Schulbeginn

Mein Sohn. Malt sich mit Kugelschreiber Muskeln auf den Körper. Stürzt sich in jedes Abenteuer mit seinen Playmobilrittern und Piraten. Trinkt immer noch gerne eine Kuschelmilch aus der Babyflasche und hortet die “Sternenschweif” CD-Box seiner großen Schwester heimlich in einer Ecke. Zur EM gibt es schwarz-rot-goldenen Nagelack. Nach außen häufig cool und lässig. Innen ein großes Herz, das voller Empathie und Liebenswürdigkeit ist.
Seinen Freunden möchte er eine Karte aus dem Urlaub schicken. Er diktiert. Ich schreibe. Jedem malt er ein kleines Bild dazu. Passend. Viele Gedanken in einem noch kleinen Kopf.
Als Jungenmutter erlebe ich das Leben mit ihm anders als mit den Mädchen. Ich habe deutlich mehr Sorge ihm nicht gerecht zu werden. Seinen männlichen Bedürfnissen. Der Spaßkloppe. Dem Sprücheklopfen. Dem Coolsein. Dem Aufschneiden. Den Tränen und der Unsicherheit, die er unter anderen Jungen schon spürt: wer ist der Beste?!
Er kommt in zwei Wochen in die Schule. Ein Neuanfang. Schulbeginn.

Er bekommt eine Lehrerin. Eine wunderschöne, wie er sagt.
Ich wünsche ihm: eine, die Verständis hat, dass Jungen mehr Bewegung brauchen. Eine, die sein gutes Herz in der manchmal schon harten Schale sieht. Eine, die Jungentränen so trocknet wie die der Mädchen. Eine, die die Bedürnisse hinter den coolen Sprüchen spürt.
Ich wünsche ihm Klassenkameraden, die fair und nett sind. Denen Teamgeist wichtiger ist als der Klassenclown zu sein. Ich wünsche ihm Lehrer, die es schaffen die Jungen für Musik und Kunst zu begeistern und anzurühren.
Und ich hoffe, dass wir unseren Jungen weiter bestärken, dass eine verletzliche, weiche Seite einen starken Mann ausmacht. Einen, der andere achtet und wertschätzt. Einen Mann, der klare Prioritäten im Leben setzen wird und der es als einen wahnsinnigen Schatz in seinem Leben entdeckt, dass er einen Vater hat, der sich viel Zeit für seine Kinder nimmt. Einen, der hart dafür arbeitet und kämpft, ein präsenter Vater zu sein. Kein perfekter.
Ich wünsche meinem Sohn Freunde. Freunde. Nicht nur Kumpels. Freunde, die das Leben bereichern. Die das Leben teilen. Die anfeuern und unterstützen und nicht abhauen, wenn es brennt.
Ich wünsche ihm, dass er erfährt, dass Reden und Benennen, das Leben oft leichter machen und wann es besser ist zu schweigen. Wann es gut ist, klar und deutlich zu sein und wann es hilfreicher ist, die starke Schulter zum Anlehnen zu bieten.
Ich wünsche ihm so sehr, dass er seine Sexualität jenseits von Pornos entdecken und erleben darf. Ich hoffe, dass er weiß und fühlt, dass wir als Eltern ihn immer lieben und annehmen werden. Egal, in wen er sich verlieben wird.
Am meisten wünsche ich ihm, dass er sich selbst liebt und achtet. Dass er seine Stärken fördert und seine Schwächen annimmt. Dass er erlebt, dass Schwäche zeigen und zugeben mehr Mut als alles andere erfordert.
Und wieder spüre ich: Zeit, die Leine weiter loszulassen und ein sicherer Hafen sein. Nicht leicht. Sogar sehr schwer.
Und ich wünsche uns Jungeneltern: seid ihm gut. Und euch auch ❤️

2 Kommentare

  1. Barbara

    27. August 2017 at 22:50

    Liebe Natalia,
    Danke – von Herzen – für diesen Eintrag. Ich bin etwas, was ich nie dachte, zu werden: eine doppelte Jungsmama. Zwei wunderbare kleine Männer. Und ich habe jeden einzelnen Tag das Gefühl, ihnen und ihren Bedürfnissen nicht gerecht zu werden – egal, was ich tue. Die Worte, die du über deinen Sohn schreibst, machen mir immer wieder Mut, meine Unzulänglichkeiten zumindest anzunehmen. Und es weiter zu versuchen…

    1. Natalia

      28. August 2017 at 13:48

      Liebe Barbara, vielen Dank für deine lieben Worte. Ich freue mich sehr, wenn dir mein Beitrag gefallen hat! Wow! Du bist eine doppelte Jungenmama und ich bin sicher: du bist eine ganz wunderbare Mama! Und sei ganz gewiss: wir sind alle nicht perfekt aber genau richtig für unsere Kinder.

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