Viel zu selten

Ich glaube, nun schlafen sie. Endlich. Langsam dämmert es. Die Fledermäuse beginnen lautlos über den Garten zu segeln. Die letzten Flugzeuge sind im Landeanflug. Der Wind frischt auf und die Vögel geben noch einmal alles, bevor sie im Anbetracht der Sterne und des Mondes in ihre Nester zurückfliegen werden. Das Lachen und Gemurmel im Zelt ist verstummt. Auch das Rascheln an der Zeltwand. Ich sitze draußen und genieße den ersten lauen Sommerabend. Ohne Fleecedecke. Noch immer barfuß. Faßbrause und Windlicht. Rauchmandeln und Gummibärchen. Es fühlt sich an wie Urlaub. Die Sonne hat uns heute satt verwöhnt. Es gab Pfannkuchen und Wassereis. Und noch ein Eis vom Eiswagen. Es fühlt sich an wie Urlaub. Aber es ist ein ganz normaler Donnerstag. Mitten. In. Der. Woche.

Mein Mann hat Dienst. Ich und wir werden ihn erst morgen Abend wiedersehen. Ich habe den ganzen Tag viel gearbeitet. Hatte tolle Begegnungen. Gute Coachings. Ich bin zufrieden mit meinem Arbeitstag, der meist zu wenig Stunden am Stück hat. An das „an- ein – ander- stückeln“ der unterschiedlichen Anforderungen gewöhne ich mich nur schwer. Noch immer wünschte ich mir manchmal hier und da mehr Freiräume und mehr Flexibilität. Nicht nur im Job. Sondern auch bei mir selbst.

Ich merke, wie gefangen ich manchmal im Mama-Alltag bin. Das fängt ja schon morgens mit dem Wecken der Kinder an. Klamotten für die Kleinste raussuchen, Brote schmieren, Frühstückswünsche erfüllen, letzte Freundschaftsbücher ausfüllen, Wäsche anstellen, Kinder verabschieden und so weiter. Und dann geht es weiter mit Mittagessen kochen und für die Schule lernen und unterstützen und neue Bleistifte kaufen und Fahrdienste und Kaninchen füttern und so weiter und so fort.

Und was mir immer wieder auffällt ist meine Unzufriedenheit, wenn „Mr. Papa-Superhero“ abends zur Tür reinkommt. Auch nach einem langen Arbeitstag. Aber: er wird strahlend empfangen. Er wird stürmisch begrüßt. Und was tut er? Er trinkt einen Cappuccino und dann ist er voll da: er spielt. Er liest vor. Er macht Quatsch. Und ich: bereite das Abendessen vor. Drehe bei einem nett gemeinten Kuss meinen Kopf zur Seite, weil ich merke: ich bin total eifersüchtig. Ich habe definitiv mehr Zeit mit den Kindern. Rein stundenmäßig. Und dass ist toll und so gewollt. Und ja: ein Geschenk. Aber ich merke, dass ich mir manchmal mehr Freiheit wünschen würde. Mehr Gelassenheit. Im Alltag.

Mein Mann hat viel weniger Zeit mit den Kindern. Das bedeutet, dass er viel kreativer und aktiver ist, wenn es um die Gestaltung dieser kostbaren Zeitfenster geht. Dass er viel gelassener ist, was die Uhrzeit am Abend angeht. Oder ob nicht doch noch ein Witz erzählt wird, auch wenn alle gerade zur Ruhe gekommen sind. Und ja, wenn er Zeit alleine mit den Kindern hat, dann bleibt meistens die Wäsche liegen. Und die Haare der Mädels sind mehrere Tage eher, nun ja, sagen wir mal: wenig gekämmt.

Und da merke ich, wie ich mir wirklich an die Nase packen muss. Um nicht bitter zu werden. So nach dem Motto: „Naja, wenn es nur um’s Spaß haben geht, dann wäre ich hier auch nicht so oft am Ende. Wenn ich nur einmal im Jahr dafür verantwortlich wäre, würde ich auch aus dem Abendessen ein Event machen usw.“ Böse. Gemeine. Ungerechte. Gedanken.

