Leben spenden

Es ist viel zu selten, dass ich meinen Mann von der Arbeit abhole. Vor einigen Wochen haben wir ihn überrascht. Er hatte so eine volle Woche und wir haben uns alle kaum gesehen. Da war der geheime Plan: “wir warten nicht, bis er nach Hause kommt, wir holen ihn ab.” Denn nur so hatte es noch Chancen auf ein Spaghetti-Eis gegeben.

Die Klinik, in der mein Mann arbeitet, liegt malerisch. Manchmal schickt er mir morgens Bilder aus seinem Arztzimmer. Hügel im Morgenrot. Pferde, die über die Koppeln traben und Nebel, der das Ganze noch geschmackvoll abrundet. Kaum, dass wir auf die Klink zufahren, könnte ich mich mal wieder total aufregen. Über Menschen, die dort arbeiten und Menschen, die dort jemanden besuchen und Menschen, die dort sein müssen. Es ist eine Lungenklinik und davor, die Besucher und Patienten, und um die Ecke, nicht so sichtbar, stehen Menschen und rauchen. Da könnte ich total ausflippen. Denn in der Klink geht es um Menschen, die etwas an der Lunge haben. Und ich denke mir: “Vielleicht auch einen an der Waffel”, wenn ich das dort draußen sehe. Denn dort liegen auch die Menschen, die eine neue Lunge bekommen haben. Nein, viel mehr: ein neues Leben. Durch eine Organspende.

Hand aufs Herz

Ja, man urteilt mal schnell bei den Themen, bei denen man schon eine Meinung hat. Auch eine feste. Wenn man etwas so gar nicht verstehen oder nachvollziehen kann. Es gibt wenig Themen, zu denen ich KEINE Meinung habe. Aber es gibt eines, dass macht es mir schwer. Nicht, weil die Argumente nicht glasklar sind und auf dem Tisch liegen. Nein, sondern weil das Thema etwas mit MIR zu tun hat, wo ich nicht so gerne hinschauen mag: Organspende.

“Meine Güte – wie kommt sie denn darauf”, fragt ihr euch vielleicht. “Ist ja nichts für einfach so und zwischendurch”. Finde ich auch. Sollte es aber. Ich habe vor einigen Tagen den sehr bewegenden Text von Jule gelesen: Sechs Jahre geschenktes LebenIch lese ihn zufällig. Oder vielleicht auch nicht. Er wird mir bei FB in meine timeline gespült. Und ich lese und lese nochmal. Und bin so bewegt. Jules Bruder ist gestorben. Meiner auch. Ihrem konnte mit einer Organspende noch sechs Jahre Leben geschenkt werden. Meinem nicht. Wäre auch medizinisch gar nicht möglich gewesen. Aber hätten wir als Familie nicht ALLES für noch sechs Jahre geben? Ich denke schon.

Das Thema Organspende ist bei uns immer mal wieder auf dem Tisch. Die Patienten meines Mannes sind die Menschen, die auf die Liste wollen. Die Liste ist die letzte Chance in ihrem Leben. Mich berühren die Geschichten. Mich berührt mein Mann, der so viel mehr als nur Mediziner im Leben dieser Menschen ist. Denn wenn es um Leben und Tod geht, braucht man Mut. Menschlichkeit. Mitgefühl. Respekt. Mein Mann hat einen Organspendeausweis. Ich nicht.

Der Tod und so

Ich schreibe diese Zeilen und schäme mich. WAS ist mein Problem? Ich bekomme sogar jeden Tag mit, was das für die Menschen bedeutet, wenn der Anruf kommt. Die Hoffnung. Und manchmal, wenn ich frage, ob alles gut gegangen ist, dann erschüttert mich die Aussage “Das Organ war leider nicht zu gebrauchen…” Da gab es endlich eines, aber es war schon zu krank. Zu alt. Aber es gibt zu wenige. Man versucht zu nehmen, was da ist.

Und das weiß ich alles. Dennoch zögere ich. Ich weiß auch warum. Es hat einzig und alleine was mit mir zu tun. Mit meiner Auseinandersetzung mit MEINEM Tod. Ich habe gar keine Angst davor. Ich weiß, wohin ich gehe. Es ist eigentlich: alles bestens. Und dennoch habe ich ein diffuses Gefühl in mir, dass ich nicht erklären kann. Irgendwas hält mich ab. Und ich entziehe mich meiner Verantwortung, mich damit auseinander zusetzen. Mit dem Tod und meinem Leben. Auch mit der Frage, was wäre, wenn es HEUTE zu Ende wäre.

Organspende. Ich entscheide mich nicht…

…und das ist feige. Punkt. Denn damit, dass ich mich NICHT entscheide, wälze ich die Verantwortung auf meine Familie ab. Meiner Familie, die vielleicht meinem plötzlichen Unfalltod gegenübersteht. In ihrer Trauer, hoffentlich auch Verzweiflung und all den Dingen, die sie nun regeln müssen, müssen sie auch noch das entscheiden: kann mein Tod Leben spenden? “Mama wollte das nicht”, wird meine Tochter sagen. “Sie ist der perfekte Spender”, wird mein Mann denken. Und dann: welche Last bürde ich ihnen auf, weil ich mich NICHT getraut und entschieden habe. Weil ich keinen Ausweis hatte. Weil ich mich meiner Verantwortung nicht gestellt habe.

