Things we lost in the fire

“Do you understand that we will never be the same again
The future’s in our hands and we will never be the same again” 

Immer wenn ich diese Textzeile von Bastille höre, werde ich sentimental. Ich erinnere mich an Zeiten meines Lebens, da fühlte ich mich komplett ausgebrannt. Und vielleicht hatte ich auch ein Burnout. Vielleicht. Ich hatte noch keine Kinder und war berufstätig. Daher schien mir das damals an sich komplett abwegig. HEUTE würde ich sagen, dass das durchaus sein kann. Auch, wenn ich mehr in mir drin verbrannte, als durch äußere Umstände. Und das Gefühl innerlich zu verbrennen, weil ein verzehrendes Feuer in mir loderte, kam immer wieder. Und manchmal spüre ich es noch.

Ich finde es außerordentlich spannend, dass das Wort „brennen“ an sich so positiv besetzt ist. Mehr noch als das: es ist ein Ideal. Ich beneide Menschen, die für ihre Berufung, für ihre Leidenschaft brennen. Die Andere motivieren. Die so viel Kraft haben. Das Brennen ist spürbar. Es ist ansteckend. Im Guten wie im Schlechten. Und ehrlich gesagt, der Spruch „ich geh für dich durchs Feuer“ hat auch was für sich.

Für etwas Brennen. Das will ich auch. Unbedingt. Ich glaube, wenn man für etwas brennt, dann ist man da angekommen, wo etwas einen Sinn hat. Wo etwas Sinn macht. Für mich ist das zum Beispiel meine Familie. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ich etwas, jemanden so unglaublich lieben könnte wie meine Kinder. Diese Verbundenheit, die einfach da ist. In jeder Zelle meines Körpers. Für sie würde ich durchs Feuer gehen. „Mama, würdet ihr euer Leben für mich geben?“, fragte mich mein damals sechsjähriger Sohn beiläufig. Und ich konnte das sofort beantworten. Ohne mit der Wimper zu zucken. Und meinem Mann, dem die Frage ein paar Stunden später ebenfalls gestellt wurde, antwortet ebenso. Ja, ich brenne für meine Familie. Ich liebe sie über alles. Und sie ist meine größte Herausforderung auf dem Weg zu mir selbst. Denn die Verantwortung die ich, die wir uns als Eltern mit der Entscheidung Kinder in diese Welt zu setzten aufgeladen haben, ist die Größte. Die Entscheidendste. Die, mit den meisten Auswirkungen. Auf uns selbst, aber auch auf unsere Kinder. Und ja: ich will es gut machen. Ich will und muss nicht die Beste sein.

Aber für meine Kinder wollte ich es gut machen. Und es ist schwer auszuhalten, dass ich es nicht schaffen kann und werde. Dass ich trotz aller Bemühungen in bestimmten Bereichen scheitern werde. Dass ich ihrer Seele Wunden und Verletzungen zufügen werde und schon habe, die sie schmerzen werden. Die Narben hinterlassen werden. Das ist unerträglich. Aber unausweichlich. Warum? Weil ich ein Mensch bin. Ein Mensch mit meiner Geschichte. Mit meinen Wunden, die unterschiedlich verheilt sind. Mit meinen Narben. Mit meinen Farben.

Die schwerste Erkenntnis für mich war, dass mein Wunsch, das Beste zu geben nicht funktionierte. Ich war ausgelaugt. Genervt. Gereizt. Ich sehnte mich wenigstens nach äußerer Ordnung und konnte mich an unser verwüstetes Wohnzimmer lange nicht gewöhnen. Ich schaffte es nicht. Ich fühlte mich alleine. Alle anderen Familien schienen es alles spielend hinzubekommen. Alles war bei ihnen leicht. Dachte ich. (Stimmte nicht, war die Wahrheit) Ich vermisste meinen Job. Ich vermisste unsere Zweisamkeit als Paar. Ich vermisste meine Freiheit. Und dennoch waren sie natürlich da: die erfüllten, glücklichen Augenblicke. Die leichten und schönen Momente.

