Nein ist ein ganzer Satz!

Am letzten Sonntag habe ich einen Post auf Facebook geschrieben, der sehr großen Zuspruch bekommen hat. Es ging darum, dass ich mich entschieden hatte nicht mit auf einen Geburtstag zu fahren. Und es handelte sich immerhin um einen vierzigsten von einer langjährigen guten Freundin meines Mannes. Ganz kurz: eine nicht ganz einfache Situation, denn die Einladung war sehr nett, der Rahmen auch und natürlich wäre es sehr schön gewesen, etwas gemeinsam zu unternehmen.

Ich war nur seit Tagen schon an folgenden Punkt: ICH KANN NICHT MEHR. Und: ICH WILL NICHT MEHR. Sich das einzugestehen ist ja immer noch eine Sache,  aber das  klar zu kommunizieren, ist etwas ganz Anderes. Folglich bin ich damit schon etwas länger rumgelaufen, bevor ich den Mut aufbrachte mein Bedürfnis zur Sprache zu bringen.

Folgende Gedanken gingen mir durch den Kopf:

  • so eine nette Einladung und dann auch noch mit Familie! Die haben sich richtig viele Gedanken gemacht.
  • Wir kennen die beiden schon so lange und verstehen uns gut.
  • Was denken und sagen die anderen Gäste, wenn David alleine mit den Kids fährt?
  • Was ist, wenn David sehr enttäuscht sein wird, dass wir nicht zusammenfahren.
  • Und erst die Kinder?
  • Wieso bin ich so kompliziert?
  • Warum kann ich mich nicht einfach mal zusammenreißen?
  • und so weiter und so fort

Alleine diese Gedanken haben mich gefühlt Stunden gekostet. Und doch war mir eines sofort klar. Ehrlich gesagt schon als ich den Briefumschlag geöffnet habe: das ist alles sehr schön und sehr nett und sehr großzügig aber ich werde nicht dabei sein können. Es wäre das fünfte Wochenende in Folge, wo wir einen Termin haben. ICH KANN MICHT NICHT MEHR FREUEN.

Und genau dieser Gedanke war der hilfreichste und springende Punkt für mich: ich freue mich nicht mehr. Nicht auf neue Leute. Nicht auf alte Bekannte. Ich freue mich gar nicht und ich habe auch keine Vorfreude. Und da merkte ich: nein, ich will echt in den Begegnungen sein und nichts vorspielen. Muss ich ja manchmal. Geht ja manchmal nicht anders. Aber ich fühle mich dabei immer, pardon, scheiße. Davor. Dabei. Danach.

Leider kommen wir ja meistens erst in Bewegung, wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen. Und zwar so richtig. Und das ist bei mir meistens auch so. Und da war er wieder, der altbewährte und ewig gültige Schlüssel zu fast allen Problemen: VERANTWORTUNG. Und zwar: MEINE.

Wenn ich mir etwas anders wünsche. Wenn ich mehr Zeit für mich brauche. Wenn ich jemanden gerne sehen oder auch nicht sehen möchte, dann kann ich immer “die anderen” oder die Umstände oder was auch immer anführen, warum es nicht geht. Und dabei kann ich mich schlecht und traurig fühlen, dass ich Arme so gefangen und eingeschnürt bin ein einem Korsett aus Erwartungen und Verpflichtungen. Aber: Pustekuchen. Wir sind freier als wir denken. Wir handeln nur anders, weil wir nicht in den Konflikt gehen wollen. Und den wird es geben. Und zwar mit Ansage.  Und auch, wenn sich das Ergebnis dann in so einem Post so easy-peasy anhört: mitnichten. Wir haben geschritten und gerungen, haben uns erklärt und versucht uns gegenseitig zu überzeugen, wieso weshalb und warum. Und das hat viel zu lange gedauert, weil ich es nicht geschafft habe einfach “NEIN” zu sagen und weil man Mann es nicht geschafft hat das “NEIN” zu akzeptieren. Das heißt, hat er doch, als ich wirklich “NEIN” gesagt habe und mit meinem Eiertanz aufgehört habe. Der Eiertanz hat nämlich nur ein Ziel: ich jammere so lange rum, bis der andere sagt: “dann bleib halt hier.” Aber dann gebe ich die Verantwortung ab und halse sie dem anderen auf. Not fair.

Wenn du und ich ein “NEIN” fühlen, dann bleib dabei. Nein ist ein ganzer Satz. Nein. Das macht es für alle anderen leichter. Auch, wenn es sich am Anfang schwerer anfühlt. Ja, so kompliziert machmal,  das Miteinander.

