Oh, du Fröhliche!

Draußen ist es noch dunkel und das Haus ist still. Ich streife durch das Wohnzimmer. Ein kleines Licht als Begleiter und folge dem Impuls ein Buch aus dem Regal zu greifen. Es ist ein kleines, feines. Eines, dass den Sinn hat, mich durch das ganze Jahr zu begleiten. Und doch nehme ich es nicht täglich zur Hand. Obgleich dort so viele, tiefe und kluge Impulse stecken. Das Büchlein heißt „Das Leben meint mich“.  Verrückt, das wir manchmal genau wissen, WAS gut wäre und es dann doch nicht tun. Oder halt viel zu selten.

Auf dem Sofa halte ich kurz inne und frage mich, wonach ich suche. Ein Stichwort. Und schnell stellt es sich ein: wagen. Und unter „Wagnis“ finde ich folgende Zeilen:

„Es ist besser etwas zu wagen

Wenn du aus nächster Nähe den Gipfel eines Berges siehst und den letzten, steilen Pfad nicht mehr gehst –

wenn der Mensch, in den du schon lange verliebt bist, dir zu lächelst und du ihn nicht ansprichst –

wenn dir endlich die Aufgabe, die du schon lange so gerne übernehmen wolltest, übertragen werden soll und du nein sagst –

wenn du nach vielen Jahren spürst, dass in deinem Leben, ganz anders als in der vergangenen Zeit, Glückstropfen fallen und du sie nicht aufzufangen wagst –

dann tust du mir leid.

Auf all diese Kostbarkeiten willst du verzichten, nur weil du deine Angst ernster nimmst, als deine Sehnsucht?“  (Uwe Böschemeyer, 14. Januar)

Ich sitze hier im Halbdunkel. Inzwischen bahnt sich der neue Tag seinen Weg. Und ich spüre diese tiefe Sehnsucht in mir. Sie hat mich schon immer angetrieben. Die Sehnsucht nach mehr. Nach mehr mir selbst. Nach mehr Stille. Nach mehr wahrnehmen. Nach mehr lieben können. Nach mehr mich lieben lassen. Nach mehr Geduld. Nach mehr es gut sein lassen. Nach mehr zuwarten, statt abwarten. Nach mehr Wissen. Nach mehr Neuem. Nach mehr Wagnis.

Und diese Sehnsucht ist es, die mich hoffen wagt, dass ich Schritte verändern kann. Bei mir und bei anderen. Dass ich helfen und unterstützen kann etwas zu wagen. Keine Angst vor der Angst zu haben. Das müssen keine großen, unbedingt sichtbaren Schritte sein. Vielfach sind es die scheinbar kleinen, innerlichen. Es dauert etwas, bis sie sichtbar werden. Bis sie für jemand anderes sichtbar werden. Weil der Weg an Licht schon länger in mir bereitet wurde. Unsichtbar für das Außen. Aber spürbar im Innen.

Dann ist es mein Weg. Dann bin und mache ich mich frei von der Angst. Von der Angst, was andere von mir denken oder sagen. Dann mache ich mich frei, etwas anderes zu denken zu dürfen. Zu sagen. Zu machen. Weil der Weg sich gut anfühlt. Weil es viel mehr Mut gekostet hat, den Weg überhaupt zu ebnen. In dem ich mir etwas eingestanden habe. In dem ich meiner Sehnsucht Raum gegeben habe. In dem ich einen ersten Schritt gewagt habe.

Und so ist auch mein Vorhaben, es in diesem Jahr besinnlicher und ruhiger während der Vor- und Weihnachtszeit angehen zu lassen, ein Wagnis. Nicht nur für mich. Für viele von euch auch, wie ich aus euren Nachrichten an mich lesen durfte. Viele von euch wurden mitleidig belächelt. Oder gar ausgelacht. Vielleicht musst für dich entscheiden ein paar Schritte im Verborgenen zu gehen. Zu wagen überhaupt Dinge in Frage zu stellen und sie aus einem neuen Blickwinkel zu sehen. Nicht mehr als ein „das war schon immer so!”, sondern sie als Chance begreifen. Vielleicht bleibt es in diesem Jahr auch viel mehr im Nachspüren dieser Sehnsucht, als im wirklichen Tun. Vielleicht lässt du das einfach zu. Mehr spüren dürfen als machen müssen.

