Mein Körper. Mein Raum

 

Heute Nachmittag fahre ich mit den beiden Großen zum Kinderarzt. Wir müssen bei ihnen einen Allergietest machen lassen. Mein Sohn ist betont locker, als er von mir wissen will, was denn dabei überhaupt gemacht wird. Ist natürlich alles super easy für einen, der supercool und vor nichts und niemandem Angst hat. Sagt er. Meint er aber nicht so. Kenn ich schon. Da bleibe ich auch schon betont locker. Sind einfach zu viele Sprüche, die einem permanent vom Geilsten der Geilen um die Ohren fliegen. Von rechts hinten bricht jedoch kurz vorm Ziel unserer Fahrt ein Mädchen in Tränen aus. Untröstlich.

„Johanna, Schatz, es ist wirklich nicht schlimm. Vielleicht ein wenig unangenehm. Aber wirklich: nicht schlimm und schnell vorbei“, sage ich mit mitfühlenden Blick in den Rückspiegel.

„Pass‘ mal auf Mama. Dass darfst du gar nicht. Mein Körper gehört mir. Das ist mein Raum. Und nur ich darf darüber bestimmen wer ihn anfasst. Und wo. Und deshalb gehe ich da nicht rein. Du bestimmst nicht über meinen Körper.“

Ich wische meinem Sohn das Grinsen aus dem Gesicht und ermahne ihn nonverbal einfach mal keinen Spruch zu machen.

Und während wir im Wartezimmer sitzen. Mein Sohn bei mir. Meine Tochter extra weit weg von mir, kenn ich schon, muss ich zugeben: sie hat ja Recht. Also an sich. Nicht unbedingt jetzt in dieser Situation. Aber ich muss zugeben: ich bin sehr glücklich und erleichtert darüber, dass sie das so spürt. Denn das ist eine tiefe Wahrheit. Und das wird sie hoffentlich schützen. Vor alle dem, was ich nicht zu denken wage, weil es so furchtbar ist und vor all dem, was noch kommen wird und soll, was aber meine Vorstellungskraft noch übersteigt.

Sie sagte: „Mein Körper ist mein Raum.“ Ist das nicht durch und durch wunderbar. Und so richtig. Mein Körper ist mein Raum. In dem mein Herz wohnt. Vielleicht, bestimmt auch eine Seele. Also meine. Mein Körper, der mir geschenkt ist und den ich oft selbst so schlecht behandelt. Mit schlechtem Essen. Mit zu wenig Bewegung. Mit zu wenig Beachtung. Läuft ja alles selbstverständlich. Meistens. 24/7. Und das seit fast 40 Jahren.

Aber was mir aufgefallen ist, und ich glaube, dass ich damit nicht alleine bin, ich rede und denke häufig so schlecht von ihm. Vor allem, wie er aussieht. BOP. Oh weh. Und meine Oberarme… Und meine Nägel… und meine vielen Leberfleckchen… Und meine Hüften… Und mein… halt. Stopp.

Und ich bin so traurig und auch verärgert über mich, dass ich das so sehe. Nicht immer. Aber immer wieder. Dass ich mich ertappe, dass ich mich auf die Waage stelle und dann niedermache. In Gedanken. Dass ich versuche, meine Lust auf Süßes zu drosseln, aber es ist so schwer. Dass ich mir schon wieder Gedanken mache, ob das vielleicht in diesem Jahr mal mit der Bikinifigur klappt… Ätzend!

Ich will meinen Körper annehmen. So wie er ist. Und: hat das nicht auch was mit mir zu tun? Wieso meine ich, dass ich uns trennen könnte?Alles was ich ihm tue, tue ich mir. Alles, was ich fühle, fühlt auch er. Alles, was ich über ihn denke, denke ich. Über mich.

Und geht es mir nicht viel besser, wenn ich ein gutes Körpergefühl habe? Wenn ich gut bei mir bin? Wenn ich regelmäßig draußen bin? Wenn ich Sport mache? Wenn ich gesund esse? Dann fühle ich mich schön. Attraktiv. Dann ist es leichter. Sich zu öffnen. Bei sich zu sein. Sich gut zu fühlen. In seiner Haut.

