Niemals geht man so ganz

„Mein lieber Schoko, du warst mein bester Freund. Aber irgendwann verliert man seinen besten Freund. Ich bin so traurig. Alle sind so traurig, dass du nicht mehr lebst. Ich hoffe, dass es dir gut geht. Dein Jakob“

Anfang November hat bei uns im Garten der Fuchs zugeschlagen. In einer Nacht hat er alle drei Kaninchen geholt. Natürlich war das Gehege gesichert. Nachbarlich hatten sie sich Höhlen gebaut, um sich zu verstecken. Hatten eine Schutzhütte und einen Stall. Die Frage WIE?! das passieren konnte war uns unmöglich zu beantworten. Die Frage des WARUMs? schon: „Der Tod gehört zum Leben.“ Und so haben wir Kreuze gebastelt und uns erinnert an die drei. Und da sage meine älteste Tochter am Abend: „Was so gut ist, sie hatten ein richtig gutes Leben bei uns. Besser können Kaninchen als Haustiere nicht leben. Sie waren so glücklich.“ Und wir konnten allen nur Nicken und ihr beipflichten: Sie hatten ein gutes Leben. Sie konnte all‘ das tun, was ihnen wichtig ist: rennen, kuscheln, hackenschlagen, budeln. Tag und Nacht. Bei jedem Wetter.

„Ich habe mein ganzes Leben lang gemacht, was ich wollte. Ich habe ungeheuer intensiv gelebt, und ich habe nicht das Gefühl, ich hätte irgendetwas versäumt. Also brauche ich nicht zu jammern, … ich kann gehen.“ Dieser starke Satz steht in dem Buch „Das Ende ist mein Anfang“ von Tiziano Terzani. 

Heute ist Totensonntag. Wenn nicht in den Supermärkten seit einiger Zeit Grabgestecke liegen würden, wäre mir dieser Tag mal wieder entgangen. Ich glaube aber durchaus, dass es im Leben immer wieder wichtig und sinnvoll ist, sich bewusst mit dem Thema Tod auseinander zusetzen. Auch mit dem eigenen. Denn auch wenn ich das Glück habe, dass meine Eltern beide noch leben, so weiß ich doch, die uns noch verbleibende Zeit ist nah. Wenn wir Glück haben, vielleicht noch 10 Jahre. Vielleicht. Da muss ich tief durchatmen. 10 Jahre ist meine Tochter grade geworden. Und die Zeit ist verdammt schnell vergangen. Und 30 Jahre ist es her, dass mein Bruder starb. Und das Vermissen ist immer noch da… Und ich weiß auch, dass in „unserem Alter“ die gesundheitlichen Einschläge kommen werden. Bei uns und auch bei unseren Freunden.

Das Leben vom Ende her betrachten

Wenn man sich einen Ruck gibt und tief durchatmet gibt es eine wunderbare Übung, sich mit dem eigenen Leben auseinanderzusetzen. Nämlich das eigene Leben einmal vom Ende her zu betrachten. Ganz konkret: seine eigene Grabrede schreiben… Stimmt. Nicht einfach. Geht auch nicht „mal eben so zwischendurch“.

Sich zu fragen: „WER soll an meinem Grab stehen? WAS soll über MICH gesagt werden?“ rückt jedoch die Perspektive schnell klar. ICH wünsche mir, dass meine Kinder dort stehen. Ich wünsche mir, dass wir eine gute und nahe, liebende Beziehung gehaben werden. Ich wünsche mir, dass dort die Menschen stehen, für die ICH einen Unterschied im Leben gemacht haben. Und wir ECHTE und TIEFE Freundschaft gelebt haben. Es wird am Ende egal sein, wie viele Auszeichnungen du bekommen hast. Wievielte Überstunden. Wie viele Meetings. Wie viele Posten. Auch: wieviel Geld zu verdienst hast. Tut mir leid, das ist leider so.

Da mein Mann Arzt ist, ist der Tod sein täglicher Begleiter. Er ist auch ein stiller Freund geworden. Einer, der zum Leben gehört. Einer, der sehr oft Erlösung und Frieden schenkt. Aber auch einer, den sehr vielen Patienten alleine erleben müssen. Weil vorher nicht darüber geredet wurde, was wenn wäre… Oder auch, weil es niemanden gibt, der die Hand hält… Nicht nur, weil niemand da wäre. Nein, auch, weil es keine Aussprache oder Versöhnung gab… Dann hat mein Mann schon oft am Bett gesessen und die Hand gehalten. Ich glaube, dass ist mit das größte Geschenk, was man einem Menschen anbieten kann: im Tod da zu sein.

Und für solche Gedanken ist diese Übung mit der Grabrede wirklich hilfreich. Denn es hilft sich zu fokussieren auf folgende Fragen:

  • Wer sind die Menschen, die ich liebe?
  • Verbringen wir genügend Zeit zusammen?
  • Was ist mir wirklich wichtig?
  • Was möchte ich unbedingt einmal erlebt haben?
  • Wofür lebe und brenne ich?
  • Mit wem habe ich ehrliche und tiefe Beziehungen gelebt.

