Freischwimmen

“The only way to do it is through it.” 

Manchmal muss man mitten durch. Es auf die harte Tour lernen. Beispielsweise dann, wenn man merkt, dass man vermeintlichen Erwartungen von außen her betrachtet nicht erfüllen kann.

Ich hatte bisher in meinem Leben zwei Wörter komplett gestrichen. Angst und Schwäche. Das ist natürlich nicht wahr. Nein, es ist komplett gelogen und doch war das meine Wahrnehmung. Mein Selbstbild. Mein Blick in den Spiegel. Warum ich diese beiden Wörter aus meinem Leben gestrichen habe, weiß ich (noch) nicht. Aber ganz sicher war es keine bewusste Entscheidung. Ganz sicher aber ist, dass positiven Erfahrungen, die Anerkennung und Rückmeldung von außen aber so gut waren, dass es sich für mich lange Zeit gelohnt hat, diesen beiden Wörtern keinen Raum in meinem Kopf und Herzen zu geben. Fühlt sich auch besser an. Furchtlos und voller Stärke.

Dachte ich.

Bleibt alles anders

Und doch ist das Leben ja so wunderbar und wild und gefährlich, dass einen der Fluss des Lebens doch immer mal wieder von den Füßen und auf den Boden der Tatsachen holt. (WENN wir dazu bereit sind, denn angenehm ist es meistens nicht.) Am Anfang merkt man nur: “Es stimmt was nicht.”

Bei mir ist dies nun schon seit vielen Wochen so. Was nicht stimmt? Ganz einfach: ich kann nicht schreiben. Immer mal wieder kleine Versuche, aber zu einem Beitrag wie diesem, der mir ENDLICH wieder aus dem Herzen und aus dem Fingern rinnt, reichte es nie. “Kreative Pausen sind ja auch mal ganz gut”, habe ich mir eingeredet. Habe ich es mir schöngeredet. Aber jedes Mal, wenn ich schreiben wollte, merkte ich: es ging nicht. Und das machte mir zunehmend Sorge. Es fühlte sich an, als wenn ein Körperteil nicht richtig funktioniert. Und das war auch so. Blockade im Kopf und in den Fingern. Im Herzen sowieso. Und warum?

Eine alte Bekannte

Vielleicht kennst du das auch. Man trifft jemanden, der in einem Unbehagen auslöst und dann meidet man so oft es geht die Begegnung. Nimmt auch mal einen Umweg in Kauf, meidet ein Event, löst sich vielleicht sogar aus bestimmten Kontakten, damit man IHR nicht begegnet. Meine alte Bekannte wagte es diesmal sogar solange an meine Tür zu klopfen, bis ich nachgeben und ihr die Tür geöffnet habe. Meine alte Bekannte ist die Angst und sie zeigt sich in verschiedenen Facetten:

Die Angst nicht zu genügen. Die Angst es nicht richtig zu machen. Die Angst, nicht zu genug zu sein. Die Angst… die Liste ist lang.

Ganz ehrlich – das hatte ich nicht auf der Kette. Drückt man ja lieber weg. Überspielt es lieber und fühlt sich gut. Logisch, oder? Das Problem ist jedoch: WENN man die Tür aufgemacht hat, dann geht das aber nicht mehr. Und so habe ich mich in den letzten Wochen meiner Angst ergeben und versucht, die Spannung auszuhalten. Im Aushalten ist mir klar geworden, warum ich nicht mehr im Flow war, warum sich das, was ich liebe und mir Energie gibt, nicht mehr aus ganzem Herzen konnte. Und es war ganz und gar einfach: ich habe meinen Kopf ÜBER mein Herz gestellt. Und DAS passiert mir sehr selten.