Es waren meine Ideale, die mir zu schaffen machten. Wie man als Mutter so zu sein hat. Wie man als Mutter denn auszusehen hat. Wie man als Mutter denn organisiert sein muss. Und ich merkte, dass das, wofür ich am meisten brannte, mich ausbrannte. Und ich fragte mich aufrichtig immer wieder:

„Wie kann ich brennen, ohne auszubrennen?“

Und auch, wenn ich mich lange davor gesträubt habe das zu denken und zuzulassen, wage ich nun zu fühlen: das geht nicht. Punkt. Egal, was mir jemand anderes erzählt.

Und das weiß ich deshalb so sicher, weil ich nicht mehr brennen konnte, weil ich für die wichtigste Person in meinem Leben nicht mehr brannte. Ich war mir abhandengekommen. Ich war der Brennstoff für die Anderen. Ich war ihr Sauerstoff. Ihr Anzünder. Der Ort, an dem sie sich wärmten. Aber ich spürte, dass ich das alles nicht mehr sein konnte. Und wollte. Weil mein eigenes Feuer dabei war zu erlöschen. Und gleichzeitig brachte ich meine letzte Energie auf um zu brennen. Aber es war kein wärmendes Feuer mehr. Es war ein Verzehrendes. Für uns alle. Und was das für uns bedeutete, machte mir große Angst.

Diese Sichtweise ist natürlich nicht angenehm und bestimmt nicht populär. Das steht vielleicht auch konträr dazu, dass uns häufig suggeriert wird, dass das Leben gelingt und noch besser werden kann, muss und sollte, wenn man doch endlich ein Leben voller Energie und Leidenschaft leben würde. “Hör auf zu jammern!”,  “Mach einfach!”, “Wenn du glücklich sein willst, dann sei es!” (WTF…?!) Denn gerade die Menschen, die öffentlich vorleben wie es ist und wer man sein kann, wenn man für eine Sache brennt, sind ja meisten so inspirierend.

Und ich muss eingestehen: JA! Das will ich auch. Ich will voller Energie und Leidenschaft sein, aber ich habe leider häufig und auch immer wieder erlebt, dass ich das nicht über einen langen Zeitraum schaffe. Dass ich daran scheitere. Dass mich das Feuer der Leidenschaft für eine Sache oder einen Menschen mit der Zeit verbrennt. Ausbrennt. Mich.

Und dass dann nur das bleibt: ein Häufchen Asche auf das viele Tränen der Enttäuschung und des Selbstzweifels fallen. Über die Anderen, die mir das Brennen so schwergemacht haben, weil sie mir nicht Hilfe waren, sondern den Sauerstoff zu brennen und leben entzogen haben. Über die Umstände, die mich gezwungen haben, das Feuer ausbrennen zu lassen. Am meisten aber: über mich selbst. Über mich, die es nicht geschafft hat, dass Feuer am Leben zu erhalten. Mal wieder nicht. Immer wieder nicht.

Und dann, nach vielen Stunden vor unserem Kamin und mit mir und meinem Zweifeln, habe ich gemerkt: dauerhaftes Brennen verbrennt. Wie faszinierend Feuer auch ist, es verzehrt alles. Wer dauerhaft wie ein Feuer brennt, verzehrt sich und andere. Denn es ist ganz einfach wie es ist:

Wir können nicht brennen ohne zu verbrennen. Nicht dauerhaft. Nicht immer. 

“The things we lost in the fire, fire, fire
These are the things, the things we lost
The things we lost in the fire, fire, fire”

Wenn ich heute zurückschaue und über diese Phasen in meinem Leben nachdenke, dann werde ich traurig. Denn es waren schwere und einsame Zeiten. Zeiten, in denn ich tatsächlich viel verloren habe. Und das anzuschauen schmerzt noch immer. Manches ist auch tatsächlich verloren gegangen. Verbrannt. In mir. Und auch durch mich.

