Ostern schwimmt unten

Ich kämpfe gegen Windmühlen. Ich tue das jeden Abend auf’s Neue. Es gelingt mir nicht, eine Vinaigrette herzustellen. Ich muss wie wild schütteln. Oder verquirlen. Ich habe alles versucht, aber das Ergebnis ist – auf lange Sicht – ernüchternd. Das, was mit absoluter Sicherheit passieren wird, ist: Der Essig trennt sich vom Öl. Der Essig schwimmt oben. Das Öl schwimmt unten. Egal, wie sehr ich mich bemühe. WENN sie sich mischen und vor allem gemischt bleiben sollen, braucht es einen Emulgator. Senf oder so. Ich glaube, dass wir in unserem Leben viel zu oft einen Emulgator benutzen. Einen, der etwas vermischen soll. So, dass man das eine oder andere nicht mehr sieht. Oder wahrnimmt. Vielleicht auch: Spürt. Sieht ja auf dem ersten Blick auch viel schöner aus, so gemischt. Und so ist es mit Ostern auch. Die Häschen – ja und unbedingt. Die Eier – auch. Meinetwegen noch eine Prise Auferstehung. Kann nicht schaden. Aber den Tod? Das Leid? Ähm – eher nicht.

Mischen impossible

Ich glaube, dass es uns immer so geht. Wir mischen so lange, bis es sich gut anfühlt. Bis es schön aussieht. Das Gute und das Böse. Die Freude und das Leid. Das Leben und den Tod. So lange mischen und schütteln wir das, was wir nicht so gerne wollen, bis es nicht mehr auffällt. Ich bin  immer wieder erstaunt, was für eine winzige Menge Essig ausreicht, um eine relativ große Menge Öl farblich zu verwandeln. Leider ist es nicht so, dass die Mixtur lange hält. Es sei denn, man bleibt dran. Und zwar aufmerksam und schnell. Dann schüttelt man alles wieder richtig durch. Entspannt  geht aber anders.

Ostern beginnt bitter

“Warum können wir morgen keine Brötchen holen?”, fragt meine Jüngste. “Weil morgen Jesus gestorben ist”, sagt ihr Bruder. Mit dem leicht überheblichen Unterton, der ein “Du Tottel” erahnen lässt. Sofort fängt sie an zu weinen. “Ich will nicht sterben!” “Super Gespräche beim Abendbrot”, denke ich mir und ahne, dass das Zubettgehen heute länger dauern wird. Aber so ist es. Kein Tod ohne Leben. Ohne Weihnachten kein Ostern.Kein Frühling ohne Winter.

Ostern dauert drei Tage

Jep. Vergisst man leicht. Freitag, Samstag, Sonntag. Der Montag ist das Sahnehäubchen. An sich ist mit Sonntag alles gesagt, getan, vollbracht. Diese drei Tage können uns so viel lehren. Vor allem: Dass alles seine Zeit hat und auch alles seine Zeit braucht. Aber wir sind so ungeduldig geworden. Auch, mit unserem Schmerz. Auch, mit einer Entscheidung.

“Ich will einfach nur das es weg ist.” “Ich will einfach wieder glücklich sein.” Oh ja, das ist verständlich und gut nachvollziehbar. Aber das ist leider, leider ein Trugschluss. Der Prozess ist nicht abzukürzen. Wir können ihn durchschütteln. Schön feste, so dass es nach außen alles gut aussieht. Wiederhergestellt. Belastbar. Voll da. Aber unsere Seele  braucht Zeit, damit sie hinterher reisen kann. Wir brauchen Zeit, um Dinge zu verstehen. Um sie verarbeiten, zu verinnerlichen und zu akzeptieren. Und jeder, der bisher Leid in seinem Leben erfahren hat weiß, es gibt immer DEN Tag.

Den Tag,

  • der Diagnose
  • des Anrufes
  • der Nachricht
  • der Trennung
  • des Todes
  • der Kündigung

Und danach kommt ein Zweiter. Meist noch ein Dritter. Manchmal Tage, Wochen, Jahre. Aber niemals, niemals gibt es einen short cut. DER TAG ist der Essig. Das Saure und Bittere. DER TAG ist ein großer Schuss davon. Aber wir alle kennen die kleinen Tropfen, die es schwer und bittere machen. “Ich habe Angst um dieses Kind”, “Ich fühle mich alleine”, “Ich habe Angst”, “Ich weiß nicht, wie es jemals wieder gut werden soll”. “Ich habe keine Hoffnung.” Vor Ostern kommt der Samstag. Zwischenraum. Noch voller Schock. Voller Tränen. Wut. Enttäuschung. Noch: ohne Hoffnung. Essig ist bitter.

Wie kommt man an das Öl?