Und das hat mir auch meine liebe Leserin Johanna in ihrem Kommentar gespiegelt: “(…) Leider verstehen es die meisten nicht, wenn man eine Einladung als Pflichttermin empfindet und sind enttäuscht. Also quält man sich hin, den Kopf viel zu voll mit anderen Dingen, irgendwie angespannt, genervt und nicht bei der Sache…” Und da muss ich sagen – ist ja leicht so von außen, bitte verzeih mir, Johanna! – du musst dich gar nicht hinquälend. Ja, bei einer Absage wird die Gegenseite enttäuscht sein. Gut möglich. Aber: ist es nicht viel schlimmer, wenn man etwas vorspielen muss? Für beide Seiten?! Danke, Johanna, für deine Offenheit! Denn genau das kenne ich und ganz sicher viele andere auch.

Ich habe mich schon lange entschieden, diese “Neins” bei Einladungen einfach zu akzeptieren. Nicht, dass ich das dann nicht bedaure oder schade finde, aber ich bin NIEMALS enttäuscht. Weil MICH das Nein nicht trifft. Nicht mich persönlich. Ich respektiere den anderen. Und ob der nicht kann oder mag – mir egal. Von den Menschen, die mir nahestehen, weiß ich, dass sie absagen, weil etwas ist. Und das äußern sie dann auch. Und mit diese Ehrlichkeit kann ich gut leben. Und das schenkt Freiheit auf beiden Seiten.

Und dieses Mal habe ich das auch für mich nochmal neu als Geschenk erfahren dürfen. Denn ich habe ein paar Tage vorher die Freundin angerufen. Und ja, ich war aufgeregt und hatte auch Sorge vor der Reaktion. Und ich war ganz kleinlaut, aber ehrlich und habe gesagt: “Es tut mir sehr leid, aber ich werde am Sonntag nicht mitkommen. Ich hatte so viel um die Ohren, dass ich mich gar nicht richtig freuen kann. Ich würde mich aber sehr freuen, wenn wir uns bald wieder zu viert treffen. Aber eine Party mit vielen Menschen ist gerade nicht das, was ich gerade ertragen kann. Und das tut mir sehr leid. ”

Und sie? Die Antwort war ganz klar: “Du, das verstehe ich sehr gut. Mach das, wie es gut für DICH ist.”

WAS GUT FÜR DICH IST! (Konfettiregen, Trommelwirbel, Sektkorken und alles!)

DAS ist für mich wahre Größe. Sie wusste, dass es nicht um SIE ging, sondern um MICH. Sie ist gut bei sich und daher trifft sie das nicht persönlich, auch, wenn sie es schade findet.

Wenn du merkst, dass du ein Treffen nur als Pflicht empfindest. (Und ja, ich weiß, es gibt welche die KANN MAN NICHT absagen. Geht nicht. Habe ich auch) Dann sei dir gut.  Sei offen und ehrlich gegenüber deinem Partner. Kommuniziere klar und mutig. Und bleib dir treu.

Und sei genauso hoffen und großherzig, wenn diese Anfrage an dich herangetragen wird. So nach dem Motto “was du nicht willst, das man dir tut…” ihr wisst schon.

Sei mutig und stark und fürchte dich nicht!

Nein ist ein ganzer Satz!

Es ist deine Verantwortung offen zu kommunizieren und deine Bedürfnisse klar zu äußern.

Sei dir gut ❤️

 

5 Kommentare

  1. Eva

    29. Juni 2017 at 11:59

    Das Wort “zusammenreissen” gibt es nicht! Es kann etwas auseinander gerissen werden, jedoch nicht zusammen. Ein völlig widersinniges Wort. Ich habe das Wort, nachdem ich als Kind damit aufgewachsen bin und damals schon verabscheute, aus meinem Sprachgebrauch herausgestrichen. Ich bin sehr dankbar, dass keines meiner 4 Kinder dieses Wort von mir hört. 🙂
    Vielen Dank für Deinen authentischen Beitrag!

    1. Natalia

      29. Juni 2017 at 12:14

      Liebe Eva! Wie wunderbar! Ich verabscheue dieses Wort auch seit meiner Kindheit und benutze es nie! Aber es klopft in meinem Kopf leider immer mal wieder an! Man kann nur aneinander aber nicht zusammen! YEAH You made my day! Danke!

  2. Susanne

    30. Juni 2017 at 10:52

    Das ist gerade auch mein Thema. zu Dingen “Nein” zu sagen, wenn sie sich nicht richtig anfühlen. Aber das ist Arbeit, Arbeit an sich selbst. Es ist ja viel einfacher “Ja” zu sagen, weil es erwartet wird. Oft kommt es zu Konflikten, wenn man “Nein” sagt, besonders von Menschen, die das von mir nicht kennen. Aber jeder ist lernfähig. Bei dem einen dauert es halt länger, andere verstehen sofort, was mit dem “Nein” gemeint ist, Und Danke für die Erklärung, dass “Nein” ein ganzer Satz ist.

  3. Daniela

    6. Juli 2017 at 11:17

    Danke!Mehr kann ich nicht dazu sagen,als Danke.Nein ist ein ganzer Satz,diesen Satz schreibe ich auf den Spiegel.

    1. Natalia

      6. Juli 2017 at 12:58

      DAS ist eine gute Idee, liebe Daniela! Das mach ich auch!

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