Zeugnistag

Bald ist wieder Zeugnistag. Ist ja jedes Jahr im Sommer so. Spätestens.  Zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Deutschland. Und immer wieder hört man Tipps wie man als Eltern auf ein “schlechtes Zeugnis” reagiert. Und auch: wie vielen Kindern es unglaublich schlecht mit ihrem Zeugnis geht.

Wenn ich diesen Berichten im Radio lausche oder ich darüber lese,  zieht sich mir immer das Herz zusammen. Weil meistens bewertet wird, was NICHT da ist. Weil so viele Gaben und Fähigkeiten nicht im Fokus stehen. Weil es meist herzlich wenig um Ressourcen geht. Und auch uns Eltern fällt es häufig ja gar nicht so leicht uns auf das Gute, was unser Kind tut und sagt und was auch immer macht, zu sehen. Wir sehen selbst häufig auch nur die Schwierigkeiten und wo es nicht so läuft, wie WIR uns das eigentlich wünschen. Oder auch erwartet und erhofft und erträumt hatten.

Bei uns gibt es kein Geld für Klassenarbeiten. Und auch keines für das Zeugnis. Ich muss sagen: davon halte ich auch rein  – und zwar absolut – rein gar nichts. Vor allem dann nicht, wenn die Höhe des Betrages von den “guten Noten” abhängt. Wir wissen genau, wo die Stärken und wo die Schwächen unserer Kinder liegen. Wir wissen, dass der eine super rechnen kann und die andere druckreife Geschichten schreibt. Dass der eine traumhafte Bilder malt und die andere ein Ass in Sport ist. Und DAS wird unterschiedlich bewertet. Ist so. Nicht nur von den Lehrern. Nein, allzu häufig auch von uns Eltern. Haupt- und Nebenfächer… wenn ich DAS schon höre. So viel Bewertung alleine im Sprachgebrauch. Aber da gibt es nichts zu vergleichen. Da gibt sich der eine nicht mehr Mühe als der andere. Da kommt eine Gabe zum Vorschein. Und das ist toll. Es wäre doch vermessen zu meinen, dass das eine Kind sich nicht genug Mühe gibt und das andere daher irgendwie…WAS? Besser sei? Mitnichten!

Meine Kinder sind ok. Unabhängig von den Noten die sie schreiben. Die einzige Erwartung die wir als Eltern haben: “Gib dein Bestes. Frag nach, wenn du Hilfe brauchst, denn wir unterstützen dich gerne. Wir erwarten, dass du deine Sachen beieinander hast und besorgen gerne, wenn etwas brauchst und uns darum bittest. Wir unterstützen dich. Wir sehen und kennen deine Stärke und deine Schwächen. Wir sehen dich. Und wir lieben dich. So wie du bist. Mit einer 1 oder einer 5 in Mathe. Wir wissen dass du dein Bestes gibst. Und wir wissen genau, dass an dem Tag, an dem die Arbeit geschrieben wurde dein Kaninchen weggelaufen ist. Und da ging mehr nicht. Weil dein Herz voll und schwer war. Deine Sorge größer als deine Konzentration. So ist das. Und so geht es uns auch.”

Wenn es bei uns Zeugnisse gibt, dann gehen wir als Familie essen. Wir wertschätzen die Leistung. Wir feiern ein vollbrachtes Schuljahr. Und doch bekommen wir nur ein Bruchteil von dem mit, was unsere Kinder dort tagtäglich erleben. Die Ungerechtigkeiten, die ihnen manchmal widerfahren. Die Ungeduld. Das Nichtverstehen. Das keine Zeit ist, um die neue Zahnlücke zu bestaunen. Leider. Ist aber häufig so. Liegt am System. Und meistens nicht an den Lehrern. Wir sehen nicht, wie das Kind sein Frühstück teil. Den Fege-Dienst erledigt und einem Kind auf dem Schulhof hilft. Wir sehen nicht, wie es sich um andere kümmert. Den Kakaokasten zuverlässig wegbringt und wie müde und kaputt es häufig nach einem vollen Schulvormittag ist. Wir bekommen so wenig mit von dieser völlig anderen Welt, die wir meinen zu kennen und zu verstehen, weil wir selbst einmal dort waren.

Wir haben Wünsche und Erwartungen an unsrer Kinder. Wie sie ein sollten und müssten. Wie der Weg am besten wäre. Aber das stimmt nicht. Wir wissen gar nichts. Wir wünschen uns etwas. Das ist gut so. Wir dürfen beraten. Begleiten. Da sein. Annehmen. Den anderen Weg. DAs andere Interesse. Und das ist verdammt schwer. Verdammt schwer. Ein Lernprozess. Auch für uns. Jeden Tag auf’s Neue.