Leben spenden

“Was für ein wundervoll geschriebener Text. Ich kann jedes einzelne Wort nachfühlen und weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn dieser Anruf kommt. Wenn es dann heißt: passt leider doch nicht. Wenn der nächste Anruf kommt und man hofft, dass alles gut wird. Ich kenne die unglaubliche Dankbarkeit, die man dem Spender gegenüber empfindet. Die ich bis heute nicht in Worte fassen kann und auch nach mehr als 10 Jahren täglich empfinde. Dankbarkeit, nur wegen einer Organspende meine beste Freundin noch immer an meiner Seite zu haben.”

Diese Zeilen lese ich als Kommentar unter Jules Beitrag, den ich bei FB geteilt habe. Und ich bin gerührt. Und ich will: Verantwortung übernehmen. Für das Leben und für den Tod. Für mich und meine Angehörigen. Ich will Leben spenden. Denn das ist das Schönste, das ich als Frau bisher machen durfte. Ich habe drei Menschen Leben geschenkt. Ich weiß, dass es das Beste und Kostbarste ist, dass ich in meinem Leben habe. Und nun kann ich eine Entscheidung treffen. Leben spenden.

Ich bin dankbar, dass Worte von Menschen in mir Resonanz ausgelöst haben. Die Worte von Jule. Und auch von Sophie von Berlinfreckles, die darüber hier geschrieben hat. Und über deren geteilten Beitrag von Hanse-Mamis zu dem Thema gestolpert bin. Alles in dieser Woche… Und ich danke meinem Mann. Ich bewundere, mit welcher Berufung du deinen Beruf lebst. Wie du jeden Tag Leben spendest und Hoffnung schenkst. Und da Trost schenkst, wo das Leben aufhört und auch aufhören darf.

Genießt das Leben. Es ist so kostbar. Es atmet dich.

Spendest du Leben?

Sei dir gut ❤

eure Natalia

PS: rührt mich zu Tränen:

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von YouTube nachzuladen.
Inhalt laden

PGlmcmFtZSBjbGFzcz0neW91dHViZS1wbGF5ZXInIHR5cGU9J3RleHQvaHRtbCcgd2lkdGg9JzExNzAnIGhlaWdodD0nNjU5JyBzcmM9J2h0dHBzOi8vd3d3LnlvdXR1YmUtbm9jb29raWUuY29tL2VtYmVkL1B0b1BhZF9QU2U0P3ZlcnNpb249MyYnIGFsbG93ZnVsbHNjcmVlbj0ndHJ1ZScgc3R5bGU9J2JvcmRlcjowOyc+PC9pZnJhbWU+

6 Kommentare

  1. Katja

    21. April 2018 at 21:26

    Wie schön geschrieben, Natalia! Und wie schön, dass du jetzt noch mehr Leben spendest.
    Ja, ich spende auch Leben. Ich habe schon lange einen Organspendeausweis. Da musste ich gar nicht drüber nachdenken. Aber das muss jeder selber wissen. Trotzdem wäre ich dafür, dass man widersprechen müsste, wenn man es NICHT möchte und ansonsten automatisch Spender wäre.

    1. Natalia

      24. April 2018 at 11:03

      Liebe Katja, danke für deine Worte! Und ja, ich sehe das so wie du: man müsse widersprechen, wenn man es nicht möchte. Und dann hat man auch selbst keinen Anspruch auf ein Organ.

  2. Conny

    21. April 2018 at 21:27

    Ich hab den Ausweis und meine Familie auch. Mit meinem Sohn hab ich darüber geredet als er 18 wurde. Auch er hat sich dafür entschieden. Eben aus dem Grund nicht die Angehörigen mit der Entscheidung zu belasten. Ich kann mit meinen Organen nix mehr anfangen , wenn es mal soweit kommt. Ich kann aber ganz vielen Menschen Zeit und neue Hoffnung schenken.

    1. Natalia

      24. April 2018 at 11:04

      Wie toll, Conny, dass du auch mit deinen Kindern darüber gesprochen hast. Und es ist so wichtig, dass im Vorfeld alles geklärt ist. Ich glaube, wir scheuen uns so sehr davor, weil wir uns dann mit dem Thema der eigenen Endlichkeit auseinandersetzten müssen. Dabei ist es so gut zu wissen, dass man weiß, wie man entscheiden soll und was die Wünsche des Anderen wären.

  3. Gertraud Döring

    22. April 2018 at 15:33

    Das ist sehr anrührend ehrlich. Danke dafür und auch für die Sicht auf die Ärzte, die so einen tollen Job machen und die für ihre Arbeit und Zuwendung ganz viel Hochachtung verdienen.

    1. Natalia

      24. April 2018 at 11:21

      Danke für die Worte. Ja, das ganze Team, das dahinter steht leistet enormes. ICH möchte diese Verantwortung nicht auf meinen Schultern haben. Es verdient wirklich Hochachtung.

Kommentar verfassen