Lebenslange Freundschaft. Drei Zutaten.

Wir saßen gemeinsam mit vier Freunden um unseren Tisch. Drei Paare. Das Besondere war für uns, dass es alte und neue Freunde waren. Unsere alten Freunde kennen wir nun seit 14 Jahren. Unsere neuen Freunde genau seit einem. Sechs Menschen um einen Tisch, die sich alle nach einer Sache sehnen: miteinander echt sein. Sein zu dürfen. Ich bin mir sicher, dass das die absolute Grundlage für Freundschaft ist. Vielleicht auch eine für lebenslange Freundschaft.

Freunde für immer.

Danach sehen wir uns doch alle. Ich weiß noch, als meine beste Freundin mit mir Schluss gemacht hat. Genau so fühlte es sich an. Ich war dreizehn und ich dachte, dass wir Freunde für immer wären. Nein, Freunde für immer UND ewig. Es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, dass das nicht so sein könnte. Umso größer war der Aufprall in der Realität, als sie mir in einem Brief mitteilte, dass wir keine Freude mehr sein. Ich habe gelitten wie ein Hund.

Ungefähr drei Jahre später erhielt ich noch einen Brief von ihr. Wieder: out of the blue. Sie würde mir gerne erklären, warum sie diesen Schritt damals gehen musste. Und so trafen wir uns in einem kleinen Eiscafé. Saßen auf Metallstühlen an einem kleinen runden Tisch und sie erzählte. Offen. Ehrlich. Verletzlich. Bat mich um Verständnis und um Verzeihung. Sie ist heute meine längste und eine meiner engsten Freundinnen. Seit über 25 Jahren. Und wir wissen beide: unsere Freundschaft ist lebenslänglich.

Als wir nun gemeinsam um den Tisch saßen und über Freundschaften sprachen, wurde mir klar, dass ich das mit diesen Menschen hier genauso empfand. Zum jetzigen Zeitpunkt, nach menschlichem Ermessen, werden diese Menschen lebenslang mit mir in Verbindung sein. Mit diesem seligen Gefühl bin ich schlafen gegangen. Es hat mir Sicherheit gegeben. Das Gefühl: da ist jemand. No matter what. Und mein erster Gedanke nach dem Aufwachen war: was macht wahre Freundschaft aus? Und noch viel mehr: Wie halten Freundschaften lebenslang?

Die Basis: Offenheit

Offenheit schafft Vertrauen und Verbundenheit. Ohne diese Zutat läuft meiner Meinung nach GAR NICHTS. Auf jeden Fall nicht lange. Wenn ich meine Tochter frage, was sie sich von einer Freundin wünscht, dann antwortet sie sofort: „Dass ich ihr alles sagen kann.“ Und ich teile ihr Gefühl voll und ganz. Ich will in einer Beziehung ICH- SEIN dürfen. Will will ECHTSEIN. Ich will mich nicht verstellen. Ich will über ALLES sprechen können und dürfen. Und noch mehr: ich will auch alles ansprechen und fragen dürfen.  Wenn in Beziehungen und Freundschaften der bekannte Elefant im Raum steht – dann stimmt was nicht. Dann ist keine Tiefe, kein Vertrauen, kein Echtsein, dann ist rein gar nichts möglich. Dann plätschert es freundlich an der Oberfläche herum. Wenn überhaupt. Offenheit ist für mich der Schlüssel, dass ich überhaupt Interesse an jemandem habe. Ich habe keine Lust auf immer nur heile Welt. Nicht, weil das nicht schön wäre, sondern weil ich weiß, dass das Leben nicht immer so ist. Bei niemanden. Folgende Worte habe ich einmal über unsere Ehe geschrieben.

„Was es für uns beide leichter gemacht hat war und ist: wir wollten immer uns. Wir sind beste Freunde. Wir lachen und streiten. Wir loten aus. Wir stecken ab. Wir erzählen uns. Von dem, was uns bewegt. Von dem, was uns Sorge macht und von dem, was uns beglückt. Wir tauschen uns regelmäßig aus, wie wir unser Leben finden. Machen Inventur am Jahresanfang. Was wollen wir? Und wie? Und mit wem? Gemeinsam pflegen wir Freundschaften, aber auch die eigenen. Wir ermutigen uns und können uns aufeinander verlassen. Wir erleben Streit nicht mehr als Bedrohung.“ 

Wenn wir nicht von Anfang an OFFEN mit einander umgegangen wären, wären wir nicht mehr zusammen. Und so geht es uns auch mit unseren engsten Freunden.

