Stunden zum Geschenk. Ich spüre mich wieder. Ich sortiere mich wieder. Plötzlich kann ich wieder klar sehen. Und überraschender Weise bin ich tagsüber gar nicht so müde wie erwartet. Vielleicht, weil die innere Erschöpfung den Körper verlassen hat.

Und so erlebe ich mein Leben immer wieder als ein auf und ab. Und ich frage mich immer wieder: “Wer bin ich und wenn ja, wie viele?” Wo bin und bleibe ich und wie schaffe ich den Spagat, mich beruflich und persönlich weiterzuentwickeln, eine starke Partnerschaft zu leben, Freundschaften zu pflegen und mich selbst nicht zu vergessen. Und so schnüre ich das erste Mal wieder seit Wochen meine Laufschuhe. Und laufe ganz langsam zurück zu mir. Und auch durch die Zeit.  Ich lasse die letzten 10 Jahre Eltern- und Mutterschaft vorbeiziehen. Dankbar für vieles. Auch darüber, wie ich und wir das als Elternpaar hinbekommen haben. Dass wir miteinander einen sicheren Anker haben, auf den wir uns verlassen können. Auch, wenn die Wellen manchmal ganz schön über uns zusammenbrechen.

 

 

Und vorgestern Abend, als mein Mann, Sohn und ich das Wohnzimmer für Johanna schmücken, die gestern 10 Jahre alt geworden ist, will mein Sohn den Geburtstagszug aus der Schublade holen. “Mama, ich kann die 10 nicht finden?!”

“Es gibt kein 10 für den Zug”, antworte ich. Mein Sohn ist irritiert. Er kann es nicht glauben. “Aber warum nicht?”, fragt er. Und ich nehme ihn auf den Schoß. Wir sortieren die Zahlen und ich sage: “Weißt du, irgendwann ist eine Zeit zu Ende. Und eine neue beginnt. Auch, wenn man sich das nicht so aussucht, so ist das Leben. Und oft spüren wir das und sind eigentlich schon darauf vorbereitet. Auch, wenn wir es noch nicht so ganz glauben mögen. Schau, ich habe für Jo diese neue Geburtstagskerze gekauft, die wird morgen für sie leuchten.”

Und am nächsten Morgen singen wir mit Kuchen und Kerzen am Bett. Und ein so großes Mädchen springt heraus. So aufgeregt, als wäre sie drei. “Ich bin so froh, dass ich schon 10 Jahre bei euch bin!”, sagte sie und schmiegt ihre Arme um mich.

“Bitte sei nicht traurig, Johanna”, sagt ihr Jakob, “leider konnten wir den Zug nicht aufbauen. Die 10 fehlt.” Und sie schaut und strahlt über den geschmückten Tisch und sagt: “Ach, ist gar nicht schlimm. Dafür bin ich ja auch schon zu groß. Ach, ich fühle mich richtig angekommen.”

Leben passiert.

Und ich nehme mir vor, es wie eine Fahrt im Riesenrad zu betrachten.

Immer wieder auch von unterschiedlichen Perspektiven aus.

Immer wieder mit Haltepunkten.

Um dankbar das anzunehmen, was das Leben einem gerade bereithält.

“Nicht müde werden sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten.” (Hilde Domain)

Sei dir gut ❤️

 

 

 

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