Erwartungen

Ich habe mein Vertrauen in MICH verloren. Vielleicht kennst du das auch: du machst etwas, das dir Spaß macht. Backen, Kochen, Nähen, Basteln, Schreiben, Singen, im Garten sein, was auch immer. You name it. Du machst es einfach so. Ohne darüber nachzudenken. Es füllt dich aus. Es gibt dir Energie. Es kostet dich nichts. Auch nicht deine Zeit. Du bekommst Rückmeldungen. Gute. DAS spornt dich an. Du spürst: “Da geht noch mehr”, aber auch “Ich musst noch viel lernen. Da gibt es noch ganz viel, was ich nicht kann und weiß.” Und die Neugier und Lust besser zu werden führen dazu, dass du anfängst zu schauen, wie die Anderen das machen. Nicht, weil du dich vergleichen willst, sondern weil du von den Besten lernen willst. Und DAS ist ratsam und eine durch und durch gute Entscheidung.

Mit all den neuen Tools die ich gelernt habe, wurde meine to-do Liste immer länger und mein innerer Druck höher. Wenn ich ALLES RICHTIG machen will (und ich WILL immer aller RICHTIG machen), dann muss ich:

  • gefühlt dauerhaft präsent auf social-media sein
  • am besten Videos machen
  • suchmaschinenoptimiert schreiben
  • alle meine Bilder beschriften
  • alle Kommentare beantworten
  • mich nah und authentisch geben
  • professionell sein
  • meinen Expertenstatus ausbauen
  • meine Veranstaltungen bewerben
  • unternehmerisch denken
  • “schöne” Bilder hochladen
  • meine Zielgruppe kennen
  • besser verkaufen (vor allem mich)
  • in vier Monaten 6-stellig werden (nervt euch diese Dauerbeschallung auch so??!)
  • auf verschiedenen Plattformen aktiv und präsent sein (am besten OHNE doppelten Content)
  • keine Werbung machen, ohne dies zu kennzeichnen
  • meine Website an die neusten Bestimmungen und Verordnungen anpassen
  • eigentlich meinen Namen und mich zur Marke machen
  • und…
  • und WTF?!

Ich habe gemerkt: “Das kann ich alles gar nicht” und vor allem: “Das WILL ich alles gar nicht!” Nicht alles. Nicht auf einmal. Nicht sofort. Nicht immer.

Und ich bin mir sicher, dass das auf sehr viele Menschen und auf unterschiedlich Themen übertragbar ist: “Wenn ich eine gute Mutter/Vater sein will”, “wenn ich …” – you name it! Immer dann, wenn wir einem Bild oder einer Erwartung ansprechen wollen. Und wenn wir dann noch das Gefühl haben nicht zu genügen, nicht gut genug zu sein, nicht gesehen zu werden, dann passiert folgendes: wir machen uns komplett und total verrückt. Dann gibt es die Einen, die fühlen sich gleich so überfordert, dass sie sich zurückziehen und die Anderen, die noch ne Schippe drauflegen und alles geben und noch mehr, nur um es zu schaffen. Aber wie so oft, fällt man so leicht von einer Seite des Pferdes und sollte doch eher den goldenen Mittelweg suchen. Und wenn man da nicht so gut drin ist, so wie ich, dann muss man das erstmal lernen.

Sich eingestehen

Mir ist nämlich (wieder) etwas passiert, was ich gut kenne, aber schon verdrängt hatte: mich an die (scheinbaren) Erwartungen von Anderen anzupassen. Ich war früher mal in einer Beziehung, in der ich nie genügte. Immer gab es etwas zu meckern und ich habe mich komplett umgebaut. Und dann wurde die Beziehung beendet mit der Begründung, “dass ich gar nicht mehr die sei, wie am Anfang.” Ganz ehrlich: ich habe es einfach nicht verstanden. Ich HATTE doch ALLES getan, um zu gefallen, gesehen, geliebt zu werden und zu genügen. Weil ich mich daran so geklammert habe, habe ich mich selbst verloren. Danach musste ich mich erstmal wiederfinden und das für GUT befinden, was vorher war.

