Well done. Gut gemacht.

 

„Nicht geschimpft ist genug gelobt“. Dieses Sprichwort gibt es tatsächlich. Ich weiß noch, dass ich es, als ich es vor Jahren das erste Mal hörte, gar nicht verstand. Und das lag nicht am süddeutschen Dialekt. Ich habe den Zusammenhang schlicht nicht verstanden. Es ist und war für mich genauso unverständlich wie „Zuckerbrot und Peitsche“. Und verstanden bedeutet nicht, dass ich den SINN nicht verstanden haben. Nein, ich habe nicht verstanden, warum das in manchen Familien so gelebt wurde. Und vielleicht auch noch wird. Und ich weiß noch, wie mir mein Herz schwer wurde, weil ich erahnen konnte, was das für Menschen, große und kleine, bedeuten muss, wenn nichts sagen ausreichen muss. Ausreichen muss, auch, wenn man sich sehnt nach: Anerkennung. Gesehen werden. Gut genug zu sein. Geliebt zu werden. Nach Wertschätzung. Ich finde, dass wir in einer Kultur leben, in der viel zu wenig gelobt wird. Man mag, dass im anglikanischen Raum für oberflächlich halten, aber ich muss sagen, dass mir dort das dauernde „you are beautiful!“, „that’s awesome!“, „fantastic, great, wonderful“ and whatever guttut. Es macht so ein „warme Dusche-Gefühl“. Gelobt zu werden macht etwas mit mir.

Mir fällt es leicht meine Kinder zu loben. Aber deutlich schwerer meinen Mann. Während ich bei meinen Kindern alles was sie neue erfinden und entdecken toll finde, verliere ich in der Beziehung das Wunderbare leichter aus dem Sinn. Dabei sehnen wir uns auch in der Partnerschaft nach Lob und Anerkennung. Aber es fällt uns Erwachsenen häufig schwerer, das Lob auszusprechen und anzunehmen. Wenn auf einen weißen Blatt Papier ein schwarzen Punkt zu sehen ist, dann sehe ich? Richtig! Den schwarzen Punkt. Sehr oft nehmen wir das weiß selbstverständlich hin und an. Und loben fällt in den Bereich „weißes Blatt“. Aber wir richten uns gerne und schnell auf den schwarzen Punkt aus. Und so muss ich mich bemühen, die scheinbaren Alltäglichkeiten nicht immer als gesetzt und selbstverständlich zu nehmen und zu sehen. Bei anderen, aber auch bei uns selbst. Sich selbst loben?  „Jetzt nimm dich mal nicht so wichtig…“springt dann mein innerer Kritiker direkt ins Wort.  Häufig fällt es uns schwer, zu loben, weil wir nicht wissen wie. Weil wir keine Worte dafür haben. Finden. Weil wir selbst zu wenig gelobt wurden. Als Kinder und bis heute.

Mag sein. Kann sein. Aber: das bedeutet nicht, dass du dich darauf ausruhen solltest. Ganz klares NEIN. Lernen kann man immer. Wenn man will. Es mag sich holprig und ungewohnt anfühlen. Vielleicht fühlst du dich ganz und gar unwohl und hast das Gefühl „das kann ich nicht sagen“. Doch, das kannst du. Nimm dir vor, deinen Kindern zu sagen, dass du sie liebst. Nimm dir vor, deinen Partner mehr Anerkennung zukommen zu lassen. Und du wirst entdecken, wieviel DAS beim Gegenüber auslöst. Ermutigt werden feuert uns an. Ermutigung verändert uns.

Nie. Nie werde ich vergessen, als mein Sohn vor 3 Jahren alleine und noch so klein, auf die Toilette gegangen ist und die Tür aufgelassen hatte.  Wir saßen am Küchentisch und hörten plötzlich ein kleines Kinderstimmchen sagen: „Jakob ist voll toll. Ich gehe alleine pinkeln!“ Und ich weiß noch wie mein Mann und ich uns ansahen und grinsen mussten. Und vielleicht geht es dir auch so, dass du innerlich mit den Augen rollst, wenn Menschen erzählen, was sie gut können. Das mag an zweierlei liegen.

Erstens: es nervt in der Tat, wenn jemand nur von sich erzählt und gar nicht mitbekommt, dass ein Gespräch weit mehr als ein sich selbst verherrlichender Monolog ist.

Zweitens: es nervt, weil du merkst, dass du das niemals könnest. Dich und deine Taten so toll finden.