„Niemals geht man so ganz…“

Das wunderbares Lied von Trude Herr liebe ich sehr. Denn ja es stimmt: „irgendwas von dir bleibt hier…“ Und DESHALB ist es so wichtig und wertvoll, ist es so wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, was bleiben soll, von uns. Auch, um zu merken: Es ist noch nicht zu spät. Es ist noch nicht zu spät, um Dingen eine andere Richtung zu geben:

  • etwas zu ändern, was uns unzufrieden macht.
  • aufzuhören, immer alles perfekt machen zu wollen oder uns innerlich für etwas zu zerfleischen.
  • vieles von dem noch anzupacken zu können, was uns wirklich wichtig ist.
  • uns den Menschen, die uns wichtig sind oder etwas Gutes für uns getan haben, zu danken.
  • dieses Leben bestmöglich zu gestalten, zu genießen und zu feiern. (FEIERN!)
  • seine Beziehungen in Ordnung zu bringen. Jemandem verzeihen. Sich mit jemanden auszusprechen. Vielleicht auch zu versöhnen.

Eine Passage, aus dem obigen Buch, die mich sehr berührt hat lautet folgendermaßen:

Vater zum Sohn: „Und – das ist mir sehr wichtig, dass du begreifst! – dass dieser Weg, mein Weg, keineswegs ein einzigartiger ist. Ich bin keine Ausnahme. Es braucht nur ein wenig Mut. …. Das wichtigste ist die Eigenständigkeit. Die Möglichkeit, das zu werden, was du willst. Und das ist erreichbar.“

„Was ist das?“, fragt der Sohn.

Der Vater: „Sein ganz eigenes Leben zu leben. Ein Leben, das nur Dir gehört. Ein Leben, in dem Du Dich wiedererkennst.“

Und das wünsche ich mir. Ein Leben, in dem ich mich wiederkenne.

Euch einen guten Sonntag.

Und denen unter euch, die in Trauer sind schicke ich mein Mitgefühl. Eine Umarmung.

Sei dir gut ❤️

deine Natalia

PS: weiter Gedanken zum Thema Tod findest auch auf meinem Blog, wenn du auf in der Wolke auf der Startseite auf TOD klickst.

4 Kommentare

  1. Margarete

    27. November 2017 at 10:04

    Liebe Natalia,
    Vielen vielen Dank fuer Deinen hilfreichen Artikel. Das Thema Tod ist gerade ganz nah durch den Kindergarten meiner beiden juengeren Kinder: der zehnjaehrige Bruder eines Kindes ist gestorben und die Familie der besten Freundin meiner Tochter ist mit drei Toten, u.a. dem Grossvater des Maedchens, betroffen durch das Bombenattentat im Oktober in Somalia. Du hast bei dem bewegenden Bericht ueber den Tod deines Bruders am Schluss geschrieben, man solle trauernde Eltern u Geschwister nicht allein lassen (Das sind sie Gott sei Dank auch nicht,da die Erzieher u der Elternbeirat sehr unterstuetzend sind). Bei der Familie aus Somalia weiss ich, wie ich mich verhalten soll, weil ich sie kenne. Die Familie des zehnjaehrigen Jungen kenne ich nur vom Sehen,da das Kind in einer anderen Gruppe ist als meine Kinder. Trotzdem habe ich das Gefuehl, dass es einen Unterschied macht,wie ich mich ihnen gegenueber verhalte,und ich habe andernorts gelesen,dass es,wenn man es weiss,immer besser ist,seine Anteilnahme auszudruecken, als zu schweigen. Ich moechte der Mutter sagen,dass ich an sie denke: mein Mann kommt aus den Niederlanden, und im Niederlaendischen gibt es den Ausdruck „Ik heb erbij stil gestaan“, also woertlich “ ich bin dabei stehengeblieben“. D.h. ich wuerde zu ihr sinngemaess sagen, dass ich in Gedanken bei ihrem Schicksal „stehengeblieben“ war und es mich beruehrt hat. Wie soll ich mit dem Kind reden und sollte ich das ueberhaupt? Was haette Dir als Kind als Reaktion von fremden Personen geholfen? Liebe Gruesse,
    Margarete

    1. Natalia

      27. November 2017 at 10:36

      Liebe Margarete, danke für deine bewegenden Worte. Meine Güte! Was habt ihr und du im Umfeld gerade auszuhalten. Ich liebe den niederländischen Ausdruck. Ja, er trifft es ganz gut. Und ich bin mir sicher, dass es für die Eltern einfach wunderbar ist, angesprochen zu werden. So, wie dein Gefühl dich leiten wird. Denn das wird es. Du wirst die richtigen Worte finden und einen Unterscheid für diese Familie machen. Ich wünsche dir dafür viel Kraft und Mut. Was das Kind angeht: wenn ich es richtig verstehen, dann ist es ja noch im Kindergarten. Ich glaube, dass du ihm sagen solltest, dass du gehört hast, dass der Bruder gestorben ist. Und dass du an es denkst. Und wenn es dich brauchen sollte, oder mal zum Spielen kommen mag, dass du und ihr da seid. Ich finde es wichtig, dass das Ereignis klar benannt wird. Eine sehr hilfreich Seite ist diese: http://www.familientrauerbegleitung.de Dort bekommst du auch Informationen für dich. Und vielleicht ist es auch eine Hilfe für die betroffene Familie und den Kindergarten. Alles Gute, Natalia

  2. Margarete

    27. November 2017 at 10:49

    Liebe Natalia, deine Antwort hat mir sehr weiter geholfen. Danke und bis bald, Margarete

    1. Natalia

      27. November 2017 at 20:47

      Das freut mich sehr, liebe Margarete

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