Es ist nie zu spät

“Ein Schiff, das im Hafen liegt, ist sicher vor dem Sturm. Aber dafür sind Schiffe nicht gebaut.” John A. Shedd

“Auf Bäume klettern”, habe ich zu meinem Mann vor kurzem gesagt. “Ich bin so traurig, dass ich nie auf Bäume geklettert bin.” Und dann ist da diese Stille, weil es dem nichts hinzuzufügen gibt. Außer, dass man traurig ist, dass es so ist. Das Gefühl von: VORBEI. Und das geht mir mit manchen Dingen so. VORBEI. Einfach, weil man bestimmte Dinge einfach besser als Kind lernt und macht und ausprobiert. Weil man dann meistens mehr wagt und der Körper einem bei Stürzen gnädiger ist.

Ich habe mich mein Leben lang nach Sicherheit gesehnt. Und ich glaube auch, dass das der Grund ist, warum ich so vieles als Kind nicht gewagt habe. Ich habe mich nicht sicher gefühlt. Nein, gar nicht aus dem Grund, dass es zu schwer oder gefährlich sein könnte. Am meisten VER-UN-SICHERT hat mich die Angst

  • was DENKEN die anderen von mir?
  • ich bin die EINZIGE, die es nicht kann…
  • ich werde dabei BLÖD aussehen
  • ALLE können das, außer ich…
  • WOHIN mit mir, wenn ich versage?

Irgendwann habe ich mal aufgeschrieben, was ich gerne ausprobiert und gewagt HÄTTE, aber aus den obigen Gründen NICHT gewagt habe. Es war eine volle Seite Papier. Und je länger die Liste wurde, desto mehr habe ich geheult. Über mich, dass ich so vieles nicht gewagt habe und auch deswegen heute nicht kann. Geheult aus Enttäuschung. Und auch aus Wut. Über mich und alle anderen. Denn in so Augenblicken spüren wir ja ganz deutlich: DAFÜR sind Schiffe NICHT gebaut. Und wir auch nicht.

“Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit”

DOCH. IST. ES.

Sorry. Ich weiß, dass meine Ansicht nicht so beliebt ist, wie die Magneten für den Kühlschrank und die Postkarten mit diesem Satz. Der, ja, was soll der eigentlich? EIGENTLICH soll er ermutigen. Eigentlich. Es gibt nur eine kleines Problem: die Kindheit ist vorbei. Und man kann die Zeit auch NICHT zurückdrehen. Auch, wenn wir uns das manchmal wünschen würden. Doch, es ist definitiv zu spät für eine glückliche Kindheit. ABER NICHT für ein glückliches Leben. Denn zum Glück, haben wir die wunderbare Möglichkeit, uns mit uns auseinander zu setzen.

Mit dem, was wir wollen.

Mit dem, was wir NICHT mehr wollen.

Mit dem, was so bleiben kann und darf und soll.

Mit dem, was sich ändern könnte.

Und HIER beginnt die GUTE Nachricht: DU kannst DEINE Geschichte WEITERSCHREIBEN.

Und ja, da sind die ersten Schritt manchmal ganz schön wackelig. Und man ist überrascht, wie TIEF sich so Muster in unser Gehirn und Herz gegraben haben. So tief, dass wir vor bestimmten Dingen zurückschrecken, weil ein paar alte Bekannte einem fröhlich auf die Schulter klopfen. Und diese alten Bekannten waren bei mir vor ein paar Tagen fröhliche Menschen, die UM die Eislaufbahn in Essen standen. Volksfeststimmung. Musik. Buden. Und lauter Menschen auf dem Eis. Die GEFÜHLT alle Schlittschuh laufen können. Das war schon: schlimm. Aber noch viel, viel schlimmer waren die Menschen, die UM die Eisbahn herumstanden und nichts anders taten als: ZUSCHAUEN.

Wir wollten als Familie gerne auf’s Eis. Große Vorfreude. Mein Mann läuft ziemlich gut. Meine älteste Tochter auch. Mein Sohn stürzt sich einfach wie ein Wilder ins Getümmel und meine Jüngste hat einen kleinen, freundlich schauenden Pinguin als Begleiter an ihrer Seite.

Und ich? Ich fühle mich wie ein kleines Mädchen. Und ich sehe mich, wie ich als Kind heulend am See sitze und meine langen, kalten,  nassen Schnürsenkel nicht zu bekommen. Weil sie nass und ekelig sind und ich sauer, weil schon ALLE fahren. Nur ich nicht.

Und so spüre ich, wie mein Herz gefriert, was weniger an der äußeren Kälte als an der Inneren liegt. “Ich komme nicht mit”, sage ich. Enttäuschte Gesichter. “Das macht mir gar nichts aus. Ich warte hier auf euch.”

WAS soll ich denn auch sonst sagen?

Meine Familie steht an der Kasse und ich stehe abseits. Mein Mann bezahlt. “Willst du wirklich nicht?”, fragt er. “Trauen Se sich ruhich, hier zählt doch nur der Spasssss!”, ermuntert mich die Frau im Kassenhäuschen. Und ich kann es selbst nicht so recht glauben, dass ich nun doch mit ein paar Schlittschuhen auf der Bank sitze. Weiß. Wie damals. Zum Schnüren. Wie damals. Klatschnaß. Wie damals. Kalt. Wie damals. Ekelig. Wie damals. Aber: ich komme klar. Ich komme klar. Und wage mich auf’s Eis und laufe irgendwie in die hinterste Ecke. Ohne Hinfallen. Und: ÜBERRASCHUNG: niemand hat gelacht. Niemand hat mich wahrgenommen. Warum auch?!

