Schulstart

Gerade mit meiner Freundin telefoniert. Ihr erstes Kind wurde vor drei Wochen eingeschult. Mein drittes auch.
“Ist sie gut angekommen?”, fragt sie mich.
Und ich überleg kurz und sage “Ja. Voll und ganz.”

Sie hatte es deutlich leichter als ihre Geschwister: sie ist genau richtig alt und im besten Sinne “schulreif” auf vielen Ebenen. Sie ist sechseinhalb Jahre alt und kennt das Schulgebäude schon seit dem Tragetuch. Sie kennt die Räumlichkeiten, in denen sie schon auf diversen Festen gebastelt und gespielt hat, weiß, wo welche Klassenzimmer sind und wo die Tonnen stehen, in der die liegen gebliebenen Jacken und mehr zu finden sind.
Sie kennt viele Lehrerinnen vom Namen und Erzählen der Großen her und auch, dass man bei der wunderbaren Hausmeisterin nicht nur ein Pflaster zum Trost bekommt.
Und sie kennt schon Kinder: die coolen, großen Jungen aus dem vierten Schuljahr. Freunde ihres Bruders. Die sich rührend um die kleine Schwester kümmern und sie mitspielen lassen – das ist mehr als man sich wünschen kann.
Und trotzdem kommt sie gerade immer wieder nachts in unser Bett. Und daran merke ich: nur weil es “läuft” heißt das nicht, dass es auch IN ihr alles im Gleichgewicht ist.

Unser Sohn war da ganz anderes. Er passt perfekt in einen gesetzlich vorgegebenen Stichtag. Geboren: Anfang September. Aber ein Jahr mehr Kindergarten hätten ihm so gut getan. Ja, vielleicht hätte er sich zum Schluss dort etwas gelangweilt, aber das wäre so viel besser und leichter gewesen, als in der Schule überfordert zu sein. Nein, nicht auf der fachlichen Seite. Da liefert er von Tag Eins an top ab. Aber wie schwer, fiel und fällt manchmal noch das Sitzen. Das Stillsein. Das an-die-Regeln-halten. Die Energie zu bündeln und abzuwarten, auch, wenn man die Antwort weiß.
In erinnere mich an erste Schulwochen voller Tränen, dass er so früh geweckt wurde, der Ranzen so schwer und vieles so neu war. Das hatte ich nicht gedacht – denn auch er hatte schon eine große Schwester auf der Schule. Auch er kannte die Gegebenheiten schon aus Kleinkindzeiten.
Anderes Kind. Mehr nicht.
Ich erinnere mich an den Anruf, dass er zum wiederholten Male weggelaufen sei.
Woche zwei.
“Warum?”, hatte ich ihn damals, verheult und mit warmen Kakao auf meinem Schoss gefragt, “weil ich zu dir wollte und weil ich nicht mehr wusste, wo ich hingehöre.”

Und meine Älteste. Nun schon in der siebten Klasse des Gymnasiums. Die sich damals, was wir niemals gedacht und erahnt haben, schwer mit dem Lernen tat. Die genau wusste, wenn etwas neu dekoriert war und auch, wie die Befindlichkeiten aller anderen 27 Kinder waren. Die sich ihren Weg hart erarbeiten musste. Und ich bin mir sicher, wir haben sie manchmal zu hart arbeiten lassen.
Aus Sorge. Aus besten Absichten.
Die bis heute ihre Grundschullehrerin über alles liebt und uns nur deswegen verziehen hat, dass wir sie vorzeitig eingeschult haben – was damals mit besten Wissen und Gewissen geschah und erst ein paar Jahre später zeigte, dass sie es zwar alles schaffte, aber es viel zu viel ihrer Kraft kostete.

Meine Erfahrung:
Meine Jüngste ist am ersten Tag gut angekommen.
Meine anderen beiden haben mindestens bis zu den Herbstferien gebraucht.
Ich kenne auch Kinder, die brauchen bis zu den Weihnachtsferien und machen dann einen enormen Schub.

Ich kenne Kinder, die konnten schon lesen und freie, kleine Texte schreiben und welche, die haben bis April (!) nur gemalt. Und dann, dann kam plötzlich der Schub.
Ich kenne Kinder, die auf der weiterführenden Schule sofort angekommen sind und meine Tochter, die fast die ganze Klasse 5 brauchte, um ihre Rolle zu finden.

Das, was den Kindern am meisten Stress gemacht, waren wir Eltern. Mein Mann und ich.

Ich, die wollte, dass die Kinder alles gut machen.
Dass sie beliebt sind.
Dass sie sich gut benehmen und an die Regeln halten und selbstständig sind und vielleicht auch ein Spiegel dessen sind, was wir in den letzten Jahren versucht hatten gut zu machen.
Ich wollte, dass sie gut mitkommen und Freunde finden.
Dass ihnen die Schule Spaß macht und die Lehrer sie mögen.
Ja, vielleicht wollte ich sogar, dass man an ihnen sieht, wie toll wir Eltern sind. Und ich schämte mich immer wieder, wenn es nicht so war.

Mein Mann, der problemlos durch seine Schulzeit gegangen ist und lernen durfte, dass Menschen unterschiedlich lernen. Dass ihre Spanne zwischen Erschöpfung und Aufmerksamkeit begrenzt sein kann. Dass nicht “immer alles klar und logisch und interessant ist”.

Wenn wir das Beste wollen, dann trauen wir unseren Kindern etwas zu.
Dann muten wir unseren Kindern etwas zu. Dann halten wir mit aus. Auch, wenn es uns schmerzt. Es wird sich finden und ihnen dienen. Und wachsen dürfen wir gleich mit. Wir dürfen Vorbild und Begleiter sein.
Das, was wichtig ist, dass unsere Kinder IHREN Weg gehen dürfen.
Dass sie nicht unsere verpassten Möglichkeiten und Chancen bekommen müssen, sondern dass wir unser Leben so gestalten, dass wir zufrieden sind. Dankbar für neue Chancen und Wege, die sich uns eröffnen und erschließen.

“Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht.”
Alles wird zur rechten Zeit kommen.
Auch das Rechnen.
Auch das Schreiben.
Auch eine leserliche Schrift.
Auch Freunde.
Ganz bestimmt.
Bleib geduldig und übe dich im Vertrauen-zu-haben.
Ich tu’ es auch.
Immer wieder.
Jeden Tag neu.

Sei dir gut ❤️

1 Kommentar

  1. Katharina Steinsiepe

    20. September 2019 at 12:18

    Liebe Natalia, es ist immer wieder schön, deine Beiträge zu lesen. Auch wenn meine Kinder schon aus der Schule raus sind, vesetzt es einen zurück. Wie war es bei uns? Habe ich sie überfordert……
    Manchmal wüsche ich mir, dur hättest damals schon so Blogs geschrieben! 😉
    Liebe Grüße, Katharina

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