 

Diesen Zettel habe ich im letzten Jahr gefunden. Noch immer zieht sich mein Herz zusammen, wenn ich ihn betrachte. Er ist mir Mahnung. Dafür bin ich dankbar. Und hier sind meine Gedanken, die ich im letzten Jahr dazu hatte. Und sie sind heute noch immer die selben:

“Mein Kind ist wunderbar. Wunderhübsch. Mit dem größten Herzen für andere. Und zum Glück auch schon ganz viel für sich. Sie ist lustig. Und empathisch. Sie schreibt die tollsten Liebesbotschaften an ihren Vater und spürt intuitiv, wenn etwas ungerecht ist. Sie sagt ihre Meinung und ist kompromissbereit. Sie kriegt sensationelle Wutanfälle und ist ganz groß im Verzeihen und Vergeben. Mein Kind liest abends länger als wir und steht morgens ohne Murren auf. Sie singt und tanzt und lacht, hat strahlend blaue Augen und ist ansteckend lebensbejahend.

Wir ermutigen und fordern heraus: du bist viel mehr! Du bist geliebt. Du bist ok. Wir stehen zu dir. Wir unterstützen dich. Du musst nicht werden, du bist schon!
Und heute finde ich diesen Zettel unter ihrem Kopfkissen. Mein Herz bricht. Ich kann es nicht glauben. Sie hat gutes Zeugnis. Sie hat ihr Bestes gegeben. Sie geht in die dritte Klasse.
Später wage ich zu zugeben, dass ich gefunden habe, was nicht für mich bestimmt war.

“Wann hast du das denn geschrieben?”, frage ich sie unsicher.

“Ach, Mama”, sagt sie, “weißt du, alle anderen haben ein besseres Zeugnis. Damit ich nicht weine, habe ich das heimlich in der Schule aufgeschrieben. Dann ging es mir besser. Aber später habe ich es einfach durchgestrichen, weil es doch gar nicht stimmt…”

“Nein”, sage ich, “du bist wunderbar. Du hast dich sehr angestrengt und wir sind stolz auf dich!”
Sie strahlt mich an. “Ich bin es auch.”

Und ich bin berührt und so dankbar, dass sie in ihrem Herzen fühlt und weiß: ich bin gut. Ich bin wunderbar gemacht. Ich muss mich nicht vergleichen, sondern ich muss meinen Wert kennen. Und annehmen.
Das wünsche ich dir auch.

Ssei dir gut ❤️

10 Kommentare

  1. Petra

    22. Juni 2017 at 9:12

    Liebe Natalia,
    mir total aus dem Herzen geschrieben. Meine Kinder sind 15 Monate auseinander und nicht zu vergleichen ist manchen Menschen schwer gefallen.
    Wie oft habe ich mich über die ” Belohnungen ” aufgeregt.
    Ich bin so unendlich dankbar, dass es bei uns als Eltern nicht so war und wir so gehandelt haben, wie du es schreibst. Heute noch wissen unsere Kinder dies und mir geht jetzt noch das Herz auf, wenn sie es ( mittlerweile über 20 Jahre alt ) sagen. Sie wissen, dass sie einzigartig und wertvoll sind und das spiegelt sich jetzt im Erwachsensein … Ich bin so unendlich dankbar und voller Liebe.
    Vielen Dank für dich, du hast so toll geschrieben.
    Hab einen gesegneten Tag, herzliche Grüsse Petra

    1. Natalia

      22. Juni 2017 at 9:28

      Liebe Petra! DA geht mir das Herz auf! Ich freue mich wahnsinnig mit dir und euch, dass ihr diesen Schatz in das Leben eurer Kinder gelegt habt und dass ihr, als Eltern, das Gold nun glänzen seht! Wunderbar!

  2. Unbekannt

    22. Juni 2017 at 10:33

    Dieser Text hat mich wirklich beruehrt und ich wuerde mir wuenschen, wenn jedes Kind so wie Deine Tochter mit diesem Thema umgehen kann. Danke!

    1. Natalia

      22. Juni 2017 at 10:47

      Danke für deine Worte. Das wünsche ich auch jedem Kind. Und ich wünsche ihm Eltern, die ihm helfen, diese Worte zu finden.