Und so ging es mir auch mit dem Schreiben hier. Darauf zu vertrauen, dass es gut so ist, wie mein Herz und Bauch mir das sagt. Zu schauen, wo ich Gelerntes anwenden kann, ohne, dass es mich bestimmt. Mich freizusetzen, dass nicht die Reichweite mein Leben bestimmt, sondern immer noch ich selbst. Mir die Freiheit zu nehmen, nicht SOFORT auf jede Nachricht zu antworten oder zu kommentieren, auch wenn mir das System dann sofort meldet, dass ich mich mehr anstrengen müsste, wenn ich die Quote beibehalten oder steigern will. Und so weiter.

Ich habe mich wie in einem Hamsterrad gefühlt: gearbeitet ohne Ende und leider gefühlt ohne Ergebnis. Denn ich war NIE zufrieden. Mich selbst runtergemacht, mich selbst belogen, alles schöngeredet, bis ich gemerkt habe: ich kann nicht mehr schreiben. Und deshalb auch nicht mehr gut schlafen und deshalb auch nicht mehr gut arbeiten und deshalb wie verrückt im Außen zu sein und noch mehr und noch mehr zu machen, bis man an dem Punkt ist, dass es nicht mehr geht. Bis einem klar ist: so und nicht weiter.

Warum?

Weil man merkt, dass man so ist, wie man NIE sein wollte indem man werden wollte, wie die Anderen.  Und sich das einzugestehen ist hart. Mühsam und verdammt einsam.

“The only way to do it is through it.” 

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„Mama, fühlst du dich manchmal alleine?“, hat mich meine Tochter im Urlaub gefragt. Nur wir beide unterwegs. „Ja, immer wieder mal“, habe ich ihr geantwortet. Dann, wenn ich das Gefühl habe, dass mich niemand versteht. Oder, dass ich die Einzige bin, die etwas so sieht oder empfindet. Manchmal auch in der Partnerschaft. Immer dann, wenn man an Kreuzungen steht. Wenn man sich verloren hat. Und das Gefühl ist manchmal schwer auszuhalten. Alleine sein. Denn wenn man sich alleine fühlt ist das etwas ganz!anderes, als wenn man es wagt alleine zu sein, weil man es so will. Und so fällt mir heute am Kamin diese so wahre Liedzeile ein, die mir meine Freundin schenkte: „Allein – wir sind allein wir kommen und wir gehen ganz allein wir mögen noch so sehr geliebt, von Zuneigung umgeben sein die Kreuzwege des Lebens gehen wir immer ganz allein.“ und ich spüre diesen Zeilen nach und fühle jedes Wort und doch auch diese Wahrheit: wenn du mit dir verbunden bist. Liebevoll. Annehmend, dann bist du nie ganz und gar alleine. Und das ist ein großer Trost, nicht wahr? #liebedichselbst #seidirgut #einlassen #loslassen #ermutigung #zufrieden #ruhe #allein #ich #gewohnheiten #persönlichkeitsentwicklung #reinhardmey #verbundenheit

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Learn how to surf

Und dann heißt es: zurück auf los. Wenn man sich etwas eingesteht, dann übernimmt man Verantwortung für sein Leben. Wenn man SEINEN ANTEIL anerkennt und sagt: “Das ist meins und die Schuld an der Situation kann ich NIEMANDEM in die Schuhe schieben.” Wenn man merkt, dass vielleicht sogar NIEMAND eine Erwartung hatte, nur man selbst. Oh ja, dann wird man demütig. Aber dann ist es wieder möglich, dass man einen Schritt zurücktritt und neu IN KONTAKT mit sich kommt. Wenn man das tut, kann man wieder klar sehen, denken und die Richtung ändern.

Das was ich als Erstes gemacht habe war: mich auf’s Brett zu trauen. Das will ich nämlich schon seit vielen Jahren. Aber mich hatte mal wieder die Angst am Wickel: “Wie die Presswurst in Neopren und dann auch noch in der Öffentlichkeit – nein danke!” und so wurde da nichts draus. Aber in diesem Sommer habe ich es endlich gewagt und ich kann nur sagen: try it!