Und daher möchte ich dich ermutigen zu einem neuen, anderen Leben: weg vom ausgebrannt Sein. Weg von einem Leben, dass dich ausbrennt hin zu einem Leben, dessen Energie und Wärme wieder in dir spürbar sein wird. Dass du die Glut, die Wärme in deinem Herzen wieder zulassen und spüren kannst. Für dich und für Andere. Dass du dich immer wieder entfachen kannst, aber nicht mehr verbrennst. Und dass nicht als Niederlage verbuchst, sondern die Glut als wahren Schatz im Leben annimmst und dich an ihr wärmst. Du bist selbst dafür verantwortlich, das Feuer unter Kontrolle zu haben.

Sei dir gut ❤️

 

17 Kommentare

  1. Dieverlorenenschuhe

    19. Januar 2017 at 13:55

    Liebe Natalie, auch ich habe erst kürzlich auf meinem Blog über das “Ausbrennen” geschrieben. Aber dafür nicht diese wunderbaren Bilder gefunden wie du. Gerne würde ich deinen großartigen Text mit meinen Lesern auf meiner Seite teilen, sofern du magst. Darf ich ihn rebloggen? Liebe Grüße von dieverlorenenschuhe

    1. Natalia

      19. Januar 2017 at 14:02

      Oh, das wäre mir eine große Freude und Ehre! Danke! Dann schau ich heute Abend gleich mal bei dir vorbei! Liebe Grüße, Natalia

  2. Reblogged: „Ich will nicht brennen. Ich will glühen.“ « Die verlorenen Schuhe

    19. Januar 2017 at 21:33

    […] lest selbst! Hier findet ihr besagten Blogeintrag. Liebe Natalia, herzlichen Dank für deine Erlaubnis zum Rebloggen […]

  3. Karina

    21. Januar 2017 at 12:20

    es ist wunderbar wie du schreibst , es rührt und berührt mich. und ich finde mich in vielem auch wieder. DANKE dafür…..es ist eine BEREICHERUNG !!!

    1. Natalia

      21. Januar 2017 at 12:50

      Lieben Dank für deine Worte, liebe Karina ❤

  4. Susanne

    24. Januar 2018 at 13:34

    Ich bin ja schon einige Jahrzehnte auf dieser Welt und ich sehe das Ausbrennen zum Teil als Frauenproblem, gerade was das Brennen, das Perfektsein, angeht. Ich habe auch Mitglieder in der Familie, bei denen ich denke: Wie kann es bei denen so aufgeräumt sein? Da kam dann das schlechte Gewissen. Mittlerweile weiß ich, dass ein Wohnzimmer nicht umsonst Wohnzimmer heißt, da wird gelebt, gewohnt. Und Kinder wohnen anders als Erwachsene. Erziehung- gibt es da eine perfekte Art und Weise? Jedes Kind ist anders und kommt mit anderen Anlagen auf die Welt. Aber auch ich habe in den diversen Spielgruppen,im Kindergarten verglichen. Das stresst. Und ich möchte mich in meinem Tun nicht stressen lassen. Dafür ist das Leben zu kurz.
    Gestern hatte ich noch ein Beratungsgespräch. Da tobte der Machtkampf zwischen pubertierender Tochter ( meine Klientin) und deren Mutter. Mutter wollte nie ein Kind, dass im Essen pingelig ist. Und das Mädel ist gerade so etwas von pingelig. Mutter verteilt Smoothies, kocht Low Carb, alles war gerade mal als gesund gehypt wird. Tochter verweigert alles. Ich hab ihr als persönlichen Rat gegeben, ihrer Tochter, was das Essen angeht, die lange Leine zu geben. Diese Mutter wird sonst auch ausbrennen.
    Wir sind alle nicht perfekt und sollten das akzeptieren.

    1. Natalia

      24. Januar 2018 at 15:27

      Was das Vergleichen angeht stimme ich dir zu, da scheinen es die Frauen schwer zu haben. ABER ich kann in meiner Arbeit was das Ausgebrannt sein keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen ausmachen. Und was deine Klienten angeht: deinen Rat an der Mutter teile ich. Aber auch: dass sie ihr Kind einfach lassen soll. Es ist ok. Und ob man seinem Kind mit Smoothies etc. was Gutes tut oder die Aufmerksamkeit auf Aussehen fokussiert, was längerfristig fatale Auswirkungen haben kann, finde ich auch noch mal erwähnenswert…

  5. Aika Luttermann

    24. Januar 2018 at 13:59

    Genau das, was ich heute brauchte. Danke Natalia!

