Mehr Bauchgefühl, bitte!

Ich frage mich manchmal, wo er ist. Der Instinkt. Dieses untrügliche Gefühl in uns, dass uns hilft durch unser Leben zu navigieren und zwar so, wie es uns gut tut und nicht nur so, wie man es müsste.
Ich fürchte, dass er häufig verschüttet ist. Überdeckt von Unsicherheit und Angst. Und ich vermute, dass das daran liegt, dass wir so häufig nicht bei uns sind.

Ich habe eine Klientin gefragt: “Was fühlen Sie gerade?” Man könnte meinen: “Wo ist das Problem? Sag es einfach!” Aber nein, das wäre vermessen. Wenig achtsam und achtend. Denn die Antwort war: “Ich weiß es nicht. Ich fühle nichts.” Pause. “Ich glaube, wenn ich mir erlauben würde wieder zu fühlen, dann bricht hier alles zusammen.”
Und dann habe ich ihre Hand genommen und habe sie weinen lassen. Denn es brauchte keine Worte. Es war alles gesagt. Es war alles erkannt.

Ich denke, dass das sehr vielen so geht. Ich bin sehr nah dran an meinen Gefühlen. Das ist Licht und Schatten zugleich. Und doch merke ich, ich tappe immer wieder in die gleiche Falle: mein Gefühl sagt mir genau, was gut für mich wäre. Mein Instinkt, mein Radarsystem, fühlt viel schneller als ich. Aber dann kommen ganz alte und bekannte Muster daher. Und die grätschen mir sowas von dazwischen. Eines von mir lautet “Du darfst den Anderen nicht enttäuschen.”

Doch immer dann, wenn ich meinem Instinkt kein Gewicht beimesse, passiert es, dass ich eine Zusage in dem Augenblick bereue, in der ich sie treffe. Ich ärgere mich über mich. Das passiert mir immer wieder. Und dann muss ich schauen, ob ich es irgendwie wieder zurückdrehen kann. Und dann passiert meist das, was ich ja auf keinen Fall wollte: ich enttäusche. Die Anderen. Aber auch mich.

Ich habe gemerkt, dass ich immer wieder mehr in diese Falle trete, wenn ich nicht gut bei mir bin. Wenn ich viel im Außen bin. Viel abarbeite, viel wegschaffe. Und mich hinten anstelle.
Und ich glaube, dass uns unser Vertrauen in unseren Körper und unseren Instinkt wirklich darunter leiden, dass wir ihnen so wenig Beachtung schenken.

Ich habe als junge Frau (oh weh….) permanent unter Blasenentzündungen gelitten. Chronisch, wie die Schulmedizin sagt. Ich weiß nicht, wie viel Antibiotikum ich genommen habe und wie viel Fragen alle Art ich über mich ergehen lassen musste. Inzwischen weiß ich: mein Körper hat mir unmissverständlich klar gemacht, dass er eines nicht wollte: Sex mit meinem damaligen Partner. Denn dieser Zusammenhang mit dem Auftreten der Erkrankung war klar.

Hätte ich auf meinen Körper, und damit auf mein Herz, gehört, wäre ich wirklich ehrlich zu mir gewesen und hätte mich ernstgenommen, wäre mir viel früher aufgefallen: dieser Mann tut mir nicht gut. Dieser Mann achtet mich nicht. Dieser Mann versucht alles um mich zu brechen. Und ich, jung und dumm, habe es aber nicht gewollt und geschafft zu sehen. Ich hatte Angst vor Veränderung. Ich wollte geliebt und gesehen werden.

Nach der Trennung verschwanden die Blasenentzündungen. Damit will ich nicht sagen, dass es nicht ganz erklärliche Ursachen gibt (ich bin mit einem Arzt verheiratet), aber dass es Ursachen geben kann, die nicht im Lehrbuch stehen.
Ich habe es immer wieder erlebt, dass mich mein Bauchgefühl, mein Instinkt nicht getäuscht hat. Und deshalb möchte ich dafür wirklich eine Lanze brechen:
WAS fühlst du?

