Merci, dass es mich gibt!

 

Geht es dir auch so, dass es Lieder gibt, die sich irgendwo in deinem Kopf festgesetzt haben? Die du seit 30 Jahren nicht mehr gehört hast und dann reichen die ersten Klänge der Melodie, um dich in eine andere Zeit tragen. Ich habe mir damals, mit so 14 Jahren, immer gewünscht die Frau in dem roten Käfer zu sein. Es regnet in Strömen, der Abschied fällt beiden schwer und dann – so unerwartet – sprintet er dem Käfer hinterher, reicht ihr die Pralinen durch das geöffnete Fenster und dann küssen sie sich im Regen und es ist alles egal. Es gibt nur die beiden. Ach. Ganz großes Kino.

Eigentlich geht es in diesem Ausschnitt nur darum, dass da jemand “Danke” sagt. In einer Werbung. Mit einer Tafel Pralinen und dem französischen Wörtchen “merci”, das alles noch viel wundervoller macht. Merci, dass es dich gibt!” Kommt, dass wünschen wir uns doch alle. Das Gefühl wichtig zu sein. Geliebt zu sein. Gesehen zu werden. Vielleicht hast du schön gehört: “Schön, dass es dich gibt!” DAS tut einfach gut. Interessant finde ich, dass hier das Wort „Danke“ hinzukommt. „Danke, dass es dich gibt.“ Und das bedeutet noch viel mehr.

Nun mag das Thema “Dankbarkeit” vielleicht den Anschein haben, dass es etwas abgedroschen ist. “Aber immer schön Danke sagen…”  („JETZT mit den Augen rollen…!“) Ich finde aber, dass es ein absolut lohnenswertes Thema ist. Und mehr als das: ein notwendiges!

Es gibt Studien die zeigen, dass Menschen, die sich als glücklich und zufrieden bezeichnen, eines eint: sie beschreiben sich als dankbar. Dankbar für scheinbare Alltäglich- und Selbstverständlichkeiten. Wenn ich dankbar bin, ist mir bewusst, dass ich auf die Unterstützung meiner Mitmenschen angewiesen bin. “Dieses Wissen um die Verletzlichkeit und Abhängigkeit des Einzelnen – und damit um die Bedeutung von Dankbarkeit – ist in einer von Individualisierung, Wohlstand und Weltlichkeit geprägten Gesellschaft wie der unseren nicht gerade sehr populär.”, schreibt der Psychotherapeut Prof. Dr. Henning Freund. Und damit muss ich ihm recht geben.

Vielleicht liegt es daran, dass ich mich manchmal schon total “streng” und “konservativ” fühle, wenn ich meine Kinder dazu anhalte, sich zu bedanken. Meine Eltern haben darauf immer sehr viel Wert gelegt. Nach Weihnachten oder Geburtstagen haben wir Dankeskarten geschrieben. Darauf wurde total geachtet. Und heute ist da ein großer Schatz, denn ich habe gelernt, dass es nicht selbstverständlich ist, etwas zu bekommen. Ich ärgere mich zugegebener Maßen darüber, wenn Kinder etwas bekommen und sich nicht bedanken. Dankbarkeit hat ja zwei Komponenten. Zum einen ist es das freudvolle Entgegennehmen von einem Geschenk. Oder einer Wurst beim Metzger. Oder was auch immer. Es ist großartig, wenn man sich darüber einfach freut und dies annimmt. Dazu kommt aber die Komponente, die gute Absicht des Gebers zu erkennen. Diese Fähigkeit stellt sich erst ab dem vierten Lebensjahr und der Pubertät ein. Und diese Fähigkeit wird gelernt: durch Erfahrung und Erziehung. Und so erwartet ich auch von meinen Kindern, dass sie, wenn sie irgendwo zu Gast sind, sich höflich mit Handschlag verabschieden und auch für die Zeit bedanken. Dafür, dass sie woanders zu Gast sein durften. Dass es dort Saft und Kekse gab. Dafür, dass sie das dortige Spielzeug benutzen durften und und und. “Ist doch selbstverständlich”, mag nun der eine oder andere denken. Aber mir geht es darum, meinen Kindern dabei zu helfen, dass sie lernen, dass das Meiste nicht selbstverständlich ist.

Wir machen jeden Sonntagabend eine “Dankes-und was-war schön-Runde”. Ein Ritual nach dem Abendessen. Und es rührt uns wirklich jeden Sonntag an, wie detailliert die Kinder – und auch wir – die gemeinsamen Stunden dann wahrnehmen. Letzten Sonntag sagte mein Sohn: “ich bin dankbar, dass wir so eine tolle Familie sind. Auch wenn wir uns mal streiten, vertragen wir uns wieder.” Da war ich baff. Gerührt. Überrascht. Sich zu vertragen ist doch eine Selbstverständlichkeit. Auf alle Fälle eine, die wir von unseren Kindern erwarten. Aber für uns Erwachsene ist es ja nicht unbedingt so selbstverständlich. Auf alle Fälle ist es so, dass viele Erwachsene keine Erinnerung haben, WIE sich ihre Eltern wieder versöhnt haben. Es wurde nicht vorgelebt. Aber auch da müssen wir Vorbild sein. Nun, aber das ist ein anderes, wichtiges Thema.