    1. Natalia

      24. Januar 2018 at 15:23

      Liebe Aika, wie schön! Fühl dich umarmt, du tolle Frau!

  6. KATHARINA

    24. Januar 2018 at 14:46

    DANKE für deine aufrichtigen Worte. Ich kenne das Brennen und das Verbrennen. Aber Leidenschaft bereichert das Leben ungemein!

    1. Natalia

      24. Januar 2018 at 15:22

      LEIDENSCHAFT ist großartig! In großen, wohligen Dosen. Da bin ich ganz bei dir.

  7. Karinakoehn@web.de

    24. Januar 2018 at 16:43

    Danke Natalia! Wie so oft im Leben eine Frage der richtigen Dosis… der goldene Mittelweg ist nur oft schwer zu finden. Eine Aufgabe die bleibt!!

    1. Natalia

      24. Januar 2018 at 19:43

      Absolut. Die Aufgabe bleibt eine lebenslange. Eine, die einen immer wieder zeigen wird, wie hart umkämpft und teilweise unmöglich der goldene Mittelweg ist, weil eben Ausnahmen DOCH die Regel bestimmen und das Leben so ist, wie es ist.

  8. Silke

    24. Januar 2018 at 17:04

    Liebe Natalia,
    sehr schön geschrieben!
    Wir Frauen neigen dazu, zu vielen Dingen “ja” zu sagen, weil wir früh gelernt haben, dass ein “nein” unhöflich und falsch ist! Um für die Richtigen Dinge im Leben wieder richtig brennen zu können, es überhaupt wieder zu schaffen,- ist es dringend notwendig und richtig!!! , zu manchen Dingen einfach mal “nein” zu sagen. Wer das schafft, ist erstaunt über sich selbst und verschafft sich somit Mut und Kraft für den Blick auf das Wesentliche! “Nein” sagen, kann sooo gut tun😉
    Liebe Grüße!

    1. Natalia

      24. Januar 2018 at 19:46

      Liebe Silke, JA!! ganz genau. Es ist wirklich ein Prozess zu lernen, dass man “NEIN” sagen kann, darf und muss. Dass das NICHT egoistisch ist, sonder lebenswichtig. Viele denken ja dann gleich: “WAS, wenn das alle tun würde? Immer nur NEIN sagen?” Aber DARUM geht es ja eben gar nicht. Es geht um genau das JA, was erst kommen und atmen kann, wenn es aus ganzem Herzen kommt. Und dafür muss ich lernen Menschen zu enttäuschen, in dem ich “NEIN” sage.

  9. Julia

    24. Januar 2018 at 18:11

    Liebe Natalia, ich bin jedesmal auf’s Neue berührt, wie wundervoll, ehrlich und treffend Du Deine Gedanken aufschreibst. Auch ich habe einen Burnout hinter mir und versuche mein Familienleben und arbeiten, Haushalt etc. etc. in neuen Bahnen anzugehen. Genau zu fühlen und gucken, wann lebt man wieder an seiner Energiereserve und wie füllt man sie auf um eben genau wie Du es beschreibst positiv zu brennen und zwar nicht mit zu großer lodernder Flamme. Denn diese kostet auch sehr viel Kraft. LG Julia

    1. Natalia

      24. Januar 2018 at 19:48

      Liebe Julia, vielen Dank für deine Worte. Und DANKE für deine Offenheit. Ich wünsche dir so sehr, dass du ganz achtsam, liebevoll und barmherzig mit dir bist. Und immer wieder DEINE Erfolge feierst, wenn es dir gelingt, ein Leben zu leben, dass nicht auf Sparflamme läuft sondern BEWUSST brennt, damit zu deine Kraft nicht verlierst. Ich bin mir sicher, dass du deinen Weg ganz gut gehst.

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