Vielleicht tu’ ich es doch

Kerzenlicht. Kinder im Bett. An einem ganz normalen Mittwochabend bin ich zum Essen bei uns zu Hause verabredet. Mit meinem Mann. Wir kochen und essen gemeinsam. Nur wir beide. Ganz in Ruhe. Ganz andere Themen. Wunderbar.
Irgendwann im Gespräch sage ich: “Wie er sich dir gegenüber verhält ist so schlimm und gedankenlos. Wenn ich du wäre, dann würde ich ihm das niemals verzeihen.”
Mein Blut kocht. Wenn ich etwas unfair und ungerecht finde. Wenn sich jemand -in meinen Augen- unmöglich, rücksichts- und gedankenlos verhält.
Es kocht besonders, bei Menschen, die ich liebe. Die mir nahestehen. Aber auch bei und für diejenigen, für die ich Verantwortung spüre.
“Das kann man doch so nicht sagen. In der Härte. Was soll das denn bedeuten: nicht verzeihen?”, fragt mein Mann. Um den es geht. Und der doch immer besonnen bleibt.
Ich haue mit der Faust auf den Tisch. “Wenn mit mir so umgegangen wird, dann will ich mit der Person nichts mehr zu tun haben. Das würde mich so verletzen, dass ich das nicht verzeihen kann. Und will.”
Das Gespräch wirkt noch Tage bei mir nach.
Auch ein mulmiges Gefühl, dass ich seitdem verspüre: durch mein “Niemals!” Durch mein “nicht mit mir!” Durch meinen Stolz. Durch mein nicht ansprechen. Durch mein nicht verzeihen, sind manche Menschen nicht mehr Teil meines Lebens. Menschen, die ich geliebt habe. Menschen, denen ich vertraut habe. Menschen, denen ich gegeben habe. Zeit. Geld. Und mich. Menschen, die mir wichtig waren.
Und ich spüre diesen Schmerz: noch wichtig sind. Nicht alle. Aber ein paar.
Und wenn ich diesen paar nachspüre, dann merke ich auch, die Wut ist erloschen. Die damaligen Tränen sind getrocknet. Der Stolz ist der Sehnsucht gewichen. Der Sehnsucht nach einem Wiedersehen. Nicht um da weiterzumachen, wo und wie es aufgehört hat. Sondern um etwas abzuschließen. Sondern um zu verzeihen. Dem Anderen. Und mir.
Ein Wiedersehen um etwas zu beenden und Chance auf einen Neuanfang zu geben. Kein Wiederaufwärmen. Sondern einen ehrlichen Neuanfang.
Und ich spüre, dass es wichtig war für mich, dass ich mich zurückgezogen habe. Dass ich es mir Wert war, abzubrechen, abzuwenden, wegzugehen.
Und nun aber auch, um loszulassen und zu verzeihen. Damit ich abschließen kann. Damit ich nichts mehr davon rum- und nachtrage.
Vielleicht ist ein “Niemals!” doch etwas, dass ich überdenken sollte. Nicht unbedingt für den Anderen sondern unbedingt für mich. Ok. Auch dem Anderen.
Sei dir gut 

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