Pause machen ohne Pausenbrot

Was soll den drauf?

Am Inhalt der Brotboxen während der Pause scheiden sich die Geister: es gibt Kinder, die haben Milchgetränk bestellt und packen dazu noch ein eingeschweißtes Schokobrötchen aus. Dann wiederum gibt es Kinder wie meinen Sohn, die bestehen jeden Tag auf ihr Wurstbrot. Ohne Gemüse und Gedöns. Die Frage: “Was soll den drauf?” kann ich mir bei ihm komplett sparen. Meine Tochter hingegen freut sich über eine Brotzeit mit kleinen Döschen, die mit verschiedenen Dingen gefüllt sind.

In Sachen gesunde Ernährung kann ich mich bei ihr mit Pausenbroten für die Schule austoben. Einmal die Woche gibt es das absolute Highlight, da meine Ideen begrenzt sind: der Schokocreme-Tag. Jeden Tag fiebern sie darauf zu: Toast mit Nutella und dazu Kakao. Ich finde das ist ok.  Dazu alle paar Wochen ein kleiner Zettel mit einer kleinen Nachricht, “peinlich” (mein Sohn) und “so toll” (meine Tochter) und das Ganze hat bisher nicht weiter meine Aufmerksamkeit und Kreativität auf sich gezogen. Mir ist klar, dass ein Pausenbrot für Kinder wichtig ist und fertig. Ähnlich verfahre ich mit der Zwischenmahlzeit im Kindergarten. Die Fotos dieser wunderbaren Boxen zaubert Susanne für ihre Kinder. Sie schreibt auf dem Blog Ich lebe jetzt. DANKE für deine Bilder!

Mehr als nur Ernährung

Aus dem Kindergarten, den meine Jüngste besucht,  und der Grundschule, in die mein Sohn nun in die dritte Klasse kommt,  kenne ich die Frühstückspause. Im Kindergarten sitzen morgens die Kinder, die eher kommen, gemeinsam an kleinen Tischchen mit ihren Erzieherinnen und essen. Es ist meistens eine kleine Gruppe und dort gibt es nochmal anders die Möglichkeit ins Gespräch zu kommen. Essen in Gemeinschaft verbindet. Es ist spannend, was Andere mithaben und gerne werden die Sachen untereinander getauscht. Ebenso kenne ich das aus der Grundschule. Nach der Hofpause stürmen die Kinder in die Klassen. Häufig nassgeschwitzt vom Fußballspielen, eher die Jungen, und mit aufgeschlagenen Knien vom Pferdchenspielen, die Mädchen.

Essen verbindet

In der Frühstückspause werden wackelnde Milchzähne begutachtet, Pflaster geklebt, Streit geklärt, Zahnlücken bewundert und und und. Wie auch am Familientisch daheim ist es auch hier die GEMEINSAME ZEIT, die wertvoll ist. Alle sitzen an ihren Plätzen, essen und reden. “Wer mit wem” und wer IN ist und welche Sammelkarten man jetzt auch noch unbedingt haben muss. Die Frühstückspause ist ein verbindendes Element. Häufig ist zu beobachten, dass Kinder ihre Brotzeit aufteilen, wenn jemand etwas nicht hat.

Die Kinder dazu zu ermutigen und es selbst wahrzunehmen ist Aufgabe des Lehrers. Die einfache Frage: “Der XY hat heute seine Brotbox vergessen, wer kann ihm etwas abgeben?” führt meist zu rührenden Szenen und selbst der Klassenclown und schlimmste Lausbub wird genauso liebevoll und fürsorglich bedacht, wie die, die in der “geheimen” Hierarchie der Kinder ganz oben stehen. Das Schönste für meine Schulkinder aber war und ist es, wenn der Lehrer etwas vorliest. Und das Allerallerschönste, wenn dann nicht mit dem Lesen aufgehört wird, wenn es klingelt, sondern wenn einfach noch weitergelesen wird. Und was dann passiert ist sehr besonders: die Kinder fahren runter. Nach fünfzehn Minuten sind sie bei sich angekommen. Hat sich das Gemüt und der Puls beruhigt. Das Weiterarbeiten ist dann häufig viel unkomplizierter und konzentrierter, weil die Kinder eine wirkliche Pause hatten.

Pause machen

Mit dem Schulwechsel in Klasse 5 meiner ältesten Tochter war plötzlich etwas anders, was ich vorher nicht habe kommen sehen. Was war innerhalb der sechs Wochen Sommerferien passiert? Jeden Tag kam meine Tochter mit einer halbvollen Brotbox und Trinkflasche nach Hause. “Ich konnte nichts Essen, es war keine Zeit”, war die tägliche Antwort. In der ersten Schulwoche nach dem Schulwechsel kam mir diese Antwort noch einigermaßen plausibel vor: Neue Schule, neue Menschen und eine neue Situation, auf die man sich erstmal einstellen musste. Das kann einem ja auf den Magen schlagen und der Appetit ist gering. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich verstanden habe, was das Problem war: sie musste sich entscheiden, ob sie essen oder spielen wollte! Und ich habe festgestellt, dass das vielen Kindern so geht.

