Eigen.Verantwortung

Es gibt ja so Sachen, da könnte ich aus der Haut fahren. DIESES Schild gehört dazu. Wenn ich es geschenkt bekäme, würde es sofort in der Tonne landen. Was ich nämlich absolut und gar nicht leiden kann ist die Haltung „ich kann da gar nichts machen. Ich wünschte es wäre anders, aber es geht nicht.“ Halt! Stopp. Das stimmt. Das gibt es. Und ich weiß genau, wie es meinen alleinerziehenden Freundinnen geht! (Und: da müssen wir uns alle an die Nase packen, ob wir nicht häufig viel mehr Entlastung anbieten könnten, weil Fragen so schwer ist!)

Aber meistens trifft dies nicht auf die Dinge zu, die uns den Alltag unnötig schwer machen und uns stressen. Ganz ehrlich: Stress ist leider häufig hausgemacht. Weil ich nicht auf meine Bedürfnisse höre, sondern immer meine, die der Anderen irgendwie stillen zu müssen. Dann muss ich ja Geld ausgeben. Babysitter, Sport, what ever. (Ja, das kostest was, aber nicht die Welt und muss ja auch nicht immer sein!) Weil ich meine, dass es so sein muss. (Hallo? Wer sagt das denn?) Weil es alle so machen. (Oh, bitteeee!!!!)

Nein, ich und zwar ganz alleine ich bin dafür verantwortlich, dass ich Rahmenbedingungen schaffe, die meinen Stress runterfahren. Punkt. Es hat etwas damit zu tun, ob ICH es mir Wert bin, oder ob ich mich vielleicht als Opfer meiner Umstände auch ganz wohl fühle. Dann kann man nämlich schön die Anderen dafür verantwortlich machen. Und das fühlt sich auch viiiiiel besser an.

ABER:  es geht ja nun gar nicht darum, jetzt egoistisch und knallhart sein Ding zu machen. Im Gegenteil: es geht darum, dass sich dein Stress unmittelbar auf deine Nächsten auswirkt. Und somit die Menschen, die du vielleicht am meisten liebst ausgerechnet am meisten unter deine Laune leiden. (Ehrlich: kommt dir bekannt vor, oder?!) Als ich mit meiner ersten Tochter vor zehn Jahren schwanger war und Selbstfürsorge mir ein absolutes Fremdwort war, hatten mein Mann und ich das Glück an einem wunderbaren Kurs für Eltern teilzunehmen. Leider gibt es den zurzeit in dieser Form nicht mehr. Denn er war der beste Kurs, den wir jemals zum Thema „Erziehung“ gemacht haben. Ich werde einen Satz niemals vergessen. Und er lautet: „Das Kind ist nie entspannter als Sie selbst.“ Ha! Das ist es. So einfach auf den Punkt gebracht. Es fängt also bei mir an. Und ich kann nur bestätigen, dass ich mit meiner schlechten Laune in Sekunden eine entspannte Abendbrottischszene zerstören kann. Kleiner Rundumschlag gegen meinen Mann, der mal wieder dies und das nicht und so weiter, und meine Kinder, die auch mal wieder nicht und das immer, und so weiter. Und danach haben alle, garantiert alle, schlechte Laune. Mir geht es meistens besser, Luft ist ja raus, aber der Preis ist hoch.

Und das kenne ich, wenn ich meine Kinder anschreie. Wenn ich ungerecht gegenüber meinem Mann bin. Wenn ich ungeduldig im Auto sitze und Wörter sage, für die meine Kinder aber eine ganz klare Ansage bekommen würden. Und zwar ganz klar. Wenn ich so bin, dann bin ich: unausstehlich. Und das hat vor allem mit meinem Stress zu tun. Und noch mehr damit, dass ich schlecht für mich gesorgt habe. Dass ich die rote Ampel die mir schon vor Stunden signalisiert hat „Natalia, du bist zu schnell unterwegs“ einfach ignoriert habe. Aus dem Gefühl heraus, dass ich es sonst alles. NICHT. Schaffe. Und das stimmt. Egal, wie sehr ich delegierte, optimiere, organisiere. Irgendwann ist Schluss. Und spätestens dann, muss ich mir selbst an die Nase fassen und ehrlich sein: Ich bin ungehalten, unausstehlich, gemein, ungerecht und laut und ungeduldig, wenn ich

  • zu wenig geschlafen haben
  • zu wenig Sport mache
  • schlecht esse
  • keine Freunde mehr treffe
  • nicht abends im Bette lese, sondern am Handy war
  • wenn ich meine Grenzen übertreten haben
  • Wenn ich das Nein schon längst gespürt habe, aber doch „Ja“ gesagt habe
  • wenn ich Dinge tue, die ich nicht will, weil ich Angst habe jemanden zu enttäuschen

Die Liste ließe sich noch fortsetzen. Scheinbar endlos.

