Tod und Wunder

Ostersonntag 2017. Tod und Wunder.

In diesem Jahr ist unsere jüngste Tochter fast gestorben. Wir sind wahrlich einer Katastrophe entgangen. Ich habe mich noch immer nicht ganz davon erholt.
Mein Mann hat mit den Kindern eine Apfeltorte gebacken. Die Äpfel in ganz feine Streifen geschnitten. Und unsere Jüngste hat sich, gierig und unbemerkt, davon ein ganzes Viertel in den Mund gestopft. Als ich es merkte, konnte sie schon nicht mehr sprechen. Und da ein Kollege meines Mannes im Dienst vor Jahren ein kleines Kind an einen Apfelschnitz verloren hatte, gab es bis zum dritten Lebensjahr die Äpfel immer nur im Ganzen. Aber wer rechnet denn nun damit? Niemand.

Wir waren alle im Raum. Mein Mann ist Notarzt. Seine Ruhe und seine Erfahrung haben ihr das Leben gerettet. Und doch war uns Eltern klar, und auch den Großen, die intuitiv das Weite suchten, hier haben wir nichts mehr in der Hand. Über sechs Minuten hat es gedauert, bis endlich alle kleinen Apfelstücke aus der Luftröhre geschüttelt waren. Bis sie mit Blut und Spucke vermengt auf dem Boden lagen. Ich das kleine Händchen haltend und aus dem Mund holend, was kommt. Mein Mann die Beine hochhaltend, auf den Rücken schlagend und ruhig auf sie einredend.
Wir mussten nichts sagen. Wir wussten es: wir wissen nicht, ob es klappt. Bei jedem Atemzug, wurde es schlimmer, die Luftröhre immer mehr verstopft. Es gab medizinisch keine Möglichkeit, als hoffen und auf den Rücken schlagen. Kraftvoll und doch vorsichtig. Ich hatte schon das Küchenmesser für einen Luftröhrenschnitt geholt. „Das hilft hier nicht“, so die kurze Ansage. Und ich war eigentlich froh darüber. Denn das hätte ich wirklich nicht ertragen können.
Ich staunte über seine Ruhe. Doch es war nur eine Scheinbare.

Danach fällt das Kind in einen komatösen Schlaf. Nie werde ich die großen, angstaufgerissenen Augen vergessen. Ihr verschwitztes Gesicht und Haar. „Ein Todeskampf“, sagt mein Mann. Davon zeugen auch die Einblutungen unter den Augen. Das erkenne sogar ich. Als Laie. Schon mal im „Tatort“ davon gehört. Das haben alle Erstickungsopfer…
„Lebt sie noch?“, fragen unsere beiden Großen. Aber, was heißt schon groß, wenn man 6 und 9 ist und die kleine, aber doch schon vierjährige Schwester, nicht mehr atmen kann. Wenn es dem so ausgeglichenen Vater die Sprache verschlägt.
Und so sitzen wir abends zusammen und feiern das Leben. Tod und Wunder.
Unser Leben. So kostbar. Die Gefahren da, wo man sie nicht zu erkennen vermag. Und ich lese seit Tagen das Gedicht über die Kinder. Immer wieder. Denn es ist so wahr. So echt. Und ich teile es gerne mit euch. Unsere Kinder sind uns geschenkt. Anvertraut. Und manchmal wird einem wieder bewusst, wie schmal der Grat ist. Und nun will ich noch viel mehr: da sein. Präsent sein. Dankbar sein. Für das, was ich habe und für das, was noch kommen wird.
Sei dir gut ❤️

„Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Laßt euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.“

Khalil Gibran, arabischer Dichter, 1883-1931

12 Kommentare

  1. Verena Küsters

    27. April 2017 at 18:14

    Tränen laufen mir über das Gesicht. Tränen die vor allem Dankbarkeit zeigen, dass alles gut ausgegangen ist für eure jüngste. Jetzt wünsche ich dir die Zeit um das Geschehene zu verarbeiten. Gott sei mit dir, wie er mit eurer Tochter war.

    1. Natalia

      27. April 2017 at 23:01

      Danke, liebe Verena. Wir fühlen uns reich behütet, beschenkt und gesegnet.

  2. Lena

    27. April 2017 at 20:57

    Gänsehaut, Kloß im Hals, Tränen in den Augen. Auf das Leben!

    1. Natalia

      27. April 2017 at 23:01

      Auf das Leben! Danke, Lena!

  3. Gaby Paulukat

    27. April 2017 at 23:13

    Liebe Natalia, mir fehlen die Worte, aber ich empfinde große Dankbarkeit dass, das Geschehenes ein gutes Ende genommen habt.
    Gottes Segen.
    Gaby

    1. Natalia

      17. Mai 2017 at 11:34

      Danke, du Liebe ❤️

  4. Katharina Koch

    21. August 2017 at 14:44

    Liebe Natalia, ich bin erst seit kurzem auf deine Webseite gestoßen und verschlinge deine Artikel. Ich finde mich in deinen Worten wieder und bekomme viele neue Denkimpulse. Danke dafür! Kannst du mir eventuell sagen,wer der Maler des Bildes ist, dass du für diesen Beitrag ausgesucht hast? Ich liebe dieses Bild und finde es aber via Websuche nicht.
    Liebe Grüße, Kathi

    1. Natalia

      26. August 2017 at 4:18

      Liebe Katharina. Bitte entschuldige meine späte Antwort! Durch die „Sommerpause“ bin ich bewusst offline gewesen und habe versucht, alles liegen zu lassen. Und das bedeutet auch, dass ich keine Mails gecheckt habe und so weiter. Danke für deine lieben Worte. Ich freue mich sehr, dass du dich immer wieder in den Texten finden kannst. Bezüglich des Bildes: ich liebe es auch und suche schon lange nach der oder dem Künstler. Ich bin irgendwann und irgendwo darauf gestoßen und habe es gespeichert, OHNE dass es mir möglich war, die Quelle ausfindig zu machen. Daher muss ich leider passen. Aber du hast mir den Anstoß gegeben, da nochmal Zeit reinzustecken. Wenn ich weitergekommen bin, melde ich mich gerne bei dir! Tut mir leid, dass ich leider nicht weiterhelfen konnte. Wenn DU etwas herausfindest, dann freue ich mich sehr, wenn du es mich wissen lässt!

    2. Natalia

      28. August 2017 at 13:50

      Liebe Katharina! Die liebe Lena hat etwas zu dem Bild herausgefunden. Schau mal im Kommentar! LG

  5. Lena Dary

    26. August 2017 at 12:41

    Ich finde das Bild auch so wunderschön und habe mal die Bildersuche mit Upload bei Google ausprobiert. Das Bild scheint von der chinesischen Künstlerin XiPan zu sein: http://www.xipan.com/01/h-Mother-and-Child-01.htm. Liebe Grüße, Lena

    1. Natalia

      28. August 2017 at 13:49

      Oh, wie toll, danke dir! Das ist ja total spannend. Da schau ich gleich mal vorbei. Danke dir!

  6. Katharina Koch

    31. August 2017 at 6:28

    Ihr seid super! Ich danke euch für euren Einsatz!!!

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