  3. Seraina Hartmann

    22. Juni 2017 at 11:31

    Liebe Natalia

    Du sprichst mir so sehr aus dem Herzen. Dein Text berührt mich so sehr, dass die Tränen über mein Gesicht laufen.
    Wir halten es genau so. Wie sollte sich sonst meine kleinere Tochter fühlen, die, obschon sie ihr Bestes gibt, niemals an die guten Noten der älteren Tochter herankommt. Wir feiern den Schulabschluss, ein grosser Abschnitt in ihrem bisher kurzen Leben. Ich möchte nie, dass sich unsere Kinder nur dann wertvoll fühlen, wenn sie gute Noten nach Hause bringen. Nein, sie sind ganz wertvolle und liebenswerte Wesen, auch nur schon durch ihr “da sein.”
    Danke.

  4. Rebecca

    22. Juni 2017 at 14:38

    Der dem Text zugrunde liegende Gedanke, seinem Kind zu vermitteln, dass man es unabhängig von seiner Leistung liebt und akzeptiert, findet meine ganze Unterstützung. Das ist wichtig und wir Eltern könnten das oft wohl noch optimieren. Ich mag das aber differenzierter sehen: Eine Belohnung kann man auch als Anerkennung verstehen (Eine Gehaltserhöhung ist verdinglichte Anerkennung). Wenn wir uns als Eltern Zeit nehmen, Anerkennung auch durch Worte und Gesten ausdrücken und es nicht nur dabei belassen, nebenbei einen Schein zu zu stecken, finde ich das in Ordnung. Ich verstehe die Befürchtung, dass das Kind durch die Belohnung vermehrt glauben könnte, die Leistung bringen zu müssen oder gar ohne Leistung weniger geliebt zu werden. Das Problem entfällt aber meiner Meinung nach bei Kindern, die genügend “Rückenwind” bekommen. Ist Kindern bewusst, dass sie in ihrem Sosein von den Eltern akzeptiert werden, ärgern sie sich zwar auch kurz über (schlechte) Noten, aber haben genügend “emotionalen Rüstspeck” um sich nicht, minderwertig vorzukommen – wie das Mädchen im Text. Das bißchen Ärgern über die Noten ist gar nicht so schlecht. Immerhin kann es anspornen (Wenn der Ärger nur klein ist und das Ziel erreichbar erscheint). Wie man auf ein Zeugnis “richtig” reagiert, hängt auch vom Kind ab. Wenn ein Kind locker zu einer Zwei fähig wäre und sich aus Bequemlichkeit mit einer Vier zufrieden gibt, darf man als Elternteil schon sagen, dass man glaubt, dass es mehr erreichen könnte. Ebenso “falsch” wäre es, ein Kind, dass unter größter Anstrengung eine Vier erreicht hat, ohne irgendeine Form der Anerkennung stehen zu lassen (Da ist mir das kommentarlose Überreichen eines Scheines lieber als gar keine Anerkennung). Der richtige Umgang mit Noten ist eben ein Abwägespiel: Über Noten werden Lebenschancen verteilt (So doof man das finden kann). Als vorsorgender Begleiter seines Kindes ist es weder ratsam, diesen Fakt zu ignorieren und das Kind “einfach machen zu lassen” noch überzureagieren und bei einer Drei einen Nachhilfelehrer zu engagieren.

    1. Natalia

      23. Juni 2017 at 10:32

      Liebe Rebecca, dass hast du ganz wunderbar geschrieben und zusammengefasst. DA bin ich absolut deiner Meinung. In ALLEN Punkten. Auf den “Rückenwind” und den “emotionalen Rüstspeck” (großartig!) kommt es an. Ich finde Belohnungen und Verstärkung absolut notwendig und wichtig, aber auch, wie du schreibst das Anspornen, Ermutigen und Herausfordern. Danke für deinen Beitrag!

  5. Verena Küsters

    22. Juni 2017 at 20:33

    Wie in jedem Jahr sitze ich um dies Zeit und schreibe Zeugnisse. Ich muss meine 26 Kinder der Jahrgangsstufen 1-4 benoten und beurteilen. Wir haben dafür ein Zeugnisprogramm. Damit soll es einfacher sein. Textbausteine auswählen, anklicken, evtl. anpassen und schon fertig. Kein Platz für persönliches, für besondere Erlebnisse, überstandene Tiefs und unglaubliche Entwicklungssprünge. Unsere arabisch sprechenden Eltern verstehen es schon gar nicht. Kein Zeugnis, dass ich unseren Kindern wünsche. Ich schreibe seit einigen Jahren zu den Zeugnissen persönliche Briefe, um meine Kinder in die Ferien zu verabschieden. In diesem Jahr möchte ich die Briefe für meine DAZ-Kinder übersetzen lassen. Ich finde es schade, dass wir solche Zeugnisse schreiben müssen. Die Leistung der Kinder kommt dabei gar nicht deutlich zum Vorschein. Ich brauche keine Zeugnisse, um den Kindern zu sagen, wie toll sie sind und dass sie ihr Bestes gegeben haben. Sie haben sich die Ferien wirklich verdient. Und wer das nicht glaubt, kann gerne noch mal die Schulbank drücken!