Es gibt für den Weg kein richtig oder falsch. Es gibt keinen 10 Punkteplan, obgleich ich der Meinung bin, dass es organisatorisch durchaus einiges gibt, dass durch rechtzeitige Vorbereitung hilfreich sein kann. (Dazu habe ich ja letzte Woche meine Gedanken mit euch hier geteilt)

Ich wünschte, wir könnten bei vielen Dingen einfach unserem Herzen folgen. Oder vielmehr: wir würden ihm einfach folgen. So wie meine jüngste Tochter. Sie kann und tut das in einer wirklich beachtlichen Weise. Auch, wenn sie ahnt, dass es einen Blick oder Spruch seitens der anderen Familienmitglieder geben könnte, gewinnt die Sehnsucht die Oberhand über die Angst. Vor wenigen Tagen war sie am Abend furchtbar müde. Gerade von einer Sportstunde am Nachmittag heimgekommen, bei der sie immer Vollgas gibt. Weil sie immer Vollgas gibt. Und so hole ich sie ab und ziehe ihr die Schuhe aus, in denen fingerdick die kleinen schwarzen Plastikreste des Kunstrasens sind. Und ich trage sie ins Haus. Und dann bitte ich sie, sich die Hände waschen zu gehen. Mehr nicht. Und die coole Fußballheldin bricht innerlich zusammen. Diese Erwartung am Ende eines langen Tages ist zu viel. Wütend und zeternd über ihre schreckliche Mutter geht sie in ihr Zimmer. Die Türe knallt. Wir anderen beginnen mit dem Abendessen. Wissend, dass es sinnlos ist, sie zu holen, da das noch alles schlimmer macht, aber sie mit offenen Armen zu empfangen, wenn sie zurückkommt.

Und sie kommt. Wir hören ihre Schritte. Sie klingen weicher als sonst. Eine Prinzessin kommt herein. Mit Fußballtrikot und Jogginghose. Schweigend setzt sie sich an den Tisch und lächelt. Ganz und gar selig über sich selbst. Ihrem Herzen gefolgt. Etwas gewagt. Man kann als Prinzessin durchaus mehrere Schichten haben. Auch, wenn dass die meisten Prinzessinnen vielleicht anders machen.

„Oh, du Schöne! Du Fröhliche!“, rufen die Geschwister der königlichen Hoheit zu. Und bei mir bleibt: „Oh, du Fröhliche!“. Der Sehnsucht einen Namen gegeben. Dem Weg eine Richtung. Bei „oh, du fröhliche“, möchte ich in diesem Jahr eine wirkliche Fröhlichkeit und keine Erleichterung spüren. Ich möchte mich aufrichtig und fröhlich über und an der Weihnachtszeit erfreuen. Aber mehr noch: über mich selbst. Ich möchte das singen und spüren, „oh, ich Fröhliche!“

Und ich werde mich belächeln lassen und es als Lächeln wahrnehmen. Ich werde meiner Sehnsucht und nicht meiner Angst folgen. Ich werde im verborgenen viele kleinen Dinge tun, die mich zurüsten und mir Mut machen. Und dir hoffentlich auch.

Lass es uns gemeinsam wagen.

Jeder auf seine Weise.

Make this christmas count.

Sei dir gut ❤️

Deine Natalia

9 Kommentare

  1. Dieverlorenenschuhe

    16. November 2017 at 15:10

    Dein Text ist so unglaublich toll. Und er kommt zu einer Zeit in meinem Leben, wo ich genau solche Worte brauche, weil ich Mut brauche, der meine Angst zur Seite schiebt. Danke!

    1. Natalia

      16. November 2017 at 16:30

      Oh, ich danke für deine Worte und freue mich, wenn er dir Mut schenkt und Vertrauen in Dich! Geh‘ wohin dein Herz dich trägt!