Und woher kommen die? Der Ball liegt wohl eher in meinem Spielfeld. Und ich merke: ich habe viel zu wenig unbekümmerte, unbeschwerte Zeit mit den Kindern. Viel zu wenig Spaß. Nicht, dass wir nicht schöne Dinge machen. Lachen und glücklich zusammen sind. Nicht, dass ich nicht albern sein kann und wir coole Aktionen haben. Das schon, aber innerlich tickt doch immer die Uhr und die to-Do Liste mit. Der „Du-musst-dich-gleich-zum-Training-umziehen-und-hast-du-schon-deine-Tonne-gepackt-und-wasch‘-dir-noch-die-Hände-und-wir-müssen-jetzt-echt-los“-Ticker. Manchmal bin ich überrascht, wie viel man im Kopf haben kann. Wie viele Dinge, an denen wiederum viele kleine alltägliche Selbstverständlichkeiten hängen, die erst bemerkt werden, wenn sie nicht funktionieren.

Aber heute. Heute ist es mir gelungen auszusteigen.

Und das fühlt sich total gut an. Noch immer.

Heute war es richtig schön. Und es bleib auch richtig schön. Das ist ja nicht mehr selbstverständlich, dass die Wetter-App mit dem Blick aus dem Fenster übereinstimmt. „Viel zu selten geh’n wir zelten“ dröhnt es aus dem Zimmer meiner Ältesten. „Bibi und Tina 3“. Super Soundtrack. Und ich weiß nicht, was los ist, ob es das Wetter ist, dass einem das Herz leicht macht, aber ich rufe nach oben: „Hey, wollt ihr heute Nacht zelten?“ Und im gleichen Augenblick sehe ich im Geiste diese drei Affen vor mir. Mund zu. Augen zu. Ohren zu. Und ich denke: „Oh, Dude! Morgen ist Schule. Und Kindergarten. Und du musst morgen um 8;00 Uhr einigermaßen gutaussehend und ausgeschlafen aus dem Haus und du bist alleine bis morgen Abend… BIST DU NOCH ZU RETTEN??!!“

Und obwohl die Sekunden kurz stehenbleiben ist der Sturm auf der Treppe nicht zu überhören. Er schwankt zwischen: „Das hat sie nicht gesagt?!“ über „Echt, Mama?!“ bis hin zu „Geeeeiiilll!!“. Und ich stehe mittendrin und es scheint Konfetti zu regnen und es fühlt sich toll an. Unvernünftig. Unüberlegt. Einfach toll.

Und so mähe ich noch den Rasen. Hole unser 20 Jahre altes Iglu-Aldi-Zelt aus dem Keller. Kein Pop-up. Eines mit Stangen. Und wir schlagen Heringe in die Erde, die jedem Tornado trotzen. Wir schleppen Kuscheltiere und Taschenlampen raus. Wir essen Brezeln und Bifis und lesen bis es schon viel zu spät ist und ich langsam ahne, dass es nicht zu spät wird, sondern VIEL ZU SPÄT dafür, dass morgen eben morgen ist und kein Wochenende.

Und zum Glück überspült die Freude der Kinder meine Zweifel. Zum Glück ist endlich um 22.15 Uhr Ruhe. Damit beruhigt sich mein Verantwortungsgefühl. Aber vielleicht geht das ja einmal. Ok. Sie werden alle müde sein. Das Aufstehen wird schwerer fallen. So what?!

Aber wir hatten es so gut. Wir hatten so viel Spaß. Die Küche sieht aus wie sau. Ich bin müde. Aber erfüllt und glücklich. Morgen soll es regnen. Wir müssen das Zelt vor der Schule und dem Kindergarten und der Arbeit ins Wohnzimmer bringen. Irgendwie. Alle sind einverstanden. Ich muss etwas früher aufstehen. Und die Kinder eher wecken. Wir werden erst morgen Nachmittag alles aufräumen. Gemeinsam. So lautet die Absprache. Und ich weiß: sie wird gehalten.