Viel zu schnell neigen wir dazu, das Lob an uns zu relativieren:

„Ist doch selbstverständlich, dass ich…“

„Ist ja schließlich auch mein Job…“

„Das hätte doch jeder gemacht…“

Halt stopp. Wenn du gelobt wirst, dann halte doch einfach mal den Mund. Schweigen und lächeln ist ein ungemein wirksames Mittel, wenn man keine Worte hat. Und dann einfach „Danke“ sagen und dem Gefühl in dir Raum geben. Und nachspüren. DU warst gemeint. DU wurdest wahrgenommen. Und vielleicht fällt dir dabei auf, dass du viel öfters gelobt wirst, als du das denkst. Ganz einfach deshalb, weil du es gar nicht bemerkst.

Als ich jemanden von meiner 7-Wochen „Ausrichten auf die Freiheit in mir“-Idee erzählte, kam der Vorschlag, mit „sich selbst loben“ anzufangen, weil das leichter sei. Ich habe viel darüber nachgedacht. Das mag vielleicht scheinbar leichter sein, aber mir war es wichtiger mit dem „was schon ist“ zu beginnen. Denn häufig denken wir, dass wir noch was werden müssten. Durch unser Tun und Handeln. Und da möchte ich mal kräftig an der Notbremse ziehen und sagen:

DAS STIMMT NICHT. DU MUSST NICHT WERDEN. DU BIST SCHON!

DAS, was du an dir magst, ist schon da. Dein wunderbarer Körper. Deine Stimme. Deine Fähigkeiten. Deine Talente. Deine Potenziale. Sie sind schon da. Denn du bist wunderbar gemacht. Aber die Umstände, wie du gewachsen bist, die Chancen und Möglichkeiten, die es vielleicht nicht gab, haben es nicht möglich gemacht, dass du sie bisher entdecken konntest. Dass du ahnen konntest, was da ist. Vielleicht war niemand da, der dich ermutigt hat. Der dich gelobt hat. Der bereit war zu sehen und dir zu helfen. Weil er es selbst nicht konnte, oder auch: nicht wollte. Und da kannst du traurig darüber sein. Auch wütend. Auch enttäuschst.  Zurecht. Nimm diese Gefühle an. Betrauere sie. Und auch dich. Aber dann, wenn du dich genug darin gesuhlt hast, dann übernimm Verantwortung für dich und beginn dich unter die warme Dusche zu stellen. Und dir das zuzusprechen. Das zu üben. Das zuzulassen. Und nicht darauf zu warten, dass die Bestätigung von außen kommt. Sie kommt. Aber du musst beginnen. Bei dir. Mit dir.

Einige haben mir geschrieben, dass sie merken würden, wie sich etwas verändert hat, seitdem sie aufschreiben, was sie an sich mögen. Lieben. Das erfreut mein Herz über die Maßen. Wirklich.

In der zweiten Woche sollst du wieder schreiben. Gerne in das gleiche Heftchen. Und zwar:

jeden Abend fünf Dinge, die dir gut gelungen sind. Und dabei sollst du den Satz beginnen mit: „heute ist es mir gut gelungen….

  • geduldig mit meinen Kindern zu sein
  • mich nicht so schnell aufzuregen
  • gleich einen Parkplatz zu finden
  • nach Hilfe zu bitten
  • das Handy mal zur Seite zu legen

Und auch in dieser Woche möchte ich dich herausfordern bei dir zu bleiben. Und das Gute in dir zu fühlen und anzunehmen aber auch, das Gute im Anderen wahrzunehmen. Richte dich diese Woche danach aus. Was ist dir gut gelungen. Und lobe dich, was das Zeug hält. Und klopf dir auf die Schulter. Und kauf dir ein paar Blumen. Weil du es wert bist. Weil du gut genug bist und dich daran erfreuen darfst und kannst und sollst, was DIR gut gelungen ist. Was du gut kannst.

Sich ausreicht auf die Freiheit in mir, kann dann gelingen, wenn ich bei mir bin. Wenn ich das Gute in mir zulasse und entdecke. Wenn ich beginne mich selbst zu lieben und anzunehmen. Mit all meinen Fehlern. Mit all meinen Farben. Und dann nachspüre: was soll bleiben? Was soll sich ändern. Aber wenn ich mich liebe, dann kann ich meine Fehler annehmen. Dann kann ich beginnen etwas zu ändern.

Ich liebe den Satz von Nelly Sachs „Alles beginnt mit der Sehnsucht“.