Und dann ist es auch so viel leichter beim Sex. Wie soll man sich entspannen, wenn man sich unwohl fühlt? Sich für seinen Körper vielleicht sogar schämt? Und so für sich? Wie sollten liebende Worte des Partners vor- und durchdringen, wenn man sich selbst abwertet?

Als ich im Herbst einen Seminarabend aus meiner „Mutterglück“-Reihe gemacht habe, bat ich die Teilnehmerinnen während einer Übung, einmal ihre Hand auf ihren Bauch zu legen. Und diesem einen schönen Gedanken zu schicken. Ihn wahrzunehmen. Nicht einzuziehen. Nicht schlecht zu machen. Sondern: wahrnehmen. Fühlen. Und eine Frau schrieb mir, dass sie ihren Bauch schon seit Jahren (!) nicht mehr berührt hatte. Wertfrei. Liebevoll. Wie traurig, oder? Wie bekannt, oder? Und dass es wunderbar gewesen sei. Irgendwie versöhnlich.

Als ich im November am Bodensee weile sehe ich schon von weitem DIESE Frau. Ehrlich gesagt: ich bin geschockt. Wieso steht sie hier? Und warum? Ganz ehrlich ich ertappe mich bei dem Gedanken: wer will denn bitte das sehen. Verzweifelt suche ich nach einer Erklärung. Einem Hinweis. Ich werde auf einer kleinen Tafel zu ihren Füßen fündig: „In den neolithischen Pfahlbausiedlungen in Ludwigshafen (Bodensee) wurden weibliche Symbole gefunden, die Spekulationen auf mögliche frauenzentrierte Kulte in der Jungsteinzeit nähren. Hier feiert heute die Skulptur Yolanda von Miriam Lenk selbstbewusste Weiblichkeit jenseits aller Moden und Diktaten.“

Nun, wenn das so ist, dann schaue ich sie mir nochmal an. Und was sehe ich: eine Frau, die sich wohl in ihrem Körper fühlt. Die ihrem Körper Raum gibt. Und sie wird immer schöne, je länger ich sie betrachte. Und sie weckt eine Sehnsucht: so will ich das auch. Egal, was die Tonnen an Frauenzeitschriften mir einreden wollen. Egal, wie es sein sollte. Müsste. Ich will genau das. Ich will meinen Körper lieben. Annehmen. So wie er ist. Er hat drei Kindern das Leben geschenkt. Sie getragen. Sie geboren. Sie genährt. Ich werde bald vierzig. Da ist es doch verdammt nochmal langsam gut mit dem Vergleichen. Mit dem Bewerten.

„Mein Körper ist mein Raum.“ Danke, für dein Weisheit, mein Kind.

Sei dir gut ❤️

 

4 Kommentare

  1. Sandra Hagen

    13. Januar 2017 at 13:28

    Liebe Natalia,
    Ein wunderbarer Text!
    Wenn es doch nur so einfach wäre, das Annehmen.
    Herzliche Grüße, Sandra

    1. Natalia

      13. Januar 2017 at 14:30

      Liebe Sandra. Da hast du Recht: das würde ich mir und uns auch wünschen. Einfach ist es wahrlich nicht. Aber gut ist es, wenn man eine Ahnung davon bekommen würde, wie gut sich das anfühlen würde. LG

  2. Birgit Gebhard

    10. Februar 2017 at 15:05

    Hallo Sandra, toller Artikel und vor allem: wunderbare Botschaft. JedeR hat ein Recht auf den eigenen Körper – es ist immer MEIN Raum… schön!! Was ich jedoch vermisse ist die Quellenangabe vom Bild – ich finde die Statue wunderschöne und würde gern erfahren, wo sie steht 🙂
    LG Birgit

    1. Natalia

      10. Februar 2017 at 18:36

      Hallo Birgit,
      ich gehe mal davon aus, dass du mich, Natalia Fistera, meinst, die den Text geschrieben hat. Die Dame habe ich bei meinem Besuch am Bodensee im letzten November angetroffen. Sie steht im kleinen Örtchen Ludwigshafen, das häufig unter Bodman-Ludwigshafen zu finden ist, direkt vor einem italienischen Restaurant, dem Aquarama. Ich glaube, dass die Künstlerin die Tochter eines dortigen Künstlers ist.
      Herzliche Grüße, Natalia

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