Und so löst sich langsam die Spannung. Und so langsam löse ich mich von meinem Alibi “Komm, ich helfe dir, mein Schatz” und lasse die Griffe des freundlichen Tieres meiner fünfjährigen Tochter los. Und es wird langsam dunkel. Ein Lichternetz taucht alles in goldenes Licht und die Boxen dröhnen. Der DJ erfüllt jeden Wunsch. Eine bizarre Mischung von “Biene Maja” bis “Queen”. Und mit jeder Runde fühlt es sich besser an. Der Oberkörper richtet sich auf. Die Arme hängen schon fast lässig an meiner Seite.

Und dann spielen sie doch tatsächlich “Time to say goodbye.” Und ich spüre den Wind in meinen Haaren und ein Lächeln im Gesicht. Und ach, ich fahre gefühlt: so schnell! Und ich fühle mich so groß. Und toll. Ach, ein wunderbares Gefühl. Es war so ein erfüllter Nachmittag. Wir.Alle. Zusammen.

Und dann setzte ich mich am nächsten Tag hin und schreibe eine neue Liste. So zusagen eine bucket-list. Eine, die ich noch dieses Jahr abhaken möchte. Für den einen oder anderen KEINE großen Ziele oder Dinge. Aber für mich schon. Unter anderem steht darauf:

  • eine Wand streichen
  • mit der Bohrmaschine arbeiten können
  • Stricken lernen
  • Videos von mir drehen
  • Wellenreiten
  • Alleine in einem Café sitzen
  • etwas malen

und noch ein paar Sachen, die nur für mich bestimmt sind…

Und die größte Freude ist die VORFREUDE. Nicht nur darauf, dass ich Neues lernen und ausprobieren werde. Sondern darauf, dass ich mit jedem DURCHSTREICHEN ein Stück mehr zu mir gekommen bin.

Und ich möchte dir Mut machen, das auch für dich zu wagen. Und nein, es geht nicht darum die Komfortzone zu verlassen. Das fühlt sich ja geradezu einfach an, wenn man sich an diese alten Themen wagt, mit denen man alles andere als komfortabel unterwegs ist. Es geht um VIEL MEHR.

DU bist verantwortlich, wie DEINE Geschichte weitergeht. DU hast den Stift in der Hand. Es ist an dir, die Seiten zu füllen. Und das dürfen und können und sollen Schritte sein, die zu deinen Füßen passen. Und nicht zu denen der anderen.

Es ist nie zu spät. Und deshalb gibt es heute noch was für deine Kühlschrank. Oder so. Zum downloaden:

Und erinnere dich immer und immer wieder daran: es ist NIE zu spät.

Und ermutige, was das Zeug hält. Dich und andere.

Sei dir gut ❤

Deine Natalia

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  1. Yvonne

    8. Februar 2018 at 8:47

    …. was musste ich lachen bei dem Alibi mit dem Pinguin. NEIN, nicht auslachen, sondern mich selbst ertappen. Glückwunsch Sie haben sich das getraut, ich mich nicht. Ich bin als Jugendliche häufig und gar nicht schlecht gefahren, aber sehr lange nicht mehr. Und so habe ich mich nicht ins Getümmel gewagt, obwohl es gereizt hat. Blöd im Nachhinein. Ähnlich war es am Atlantik letztes Jahr mit Bodyboarding.
    ABER: dieses Jahr decke ich mich im Vorfeld bei Decathlon ein UND LOS GEHTS ….. und ganz bestimmt werde ich wie der Rest der Familie Spaß haben.
    Danke für den Impuls mit der Liste, glaube die wird auch voll.
    Viele Grüße

    1. Natalia

      8. Februar 2018 at 22:38

      GENAU! Wir stehen uns selbst so oft im Wege um nehmen uns die Möglichkeiten, OBWOHL wir sie so gerne machen würden. Ab zu Decathlon und LOS! Wunderbar!

  2. Alex von livelifegreen

    8. Februar 2018 at 8:53

    Liebe Natalia,
    Du hast wirklich eine große Gabe. Du erzählst uns Geschichten. Geschichten, die eigentlich jeder kennt und schon mal so oder so ähnlich erlebt hat. Und du bringst sie für uns in einen größeren Zusammenhang. Du hilfst uns klarer zu sehen und unsere Zukunft zu gestalten. Aktiv und nicht nur passiv…
    Danke dafür
    Deine Alex
    😍😘

    1. Natalia

      8. Februar 2018 at 22:37

      Liebe Alex. Von Herzen DANKE für diese Worte. Sie erfüllen und erfreuen mich so sehr. Ach, danke!

  3. Conny

    8. Februar 2018 at 9:23

    So ähnlich ging es mir letztes Jahr in Italien. Strahlender Sonnenschein. Gefühlt 100 Leute besteigen fröhlich lachend ein Motorboot nach dem anderen. Und ich- ich stehe da und würde auch gerne und traue mich nicht. Irgendwann kam aber der Punkt und ich sagte zu meinem Mann: ich will das jetzt auch. Was soll ich sagen, ich hab es getan und es War das beste was ich je tun konnte. An meinem 46jährigem Geburtstag eine runde mit einem kleinen Motorboot auf dem gardasee. Befreiung, stolz und auch die Akzeptanz, das man mal was wagen muss um weiter zu kommen.❤

    1. Natalia

      8. Februar 2018 at 22:36

      JAAAA Conny! Herzlichen Glückwunsch! Wie mutig von dir und wie wunderbar. Befreiung und Stolz – was könnte es für größere Geschenke zum Geburtstag geben! WOW!

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