Besonders, wenn du Kinder hast, ist das so wichtig zu spüren. Willst du tun, was man tun sollte, oder spürst du ein klares “NEIN”. Dann nimm es und dich ernst.

Ich wollte und konnte unsere Kinder nicht schreien lassen. An sich habe ich versagt. Meine Kinder haben bei uns im Bett geschlafen. Wieder versagt. Meine Kinder wurden fast das ganze erste Lebensjahr getragen. Wieder versagt.
Nein, dass war nichts, was ich mir ausgesucht hatte. Dass war nichts, was ich so machen wollte. Meine Kinder haben es mir wirklich nicht leicht gemacht. Und darüber bin ich froh.

Nein, es war mein Herz, mein Instinkt, der mir sagte: “Natalia, WAS machst du hier gerade? Dein Baby schreit und es bricht dir das Herz. Du heulst. Nimm es hoch. Jetzt.”

Egal, ob du Mutter bist oder nicht. Egal, welche Entscheidungen bei dir anstehen: bleib bei dir. Stell dich auf deine Füße, schließe deine Augen und spüre nach, WAS du FÜHLST. Und sei ehrlich zu dir.

Und dann darfst du darauf vertrauen,
… dass du kein Babyphone mit Kamera brauchst. Du spürst, wenn was ist.
…dass du, wenn es nicht medizinisch indiziert ist, keine Babymatratze mit Atemüberwachung brauchst. Du spürst, wenn was ist.
… dass du deinem Partner nicht an eine fremde Stadt folgen musst, wenn du es nicht willst. Du spürst, was ist. Und dann sprich es aus. Vielleicht gibt es einen anderen Weg. Aber die Türen können sich erst öffnen, wenn du weißt, was DU willst.
… dass du offener und zufriedener mit dir und den Anderen bist. Du spürst, was ist.
…dass du deine Grenzen besser kennen- und schätzen lernen wirst: sie schützen dich.
… dass du ehrlicher zu dir und zu anderen sein wirst, weil du mehr wahrhaftig im Umgang mit dir bist.
… dass es dir leichter fallen wird, zu zugeben, wenn etwas nicht in Ordnung war..

Du wirst mehr Sicherheit mit dir bekommen. Mehr Selbstbewusstsein. Du bist gut. Vertraue dem, was in dir ist. Schon jetzt. Schon immer. Nimm dich ernst. Und prüfe dein Bauchgefühl. Nimm deinen Instinkt als Hilfsmittel. Egal, wie du dich entscheidest, er ist ein weiser Ratgeber, auch wenn er die Diskussion oder Auseinandersetzung nicht ersetzen kann.

Als diese Woche, im Zusammenhang mit einem Artikel der Firma Pampers “Über die richtige Bestrafung von Kindern”, eine Entrüstungswelle losbrach (zum Glück), war immer wieder von “Urinstinkt” und “Mutterinstinkt” zu lesen. Das hat mich gefreut. Darauf sollten wir uns ausrichten. Zumal uns eines klar sein muss: egal, wie sehr wir uns bemühen perfekt zu sein und alles richtig zu machen: wir werden scheitern. Ganz einfach, weil wir nicht perfekt sind.

Ein Kommentar hat mich sehr bewegt: eine ältere Dame schrieb zu dem Artikel:
“Dass hatten wir schon mal : Johanna Haarer, “Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind” deshalb kann meine Generation (Kriegskinder) keine Gefühle zeigen, keine Nähe ertragen und keine Anderen tolerieren.”
Wir sollten die Chance nutzen und genau das versuchen: Gefühle zeigen. Nähe zulassen. Andere sein lassen.

Sei dir gut

2 Kommentare

  1. Kathrin

    29. April 2017 at 18:25

    Liebe Natalia! Deine Worte haben mich sehr berührt. Ich bin gerade in einer persönliche Krise und mit deinen Worten hast du mich genau getroffen. Vielen Dank! Liebe Grüße, Kathrin

    1. Natalia

      17. Mai 2017 at 11:34

      Liebe Kathrin, wie schön, dass du für dich das nehmen konntest, was dir gerade gut tat. Alles Liebe für dich!

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