Willst du ein Freund, dann verbringe Zeit mit ihm

Wenn man jemanden schon lange kennt, dann hat das einen großen Vorteil: man kennt sich schon lange. Bei meiner Freundin Mi  war es Liebe auf den ersten Blick und dann hat uns die Zeit zusammengeschweißt. Bei meiner Freundin Catrin hat sich unsere Freundschaft langsam entwickelt. Unsere Männer waren befreundet. Ich fand sie: nett. Dann haben wir uns regelmäßig getroffen und auch schon viele Dinge besprochen und geteilt. Aber ich erinnere mich genau an den Tag, an dem ich wußte, dass sie meine Freundin ist: wir kannten uns immerhin schon 10(!) Jahre. Als ich an sie dachte, fehlte etwas. Es fehlte die Sorge, dass unsere Freundschaft ein Ende haben könnte. Eine Basis, ein Grundgefühl von Sicher-und Verlässlichkeit hatte sich eingestellt, das mich durchatmen ließ. Wir waren Freundinnen. Punkt. Die gemeinsam verbrachte Zeit spielt demnach in lebenslangen Freundschaften eine wichtige Rolle: „Freunde fürs Leben kennen nicht nur die Person, die du bist, sondern auch die Person, die du warst“, sagt Irene Levine „Diese gemeinsame Vergangenheit zu haben, macht es auf kurze Sicht einfacher, zu kommunizieren. Sie verstehen deine Wurzeln und wissen von wichtigen Menschen und Ereignissen in deinem Leben.“  

Eine wichtige Rolle spielt die Zeit, die man miteinander verbringt. Im Eins-zu-Eins-Kontakt entsteht Beziehung. Bindung. Vertrauen. Wenn Menschen sich auseinanderleben, egal ob in Partner- oder Freundschaften, dann hat das meistens etwas damit zu tun, dass man aufgehört hat, Zeit miteinander zu verbringen. Und zwar quality time. Denn Beziehungen entstehen durch das Miteinander sein. Durch das Interesse am Gegenüber. Aufmerksamkeit. Reden. Zuhören. Dasein. That’s it.

Wenn du möchtest, dass du in einer Freundschaft verbunden bleibst, dann musst du dich verabreden. Und es gibt Zeiten, da ist es nicht einfach. Familie. Job. Alltag. Entfernung.  Ich treffe mich mit meiner einen Freundin einmal im Jahr. Mehr geht nicht. Wir wünschen es uns anders. Aber es ist gerade so. Halte einen Termin im Kalender fest. Denn allein der Gute Wille hilft und reicht nicht, dass Freundschaften beständig bleiben.  Wenn man  nichts investiert, dann kann man auch nichts erwarten. Wenn du dir wahre Freundschaft wünscht, dann schaffe dafür Freiraum.

Verletzlichkeit ist das Salz in der Suppe

Haben wir den Mut, unserer Schwachheit Raum zu geben, dann kann etwas wunderbares entstehen: Veränderung. Wenn wir in einer Freundschaft an dem Punkt angelangt sind, an dem wir uns ALLES erzählen, dann schafft das eine Verbindung der besonderen Art. Dann kann ich authentisch sein und  bekennen, was meine Stärken und meine Schwächen sind. Wenn wir weinen und lachen können. Leben ist ein Prozess. Leben ist Veränderung. Und es ist manchmal laut und dreckig. Und wenn wir diese Seite mit jemandem teilen, dann verbindet uns das auf eine tiefe, lebenslange Weise.

Verletzlichkeit ist für mich das Salz. Ohne das ist und bleibt es: fade. Wenn du mindestens einen Freund hast, der so an deiner Seite ist, dann kannst du dich wahrlich glücklich schätzen. Und kannst sehr stolz sein. Am meisten auf dich. Denn wenn du dich so zeigen kannst, wirst du einen inneren Frieden finden, den du vorher nicht gekannt hast. Wenn du dich traust, dich ganz nackt und verletzlich zu machen und TROTZDEM und GERADE deswegen Liebe und Freundschaft erfährst, bist du ganz und gar bei dir angekommen. Dann bist du nicht mehr allein. Dann hast du einen Monkey.