Sei dir gut ❤️

 

8 Kommentare

  1. Julia

    8. März 2017 at 10:54

    Liebe Natalia, habe schon voller Freude und Sehnsucht 😉 auf Deinen zweiten Post für die 7 Wochen gewartet und mich nun genüsslich vor den PC gesetzt und in aller Ruhe gelesen! Allein das tat schon gut!!
    In Gedanken, was ich alles aufschreiben könnte, fiel mir prompt auf, dass mir direkt heute morgen schon gelungen ist, mir eine Stunde voller Nix Tun; genüsslich mit Tee und Brötchen mal vor dem Fernseher zu gönnen.Die Kinder in Schule und Kindergarten – Keine Erledigungen, kein Haushalt gemacht!!
    Und das ganze bewusst ohne ’schlechtes Gewissen‘. Somit mein erster Punkt für meine Liste!
    Und das mit gutem Klopfen auf meine Schulter. Ein schönes Gefühl.
    Ich hoffe, Du hast auch ganz viele schöne Momente, die Du geniessen kannst.
    LG Julia

    1. Natalia

      9. März 2017 at 9:52

      Liebe Julia ??, toll gemacht! Du kannst so stolz auf dich sein und solltest dich so richtig über dich und an dir freuen! Wie wundervoll, dass du dir gut bist und dann halt das Gefühl fest – Brötchen vor dem Fernseher! Und ich bin mir sicher, dass du erfahren hast und wirst, dass es danach einem viel leichter von der Hand geht. Herzliche Grüße, Natalia

  2. Petra

    8. März 2017 at 18:23

    Liebe Natalia!
    Vielen Dank für diese wunderbaren Worte. Auch bei mir gab es in der Kindheit einen Spruch, den ich nie vergessen werde (er ist so niederschmetternd, dass ich ihn nicht geschrieben sehen möchte ). Ich habe meine Kinder und viele andere Kinder und Menschen in meinem Umfeld immer sehr viel (vielleicht zu viel?)gelobt, evtl. ja daher ?.
    Nun werde ich es in der kommenden Woche mal bei mir versuchen 😉 Ich freue mich sehr, dass ich auf deinen Blog geführt wurde. Ganz herzliche Grüsse Petra

    1. Natalia

      9. März 2017 at 9:50

      Liebe Petra, ich glaube, ja, dass man nie zu viel loben kann! Aber: es muss echt und ernst gemeint sein – sonst verliert es an Wert. Und ich wünsche dir, dass du dich loben kannst, was das Zeug hält und dabei ganz gute und schöne Erfahrungen mit dir machen wirst! Herzlichst, Natalia

  3. KATERINA FISTERA

    8. März 2017 at 19:31

    Liebe Natalia, als ich 14 Jahre alt war, schenkte mir ein Junge zum 8. März einen kleinen Strauß Veilchen. Da war ich unglaublich stolz, dass ich eine Frau bin. Ich hätte die ganze Welt umarmen wollen. Heute ist ein Tag der Frauen. Wir Frauen können sehr stark sein. Stark im Loben, stark im Lieben , aber auch stark im Verletzen, stark im Kleiner machen. Heute ist der 8. März. Ich wünschte allen Frauen, dass es ihnen so gut ginge, dass sie die ganze Welt umarmen könnten. Ein schöner Traum, nicht nur für Heute .Danke für Deine wunderbaren Texte. In Liebe Mama

    1. Natalia

      9. März 2017 at 9:49

      Danke, Mama, für deine Worte. Ich finde, dass du eine wirklich starke und wunderbare Frau bist.❤️

  4. anderekennedy

    10. März 2017 at 11:08

    Vielen Dank für diese Art der sieben Wochen.
    Im November letzten Jahres war ich bei einem Vortrag, der mich angestoßen hat, mir jeden Abend 5 Dinge des Tages zusagen, für die ich mir auf die Schulter klopfen kann. Das ist mir ein sehr lieb gewonnenes Ritual geworden. Und beim Lesen deines Textes musste ich schmunzeln. Diese 5 Dinge rufe ich mir jeden Abend ins Gedächtnis, wenn ich tatsächlich unter der warmen Dusche stehe. 😉

    1. Natalia

      10. März 2017 at 13:46

      Wie wunderbar, dass du so eine tolle warme Dusche täglich hast! Wie schön, dass du das Auschreiben als eine gute Sache erfahren hast und erfährst! Ich finde auch, dass es einen wirklichen Unterschied im Alltag macht.

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