An den meisten weiterführenden Schulen gibt es keine Frühstückspause mehr. Genauer gesagt: man muss sich entscheiden: entweder spielen und draußen sein, im Stehen oder Gehen oder in der Mensa sitzen und essen. Entweder oder. Ganz ehrlich: ich finde wirklich, dass es hier für die Unterstufe akuten Handlungsbedarf gibt! Menschen brauchen Pausen. Zum Essen und sich bewegen, Empfohlen wird sogar alle 90 -100 Minuten! Den nach dieser Zeit sinkt die Konzentration rapide ab und unser Tun wird ineffizient. Wir werden müde und machen mehr Fehler. Eine Harvard-Studie kam sogar zu dem Ergebnis, dass Schüler bessere Noten erzielen, je länger die Pause dauert. Während der Studie machten die Schüler nach jeder Schulstunde eine kurze Pause und vor der Klausur eine längere Pause von 20 bis 30 Minuten – prompt verbesserten sich ihre Testergebnisse. Und das über den gesamten Tag hinweg. Ich finde, dass das durchaus anregen könnte, die Zeiten der Pause in der Schule zu überdenken.

Brotbox weg!

Das war meine erste Handlung. Und die finde ich nicht nur aus ökologischen Gründen keine wirklich gute Lösung. Meine Tochter bekommt nun das Pausenbrot in Papiertüten. Die gesunden Möglichkeiten haben sich eingeschränkt. Es muss in einer weitern Tüte passen und darf nicht durchweichen… Auf eine Tüte aus Plastik verzichte ich bewusst, weil meine Tochter nun in der Pause ihre Frühstückstüten  mit auf den Schulhof nimmt, im  Stehen isst und die Tüten dann wegwirft. Denn mit dem Wegfall der Brotbox hat sie die Hände zum Spielen frei.

Was Kindern wirklich hilft

Und ganz ehrlich: das kann doch nicht sein. Wir reden von bewegten Schulen, von mehr Achtsamkeit, von immer weniger Gemeinschaftsgefühl. Wir reden von Slowfood, Familientisch und gesunder Ernährung. Welche Chancen hätte man, wenn es auch in der Unterstufe richtige Frühstückspausen geben würde. Besonders in Klasse 5. Dann, wenn sich alle neu finden und kennenlernen,  wäre die diese Zeit so kostbar und wertvoll für das gemeinsame Weiterlernen. Ich bin der Meinung, dass es ein sehr gutes Investment in die Zukunft ist. Zeit, die gemeinsam bewusst verbracht wird. Zeiten, in der man miteinander in Kontakt und Verbindung kommen kann. Ins Gespräch. Und wenn es gelingt, dass sie sich sicher und angekommen fühlen, dann fällt das Lernen so viel leichter.

Bedürfnisse im Blick haben

Die Frage: “Pausenbrot ja oder nein” sollte sich kein Schüler stellen müssen. Ich jedenfalls würde mir wünschen, dass meine Kinder in der Pause spielen können, so lange sie es wollen. Dass meine Kinder mit ihren Mitschülern in Kontakt kommen können und so das Gemeinschaftsgefühl gestärkt wird. Ich würde mir wünschen, dass auch der Fachlehrer diese Zeit als Geschenk und nicht als Verschwendung ansieht. Denn nur so hat er die Möglichkeit in Kontakt zu kommen, die Schüler noch einmal anders kennenzulernen und die Schüler ihn. Ich wünsche mir, das mein Kinder eine wirkliche Pause machen. Mit Pausenbrot. Vielleicht wäre dann auch das Problem gelöst, dass meine Tochter fast immer mit voller Trinkflasche heim kommt. “Weil ich nicht weiß, wann!” lautet ihre Antwort.

Die Lösung wäre denkbar einfach: genau wie in den Grundschulen könnten die weiterführenden Schulen  einen Teil der Pause zur “Hofpause” erklären und die andere Zeit als “Frühstückspause”. Kein Zeitverlust, viel Gewinn. Wenn man von Anfang an lernt und erfährt, dass Ruhephasen wichtig sind, dann könnte das zu so einem wichtigen Learning für die Kinder werden. Ich sitze. Dabei esse ich. Ich komme ins Gespräch. Ich ruhe mich aus. Ich schöpfe Kraft.

Und: “Nicht für die Schule, sondern für’s Leben lernen wir!” – Das könnte man ja durchaus neben allem Wissen mal noch mit mehr Inhalt füllen.

Sei dir gut ❤

 

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