Und ich will dieses Gefühl festhalten. Konservieren. Und immer wieder ausbrechen aus meinem Mutteralltag. Aus meinem normalen Trott. Ich will wieder mehr kreativ sein. Ich will es leichter nehmen und leben. Und ich nehme mir vor, mich noch viel mehr an und mit meinem Mann zu freuen, wenn er die Dinge so macht, wie er sie macht. Und ich werde noch klarer sagen, wo ich mir mehr Unterstützung von ihm wünsche, damit sich die Verantwortung noch besser ver- und aufteilt.

Und ich wünsche uns Eltern und Großeltern, dass wir viel kreativer werden. Dass wir ausbrechen aus dem Alltag. Das wir Dinge wagen und tun, die eigentlich nicht passen. Von der Zeit. Vom Ort. Vom was auch immer. Ich wünsche mir, dass wir verrückter werden. Mutiger.

Weil es diese Augenblicke sind, die bleiben und zählen.

Ein Leben lang.

Sei dir gut ❤️

10 Kommentare

  1. Maria Moosbrugger

    18. Mai 2017 at 9:16

    Du sprichst mir aus der Seele. Meine Gedanken und Gefühle sind durch dein Schreiben Worte geworden. Vielen Dank! ?

    1. Natalia

      18. Mai 2017 at 9:34

      Liebe Maria. So gerne. Ich glaube, wir müssen uns viel öfter „mal locker“ machen! Sei fest umarmt und deine Mäuse auch!

  2. Heidi Irle

    18. Mai 2017 at 17:20

    Aber vor allem– eine tolle Sache, die in Kopf und Herzen bleibt.

  3. Julia

    18. Mai 2017 at 20:54

    Liebe Natalia, genauso fühlt es sich bei mir auch oft an und man hadert mit seiner Mutterrolle, die man sich doch eigentlich so gewünscht hat! Es ist auf der einen Seite die schönste Rolle, die man durch seine Kinder bekommt und doch auch die aufregendste und verantwortungsbewussteste in seinem Leben! Ich finde es so schön, wie Du immer wieder in Deinen ehrlichen Texten doch so viel Liebe rüberbringst, die man beim lesen förmlich spürt!!
    Auch ohne Dich gut zu kennen, ich finde Du machst Deine ‚Aufgabe‘ mit Deinen Drei toll! Beim nächsten Zelten hier im Garten werde ich an Dich denken! ?
    LG Julia

  4. Dieverlorenenschuhe

    19. Mai 2017 at 7:53

    Was für ein toller Beitrag. So viel Wiedererkennungswert. Und eine tolle Motivation.

    1. Natalia

      19. Mai 2017 at 10:45

      Vielen Dank, für deine lieben Worte!

  5. Viola

    20. Mai 2017 at 8:45

    Liebe Natalia, dein Text hat mich wach gerüttelt. Viel zu selten nehme ich den Druck raus um einfach mal Spaß zu haben. Jetzt muss ich mal schauen ,wo ich ein Zelt herbekomme??.

    1. Natalia

      23. Mai 2017 at 12:52

      Liebe Viola. Die Zeit kommt leider nicht alleine… ich musste unglaublich viel streichen, umbauen und vor allem mir erlauben: etwas neu zu denken und zu fühlen. Ich plane freie Zeiten bewusst ein. Sonst überrollt mich und uns die Alltagswelle jede Woche auf’s Neue. Es ist eine Entscheidung, ob man sich immer wieder überspülen lassen will oder mal surft. Alles Gute dir!

  6. Susanne

    23. Mai 2017 at 9:32

    Liebe Natalia,

    das ist wirklich einer der schönsten Beiträge, die ich seid langer Zeit bei dir und sonst irgendwo gelesen habe. Du sprichst mir damit aus der Seele. Wie oft sind wir Mütter doch die Verantwortungsbewussten Spaßbremsen, während der Papa für die schönen Sachen herhalten darf. Dein ganzer Blog vermittelt einem ein tolles Gefühl und eine schöne Portion Selbstbewusstsein, weiter so! 🙂 <3

    LG Susanne

    1. Natalia

      23. Mai 2017 at 12:50

      Liebe Susanne. Vielen Dank für dein Lob! „Verantwortungsbewussten Spaßbremsen“ Großartig. Das werde ich behalten!

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