  6. Katharina

    1. Juli 2017 at 23:30

    Liebe Natalia,
    vor einigen Tagen habe ich zufällig deinen Text über Facebook gelesen. Einer Freundin hatte er gefallen und ich stöberte halt grad herum, müde vom Formulieren der Zeugnistexte meines ersten Schuljahres.
    Und ich muss zugeben, dein Text hat mich gerade in dieser Situation wirklich berührt. Wenn ich Zeugnisse schreibe, stelle ich mir gerne vor, wie die Eltern den Kindern diese Texte zuhause vorlesen und ich freue mich, bei der Vorstellung, dass die Kinder sich über die von mir geschriebenen Kommentare freuen. Aber als ich deinen Text las, fielen mir sofort die Kinder ein, die mich in diesem Schuljahr besonders herausgefordert haben. Bei deren Zeugnissen ich ein schlechtes Gefühl hatte, weil ich enttäuscht darüber war, dass ich viele Sätze anfangen, musste mit “Er hat noch Schwierigkeiten…”, “Sie ist noch nicht in der Lage…”, “Große Mühe bereitet ihr noch…” und mir vorstellen konnte, dass auch sie sich freundlichere, aufmunternde Worte gewünscht hätten. Schon beim Schreiben hatte ich mich unwohl gefühlt, aber die Formulierungen, die auch in den Zeugnisprogrammen so zu finden sind, schienen nunmal passend zu den Kompetenzerwartungen, die gestellt werden.
    Daraufhin habe ich mir alle Kommentare noch einmal durchgelesen und viele kamen mir noch viel negativer vor, als ich es in Erinnerung hatte. Ich habe mich gefragt, woran es liegt, dass ich das Gefühl habe, so viel erwähnen zu müssen, was noch nicht funktioniert, obwohl doch alle Kinder sich ein ganzes Jahr lang weiterentwickelt haben. Als Grund fiel mir eigentlich nur ein, dass ich das Gefühl habe, mich jetzt schon “offiziell absichern” zu müssen, falls irgendwann, wenn es Noten gibt, nicht überall eine 1 steht. Ganz nach dem Motto: Das hat sich ja von Beginn an abgezeichnet, dass es in diesem Bereich Probleme gab.
    Jetzt dachte ich mir aber: Da müssen doch Dinge zu finden sein, die jedes, auch das vermeintlich schwache, chaotische Kind, dazugelernt haben! Und haben dieses nicht auch verdient, dass seine Leistung deutlich gewürdigt und im Zeugnis erwähnt wird?
    Ich habe mir also alle Zeugnisse noch einmal vorgenommen und in dieser Woche umgeschrieben.
    Die Zeugnisse sehen jetzt deutlich anders aus. Natürlich spiegeln sie immer noch den aktuellen Stand der Kinder wieder, aber (ich hoffe, dass mir das gelungen ist) der Ton ist ein anderer.
    Vielen Dank, für deine Worte! Ich glaube, dass einige Kinder meiner Klasse sich in diesem Jahr deutlich mehr über die Zeugnisse freuen werden, als sie es getan hätten, wenn ich deinen Text nicht gelesen hätte!

    1. Natalia

      2. Juli 2017 at 21:31

      Liebe Katharina, was bist du für eine feine, großartige Lehrerin. Wie hast du deine Kinder im Blick und ich danke dir dafür: für dein Herz. Für deine Gedanken. Dafür: dass du wirklich einen Unterschied für sie machst. Wie wunderbar! Und dass die Zeugnisse den Stand der Dinge widerspiegeln soll und muss ja so sein. DAS ist ja deine Aufgabe. Aber dass sie eine andere Färbung bekommen haben, das bewegt mein Herz. Du kannst sicher sein: deine Mühe war und ist nicht umsonst. Du wirst in jedes Kind ein ermutigendes Samenkorn gelegt haben. Und es wird aufgehen!

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