Egal, wovor du dich gerade drückst, egal, was du dir gerade nicht zutraust, weil du meinst, dass du es nicht könntest, oder weil du es noch nicht kannst oder nicht so “wie man es macht”, dann sag ich dir: “Schnapp dir dein Brett und lerne zu surfen und zwar die Welle, die gerade in deinem Leben ist!”

 

“Du bist so frei, wie du dich selber lässt.
Vergiss mal die Zeit, vergiss mal deinen Stress.
Wenn irgendwann schwach reicht und alles hier (❤️) wird echt
Herzlich Willkommen, willkommen im JETZT!” (Julia Engelmann)

 

Sei dir gut ❤️

Deine Natalia

P.S: viele Möglichkeiten zum Freischwimmen bei meinen Retreats in der Schweiz und in Koblenz! Lass es dir schenken oder beschenk dich selbst – es wird ganz groß.

P.P.S: Und ja, hier ist alles Werbung aus Überzeugung. Aus Überzeugung für mich, das Leben und Julia Engelmann.

 

 

 

8 Kommentare

  1. Melanie

    11. Oktober 2018 at 8:15

    Liebe Natalia, ich habe heute morgen meinen Vorsatz gebrochen 1 Woche kein Social Media im Urlaub. Nun weiß ich wofür! Danke für die Worte! Genau das habe ich gebraucht heute morgen.

    1. Natalia

      11. Oktober 2018 at 10:32

      Liebe Melanie, wie schön, dass meine Worte in dir Resonanz erzeugt haben! Und nun schnell wieder offline sein! 🙂 Guten Urlaub!!

  2. Susanne

    11. Oktober 2018 at 13:02

    Danke für diesen Beitrag. Ich stecke gerade auch ein bisschen in diesem Hamsterrad. Wer bestimmt eigentlich, was “professionell” bedeutet? Ich schreibe nur Blogbeiträge wenn ich ein Thema habe. Ich habe keinen Redaktionsplan,auch wenn das vielleicht besser wäre. Ich habe meine Homepage noch nicht google-optimiert. Mir fehlt gerade die Zeit dazu weil ich Zeit für mich brauche.Das sind nur zwei Beispiele. Und ja, ich stelle mir auch gerade intensiv die Fragen: “Was will ich und wenn ja wieviel davon?”

    1. Natalia

      12. Oktober 2018 at 21:57

      Sehr gute Frage, was “professionell” bedeutet! Und zwar auf allen Ebenen.

  3. Sophia

    11. Oktober 2018 at 14:23

    Deine Liste oben kommt mir so bekannt vor! Dabei schreibe ich meinen Blog nur zum Spaß und er hat keinen Link zu meinem Job.
    Schwups habe ich bei meinem Kaffee wieder darüber nachgedacht, warum ich das eigentlich mache und was ich mir in Social Media eigentlich vorgenommen hatte anzuschauen. Nämlich genau Leute wie Dich!
    Danke für die wunderbaren Worte – mal wieder – von Herzen!

    1. Natalia

      12. Oktober 2018 at 21:56

      Ach, danke dir! Jetzt muss ich mal unbedingt bei deine Blog vorbeischauen! Danke für deinen Zuspruch und deine Worte.

  4. Tina

    11. Oktober 2018 at 17:18

    Liebe Natalia,
    Wie schön, dass Du zurück bist und wieder schreiben kannst! Ich hatte deine Worte und deinen Blick aufs Leben nämlich schon vermisst. Wenn Du schreibst, hallt das immer lange bei mir nach und dafür bin ich Dir sehr dankbar 😊
    Bis bald mal wieder,
    Tina

    1. Natalia

      12. Oktober 2018 at 21:55

      Danke, liebe Tina, für deine Geduld und deine lieben Worte. Sie klingen in mir nach. Danke dafür.

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