Was bedeutet das denn nun für unser Familienleben und für mich als Mutter? Da sind doch viele Dinge gesetzt. Wieder: Stopp. Das ist so nicht wahr. Wir sind frei, viele Dinge so zu gestalten, wie es gut für uns und unsere Familien wäre. Aber dann entsprechen wir vielleicht nicht dem Ideal. Ich tue es auf alle Fälle nicht. Ich bin total stumpf. Wir machen jeden Mittag eine Mittagspause. Da ist das Telefon aus. Eine Stunde ist jeder in seinem Zimmer. Und die Kinder, die vorher wild und verrückt aus der Schule kamen und es am Tisch alles andere als Idyllisch war, sind wie ausgewechselt. Warum? Weil sie ihre Ruhe hatten. Und ich auch. Wenn meine Tochter um 15:00 Uhr aus der Kita kommt, dann ist sie fertig. Dann ist sie erstmal in ihrem Zimmer. Und: sie ist da total glücklich für 15 Minuten Ich-Zeit! Danach mache gar keine Anschlusstermine mehr, bzw. nur sehr dosiert. Und ja, da gibt es Nachmittage, da ist es dann so spät, da können sie sich nicht mehr verabreden. Da gehen manche Dinge nicht mehr. Aber es entspannt unser Familienleben total.

Vielleicht kennt ihr das: ihr kommt nach einem langen Tag mit den Kindern nach Hause. EIGENTLICH war alles gut. Aber dann, beim Aufschließen der Tür, bricht alles zusammen. Vielleicht auch schon im Auto. Schreien, Streiten, Motzen. Wie aus dem Nichts. Aber das stimmt nicht, denn auch wenn das Kaffeetrinken und das Spielen und der Sport und der Musikunterricht und was auch immer so nett und schön und wertvoll und wichtig sind: der Tag war zu voll. Voll von Erwartungen der Lehrer und Erzieher, voll von Erwartungen der anderen Kinder, voll von Erwartungen, des Trainers, der Eltern von, von, von… und ja: alles machbar, alles schön und gut, aber wenn ein Kind, und wir auch, Stress mit Stress kompensieren, dann knallt uns halt irgendwann die Sicherung raus. Ganz einfach.

Das Kind ist nie entspannter als man selbst. Der Entspannte ist kooperativ. Der Angespannte nicht. Je niedriger mein Stressniveau, umso größer die Zufriedenheit und auch die Belastbarkeit.

Und deshalb gibt es für meine Kinder eine Pause. Und manchmal langweilen sie sich. Aber erst im Kontakt zu mir selbst bin überhaupt in der Lage Informationen zu verarbeiten. Wer also immer durchzieht und meint, er sei ja besonders belastbar: leider nein. Ich will meinen Kindern das vorleben. Ich will nicht, dass sie Selbstfürsorge als egoistisch ansehen und später viel Geld investieren müssen, um sich gut zu sein. Oder vielmehr: um das mühsam zu lernen!

Meine Kinder dürfen sich verabreden, mit wem sie es möchten. (Noch!) Meine Kinder müssen nicht auf Kindergeburtstage gehen, auf die sie nicht möchten. (Allerdings wird dann auch sofort abgesagt.) Meine Kinder dürfen einfach zu Hause sein, wenn sie es wollen. (Auch wenn die Sonne scheint.)

Wir Eltern geben ihnen einen Rahmen. Der lautet bei uns: ab 20:00 Uhr ist Elternzeit, ob sie schlafen oder nicht: uns egal, aber wir wollen unsrer Ruhe und sie bleiben in ihrem Bett. (Und ja: sie dürfen nachts immer zu uns!) Aber wenn WIR Besuch haben, dann dürfen sie „Hallo“ sagen und sollen uns bitte in Ruhe lassen. Mich wollen sie umgekehrt auch nicht im Zimmer haben, wenn ihre Freunde da sind.

Unsere Kinder sind um 18:00 Uhr zu Hause und Händewaschen ist gesetzt. Ob unsere Kinder etwas essen oder nicht: ihre Entscheidung. Gegessen wird was es gibt und jeder bleibt am Tisch sitzen, bis alle fertig sind. Auch, wenn man nichts isst. Wir halten den Medienkonsum echt auf Sparflamme und sind total uncool. Ist ok. Mir ist es egal, was die Kinder anziehen, aber es muss zum Wetter passen. Wenn die Woche zu voll ist, mit gesetzten Terminen, dann gibt es am Wochenende keine Übernachtung. Wenn ein Kind nach der Schule direkt zu uns kommt, wird es um 17:00 Uhr abgeholt. (Es sei denn es geht gar nicht anders.) Dann hat mein Kind die Möglichkeit noch alleine bis zum Essen zu sein und runterzufahren.