Vielleicht erinnerst du dich noch die kleinen Plastikflaschen aus dem italienischen Restaurant? Rot-Weiß-kariertes Tischtuch auf dem so ein silbernes Körbchen stand. Darin ein Salz- und Pfefferstreuer und eine Plastikflasche. Unten Öl. Oben Essig. Die Frage schien kulinarisch unlösbar: “WIE kommt man an das Öl?” Ganz einfach, in dem man den Essig ausschüttet. Sollte es wirklich so einfach sein? Diese Lösung hat sich in meinem Herzen breitgemacht. Diesen Impuls habe ich bei Shauna Niequist gefunden. Ich liebe ihr Buch “Present over Perfect“. Ich lese es seit fast zwei Jahren. Immer wieder. Und immer wieder bleibe ich bei diesem Kapitel hängen. Bei “Vinegar and Oil”: “Pour out all the vinegar until it’s gone. (…)Then what you find underneath is the oil, glistening and thick.”

Da, wo Licht hinfallen darf, wird es hell. Wo man seine Schuld eingesteht, kann Versöhnung entstehen. Wenn ich mich verletzlich zeige, kann Mitgefühl wachsen. Bitte ich um Hilfe, kann ich auf Unterstützung hoffen. Da, wo ich meine Bedürfnisse äußere, kann Verständnis entstehen. Trau’ dich den Essig auszuschütten.

Ostern schwimmt unten

Und vielleicht ist es genau das, was uns an Ostern so schwer fällt. Zu glauben, dass es um etwas geht, was bleibt. Etwas, das mit Liebe zu tun hat. Mit Hoffnung. Mit mir. Die Bedeutung von Ostern ist, dass durch den Tod am Kreuz das Leben über den Tod siegt. Die Freude über den Schmerz. Das Gute über das Böse. Ob man das glaubt oder nicht, das ist die Bedeutung von Ostern. Wir können nicht das Schöne ohne den Schmerz haben. Der Schmerz schwimmt oben. Leben schwimmt unten.

Ich wünsche dir frohe Ostern. Mit bunten Eiern und Hasen aus Schokolade. Und der Gewissheit, dass es sich lohnt, den Essig auszuschütten. Wahrzunehmen und aufzuhören zu mischen. Raus damit. Im Vertrauen, dass darunter ganz viel Gutes auf dich wartet.

Sei dir gut ❤

Deine Natalia

PS: wir haben im letzten Jahr ein wahres Osterwunder erlebt. Wenn du es erfahren möchtest: hier geht es lang!

 

  1. Susanne

    30. März 2018 at 9:11

    Dein Beitrag hat mich gerade sehr gepackt. Mehr Worte braucht es nicht. Ich wünsche Dir und Deiner Familie wunderschöne Oster-Feiertage.

    1. Natalia

      30. März 2018 at 13:43

      Danke. Das berührt mich. Dir und euch auch.

  2. Jeanette

    30. März 2018 at 10:55

    Liebe Natalia,Gerade heute- Karfreitag ist der schwierigste “Feiertag”- kam dein Beitrag recht. Mama, wieso heute kein kicken? Spazieren gehen ist ok? Fisch istjs.mueller doch lecker. Sollen wir heute nur was Ekliges essen? Und müssen wir den ganzen Tag traurig sein? Oder dürfen wir uns freuen weil wir leben? Aber Papa hat frei! Und die Sonne scheint…ja ähm…nicht so einfach gerade mit Teenies. Du hast mir eine tolle Antwort geliefert, warum wir Weihnachten so doll feiern und Ostern nicht. Aber das lässt sich ja noch ändern. Wenn wir genau hinschauen und den Essig ausgießen. Danke für den tollen Beitrag. Frohe Ostern! Und liebe Grüße Jeanette

    1. Natalia

      30. März 2018 at 13:43

      Ach, liebe Jeanette. Was freue ich mich über deine Worte. Wir sollen unbedingt das Leben feiern. Und vor allem, das GOLD, das in uns glänzt.

  3. Verena Küsters

    30. März 2018 at 22:12

    Liebe Natalia!
    Dein Text ist wie immer so wundervoll. Die vergangenen Wochen waren ziemlich sauer und der Essig nahm überhand. Heute dann auch in der Leidensgeschichte Jesu. Er nimmt den Lappen mit Essig und hat damit meine Bitterkeit, mein Leid zu seinem gemacht. Karfreitag ist ein besonderer Tag. Wir gestalten unsere Osterkerze (selbst gegossen, aus den Wachsresten der vergangenen Adventskränze) und warten auf das, was neu entsteht. Voller Ungeduld nach der langen Fastenzeit und dem Verzicht. Im Glauben und in der Hoffnung, dass alles gut wird.
    Ich wünsche dir und deinen Lieben ein schönes, unbeschwertes und gesegnetes Osterfest. Schön, dass es dich gibt. Es kommt mir vor, dass ich dich schon ewig kenne, dabei ist es gerade erst ein Jahr her! Alles Liebe Verena

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