Wer ist dein Monkey?

Eine besonders Studie wurde vor Jahren an und mit Affen gemacht. Gegenstand der Untersuchung war, ob Beziehungen einen Effekt auf das Stresshormon Cortisol in unserem Gehirn haben.  Cortisol wird dann ausgeschüttet wird, wenn wir massivem Stress ausgesetzt sind. In dem Experiment, wurde der Affe im Käfig massivem Stress ausgesetzt. Lärm, flackernde Lichter – kurz: sie haben ihn zu Tode erschreckt. An diesem Punkt wurde das Stresshormon gemessen. Wie zu erwarten, war es sehr hoch. Im zweiten Durchlauf gab es eine Veränderung: Die Tür des Käfigs  wurde geöffnet und ein Buddy, ein weiterer Affe wurde dazu gesetzt. Wieder wurden die Tiere diesem massiven Stress von außen ausgesetzt und im Anschluss wurde gemessen. Das Ergebnis: Das Stresshormon sank um die Hälfte (!) ab. ALLEINE konnte der Affe also nur halb so gut mit Stress umgehen, wie zu zweit.

 

      

Meine Frage an dich ist: Wer ist dein Monkey?

Offenheit, Zeit und Verletzlichkeit sind die drei Zutaten für eine lebenslange Freundschaft. Wenn du sie lebst, wirst du einen Freund an deiner Seite haben, wenn der Käfig wackelt.

Sei dir gut ❤

Deine Natalia

PS: Unbedingt anschauen.

 

 

 

  1. Yvonne Sebald

    24. März 2018 at 12:02

    Wow! Danke für diesen Artikel. Definitiv einer meiner Favoriten. Gleich nach Halftime.

    1. Natalia

      24. März 2018 at 12:10

      Vielen Dank, Yvonne! Du treue Leserin! Ich freue mich sehr über deine Worte!

  2. Kristin

    24. März 2018 at 13:23

    Was für ein toller Artikel und was für ein großartiger TED Talk! DANKE Dir von Herzen Natalia!

    1. Natalia

      24. März 2018 at 14:39

      Ach, liebe Kristin, DANKE für deine Worte. Ich freue mich sehr darüber!

  3. Katerina Fistera

    24. März 2018 at 15:15

    Ein ganz toller Beitrag! Auch mit siebzig Jahren gibt er mir viel, wie so oft schon ! Und danke auch für den großartigen TED Talk am Ende. Vielen dank, liebe Natalia,

    1. Natalia

      29. März 2018 at 10:43

      Du Liebe, das freut mich sehr. Wie schön, dass wir mit – und voneinander lernen können.

  4. Julia

    24. März 2018 at 17:56

    Liebe Natalia, man merkt Du hast Dein ganzes Herzblut in diesen Artikel gesetzt und zu Recht! Deine Worte sind wie so oft wunderschön und berühren ganz wunderbare Stellen in der Seele! Bleib genauso wie Du bist!! 🙂 Julia

    1. Natalia

      29. März 2018 at 10:43

      Wie schön, liebe Julia, wenn man das Herzblut durch die Zeilen fühlen kann. Ach, you made my day!

  5. Mandy

    24. März 2018 at 18:47

    Wow. Kraftvolle Zeilen, die nachdenklich stimmen und irgendwie erstmal traurig machen –und dann (zumindest bei mir) hoffnungsvolle Zuversicht und Wärme, denn da gibt es Monkeys…, die man im Alltag nur nicht sieht oder „reinlässt“…Danke fürs Gedanken teilen.

    1. Natalia

      29. März 2018 at 10:42

      Liebe Mandy, wie schön, dass sich hoffnungsvolle Zuversicht eingestellt hat. Manchmal müssen wir es wagen, sie in unser Leben reinzulassen. Das hast du schön beschrieben. Und manchmal muss man die Augen und das Herz weit offen machen, damit man sie wahrnimmt. So wahr.

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