Wenn meine Kinder Sport haben, ist das ein Termin. Einer der hoffentlich Freude macht, aber ein Termin. Und deshalb wollen wir als Familie keine Samstagsportprogramme. Wir alle brauchen und wollen am Ende einer Woche Familienzeit. Freizeit. Wir wollen lange im Schlafanzug sein und unsere Ruhe bis zum Mittag. Und ja, meine Kinder werden leider niemals dadurch bei „Olympia“ starten noch beim „Jugend musiziert“ gewinnen. Schade. Meine Tochter hat gerade mit Hockey angefangen und findet es super. Aber sie merkt: zweimal die Woche Training ist echt viel Zeit. Und wenn das ein Grund für sie ist, nicht weiterzumachen, habe ich dafür vollstes Verständnis. Und das heißt jetzt nicht, dass meine Kinder nicht eine Sportart machen können und dürfen, die Turniere etc. am Wochenende bedeuten.  Aber mit unserer vierjährigen Tochter am Wochende morgens um 8:00 Uhr bei irgendeinem Wettkampf zu zusehen?! Für uns ein no way! Wir planen viel weniger fester Termine am Wochenende. Das tut uns allen gut. Das müssen wir umso mehr tun, weil mein Mann auch an Wochenenden immer wieder arbeiten muss.

Das mag alles super egoistisch klingen. Super streng. Super old school. Aber ich finde, dass jeder Mensch ein Recht hat, seine Bedürfnisse zu äußern. Und ich habe festgestellt, dass wenn unsre Kinder einbezogen werden, sie häufig sagen: „Ich will das nicht. Das ist mir zu viel.“

Ich habe heute den wunderbaren Satz von Ruth Knaup gelesen: „Die eigenen Bedürfnisse zu kennen und zu Gehör bringen ist ein Akt der Selbstverantwortung. Die Selbstverantwortlichkeit entlastet das Umfeld.“ (Danke an Svenja und Sarah )

Also: fort mit dem schlechten Gewissen! Fort mit: ich kann nicht, das geht nicht, das macht man nicht! Übernimm Verantwortung für dich und deine Lieben!

Sei dir gut ❤️

6 Kommentare

  1. Seraina

    4. Mai 2017 at 12:45

    Liebe Natalia

    Du sprichst mir so aus dem Herzen. Ich bin eine von den „Old-School-Müttern“.
    Es ist mir aber egal. Wir haben ein viel ruhigeres und entspannteres Familienleben, seit ich unsere Druckmacher ganz gezielt aus unserem Leben nehme.
    Ihr macht das genau richtig.

    Liebe Grüsse
    Seraina

  2. Susanne

    5. Mai 2017 at 9:26

    Danke für diese offenen Worte. Das alles hat ja auch viel mit Selbstliebe zu tun. Ich weiß, das Wort wird gerade sehr oft benutzt. In meiner Arbeit habe ich oft mit Menschen zu tun, denen“etwas auf den Magen geschlagen“ ist,die alles in sich reinfressen, die lieber Ja als Nein sagen. Das stresst den Körper dann auch. Und irgendwann meldet sich der Körper dann auch, in welcher Form auch immer. Eine Form sind dann Bauchschmerzen.

    1. Natalia

      17. Mai 2017 at 11:33

      Ja, liebe Susanne, da hast du ganz Recht. Ich finde, dass diese ganzen „Redensarten“ wie „mir schnürt es den Hals zu“, „mir ist etwas auf den Magen geschlagen“ oder auch „mir versagt meine Stimme“ sehr gut verdeutlichen, WAS unser Körper uns vorsichtig zeigt, wenn wir nicht gut bei sich sind.

  3. Jeanette

    5. Mai 2017 at 16:40

    Liebe Natalia,
    seit Februar lese ich deinen Blog rauf und runter. Und auch ich habe mich vor einigen Jahren auf den Weg zu mir selbst gemacht mit “ sei dir gut“. Auch in unserer Familie läuft das so- entgegen allen Trends- und die kids (die schon teens sind) und mein Mann und ich sind sehr glücklich damit.
    Ich freue mich auf jeden post von dir- und würde gerne oft 10 Herzen verteilen.
    Liebe Grüße und ein entspanntes Wochenende
    Jeanette

    1. Natalia

      17. Mai 2017 at 11:32

      Liebe Jeanette. DANKE für deine tolle Rückmeldung! Ich freue mich, dass ihr in deiner Familie auch EUREN Weg gefunden hat! Wunderbar.Liebe Grüße, Natalia

  4. Heidi Irle

    17. Mai 2017 at 22:08

    Liebe Taja, heute kam schon Dein neuer Blog, und bei der Gelegenheit habe ich diesen Stress Blog zum ersten Mal gesehen.Die große Familienzeit ist ja bei uns vorbei, aber ich bin jetzt dabei,aus Deinen Gedanken zu lernen und als Rentnerin (!!!) zu hören, was gut und was zuviel ist -für mich.

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