Wenn die meisten Eltern sich wünschen, dass ihre Kinder glücklich sind, dann ist das ja eine absolut richtige Antwort. Das wünsche ich mir auch. Aber noch wichtiger ist es mir, dass sie zu aufrichtigen, standhaften, empathischen Menschen erwachsen, die für sich einstehen können, die sich und die anderen im Blick und auf dem Herzen haben und die eigenständig durch ihr Leben gehen können. Die bestimmte Werte in sich tragen und weiterleben. Und da ist das Thema “Dankbarkeit” für mich und uns eine wichtige Säule.

Wir meinen nämlich glücklicher zu sein, wenn wir bestimmte Ziele in der Zukunft erreichen:

  • wenn wir endlich ein Haus haben
  • wenn wir endlich Urlaub haben
  • wenn endlich der Frühling kommt
  • wenn ich endlich das Playmobilauto bekomme
  • wenn ich endlich meinen neuen Job bekomme
  • wenn ich endlich mein Kind in der Kita habe
  • wenn ich endlich mehr Geld habe
  • wenn ich endlich….

Was wir aber dabei übersehen: wir richten uns komplett auf die Zukunft aus. Auf mögliche Erfolge. Wir beginnen uns zu vergleichen, wir beginnen immer mehr im Außen zu sein, statt dort zu sein, wo die Quelle meines eigenen Glückes liegt. Nämlich: im hier und jetzt. “Wenn wir einen Weg finden, im gegenwärtigen Moment positiv zu sein, dann funktioniert unser Gehirn besser (…)” sagt Achor. Und der ist Harvard Professor und muss es ja wissen. (Übrigens ein hoch interessanter und großartiger TED-Talk: The happy secret to happy work.)

Jetzt denkst du vielleicht: “Vielen Dank auch. Aber in meinem Leben läuft es gerade gar nicht.” Nein, dann musst du keinen Grund zur Dankbarkeit suchen. Wenn man Anlass hat traurig, enttäuscht oder was auch immer zu sein, dann solle man genau das sein: traurig, wütend und enttäuscht. Alles hat seine Zeit. Dankbarkeit und auch die Klage. Licht und Schatten. Weinen und Lachen.

Häufig aber helfen uns unsere schweren Zeiten, dass wir uns erinnern, dass im Leben nichts selbstverständlich ist. Allen voran: Gesundheit. Aber auch: einen Job. Finanzielle Sicherheit. Ein Dach über dem Kopf. Ein warmes Essen auf dem Tisch.

In dieser vierten Woche möchte ich dich ermutigen, dass du dich auf das Thema Dankbarkeit ausrichtest. In Woche 1 ging es um die Selbstliebe zu dir. Du solltest dir jeden Tag fünf Dinge aufschreiben, die du an dir magst. In Woche 2 ging es darum, was dir gut gelungen ist. Beide Aufgaben schienen vielleicht- isoliert betrachtet- etwas einseitig zu sein. Mir war es aber ein Anliegen, dass du wirklich mal nur bei dir bist und bleibst. Denn dann ist das Ausrichten auf das, wofür ich dankbar bin, wesentlich einfacher. Dann kannst du dich an scheinbar selbstverständlichem freuen. An der Sonne. An der freundlichen Verkäuferin. Am ungestörten Schlaf. An der funktionierenden Waschmaschine…

In der letzten Woche ging es um die 20 Meilen. Und ich möchte dir vorschlagen, dass du das Thema “Dankbarkeit” zu deinen 20 Meilen machst und jeden Abend fünf Dinge aufschreibst, für die du dankbar bist. Ich bin mir sicher, dass dir das viel leichter fällt, als die beiden anderen Übungen. Zum einen, weil du dich darin geübt hast, zum anderen aber auch, weil das Schreiben über sich selbst uns schwerer fällt. Deshalb möchte ich dich ermutigen, dich immer wieder in deine Dankbarkeit hineinzunehmen. “Merci, dass es mich gibt”, sozusagen!

Sei dir gut ❤️

 

 

1 Kommentar

  1. Bine

    22. März 2017 at 14:00

    Danke Natalia, schön dass es dich gibt. Vielleicht schaffen wir ja mal ein Käffchen? Würde mich sehr freuen. Frühlingshafte Grüße von Bine

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