  2. Alena

    18. November 2017 at 22:45

    Ganz zauberhaft! Könnte meine Tochter sein…So süß…sie saß heute auch in Jogginghose und Prinzessinnenoutfit inklusive Krönchen am Abendessen.
    Es ist so schön zu sehen wie sie selbst entscheiden mit und in ihren Gefühlen…und manchmal kostet es die Mäuse viel Kraft…dieses größer werden, an sich selbst und mit sich selbst wachsen.

    1. Natalia

      24. November 2017 at 9:10

      Liebe Alena, nun finde ich deinen Kommentar erst heute… mit dem Verschwinden meiner Seite vor einer Woche war es hier etwas chaotisch. Entschuldige bitte! Danke für deine Worte! Und du hast so recht, was du über die Mäuse schreibst. Und ich wünsche uns, dass wir ihnen Raum und Sicherheit geben und bieten.

  3. Jeanette

    22. November 2017 at 18:19

    Liebe Natalia,
    ich schaue gerne und oft auch auf deine Facebook Seite. Da hattest du letztens sinngemäß gepostet, dass es dir nicht gefällt, wenn ein Beitrag nicht geteilt oder geliked wird oder nicht „die“ Reichweite hat. Vorweg: Ich bin ein Internetdepp 🙂 Ich kann lesen, auch kommentieren hier- aber ich will dir Folgendes sagen: es ist immer großartig und ermutigend, was du schreibst. Mir fehlt nur schlicht die Zeit ( auch ich möchte den Advent anders gestalten und das geht nur fokussiert) – und auch die Möglichkeit ( da ich ganz bewusst nicht auf Facebook bin) dir immer Feedback zu geben. Ich denke, das geht noch mehreren so. Hilft das weiter?

    Und bisher konnte ich ohne auf Facebook zu sein trotzdem deine Beiträge lesen oder Insta verfolgen. Das geht seit ein paar Tagen nicht mehr. Nur mein Problem?

    Ich freue mich auf neue Beiträge und liebe Grüße

    Jeanette

    1. Natalia

      24. November 2017 at 9:08

      Oh, liebe Jeanette. Danke für deine lieben Worte. Du, nein, nein: da habe ich mich vielleicht unglücklich ausgedrückt: wenn ein Beitrag nicht geliked oder geteilt wird, dann ist das voll ok! Es ging eher um MICH: dass sich nicht verrückt macht und seinen Wert über Daumen oder sonst etwas stellt. DAS meinte ich… Und mein absoluter Wert ist ja die Freiheit und deshalb wäre es geradezu furchtbar, wenn ihr euch unfrei fühlt, weil ihr meint, etwas machen zu müssen! Also: fühl dich frei, liebe Jeanette einfach mitzulesen und ich freue mich sehr, dass ich weiß, dass dich meine Worte erreichen, das ist mir Geschenk. Im übrigen bin ich auch ein echter Internetdepp… und ich kann dir nicht sagen, oder erklären, was bei FB los ist… kein Ahnung… Dir einen ganz guten Tag, herzliche Grüße, Natalia

  4. Jeanette

    24. November 2017 at 14:16

    Liebe Natalia,
    Ich fühle mich „ganz frei“. Esch wollte nur sagen, dass@ auch wenn nicht geliked oder geteilt wird- ich deine Texte immer wunderbar finde. Herzlichen Dank!
    Und das mit dem eigenen Wert unabhängig zu definieren ist ein wertvoller Hinweis für mich.
    Übrigens kann ich immer noch nichts auf deiner Startseite facebook sei dir gut sehen. Die gibt es einfach nicht. 😢
    Ganz herzliche Grüße und ein erholsames Wochenende
    Jeanette

    1. Natalia

      24. November 2017 at 22:00

      Mensch, ich versteh das einfach nicht! Die gibt es und Leute schreiben mir darüber?! Hast du mal versucht von hier aus draufzukommen? Merkwürdig… LG Natalia

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