lebst du schon, oder lebst du noch?

“Du, Mama”, sagt meine Äldee heute Morgen beiläufig, “ich habe echt Angst vor dem Fliegen.”
Während ich Koffer packe und Sachen zusammensuche rufe ich ihr zu: “Ach Schatz, das versteh ich, aber fliegen ist wirklich sicher.”
Ich krame weiter.
“Mama, was ist wenn Terroristen das Flugzeug sprengen?”, bohrt sie nach. Ich setze mich nun doch zu ihr. “Das ist wirklich unwahrscheinlich. Aber ich bin froh, dass wir alle zusammen sind. Der Gedanke, dass mir, Papa oder euch was passiert und einer bleibt alleine zurück, ist grausam”, versuche ich eine Antwort.
Stille. Pause.
“Ja, das kannst du ja leicht sagen. Du hast ja dein Leben schon gelebt. Du hast alles schon gehabt! Aber ich, ich habe alles vor mir! Ich will einen Mann und Kinder und einen Beruf, der mir Spaß macht.”
Ich bin sprachlos. Wie bitte? Was soll denn das heißen, ich habe mein Leben gelebt?
Ich antworte: “Aber ich bin auch noch jung. Ich wünsche mir noch viele Jahre. Und ja, wenn man sterben muss, besonders wenn man ein Kind ist, ist das schwer, weil das Leben noch vor einem liegt.”
Wir sitzen nun da. Das große Kind auf meinem Schoß. Und ich fühle: Liebe. Glück. Dankbarkeit. Für alles, was mein Leben ausmacht. Wenn ich heute gehen müsste, dann könnte ich aus tiefsten Herzen sagen: “Es war alles gut. Es war ein gutes, sattes Leben.”
Aber: ich will noch nicht. Ich will noch so viel. Lieben und Leben teilen, verändern und gestalten, begleiten und wachsen, reisen und rasten, lesen und schreiben, weinen und lachen, entdecken und bewahren, loslassen und bleiben.
Ich danke dir, meine große Tochter. Mal wieder. Für deine Gedanken, die uns Erwachsenen so schwer fallen, weil sie so wahr sind.
Und die Wahrheit ist: es ist meine Verantwortung für mich dieses Leben zu gestalten. Es als Privileg zu betrachten, dass wir in einem Teil dieser Welt leben, in dem es uns verdammt gut geht, auch wenn nicht immer alles gut ist. Es ist wunderbar, an diesem Tag zu sein.
Sei dir gut ❤️

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