Was anders machen

Ich schließe mein Zimmer im Hotel auf. Zwei Tage wird es mein Zuhause sein. Diesmal mache ich es anders: ich fahre nicht hin und her. Ich bleibe hier. Wieder ein neuer Schritt. Ein großes Geschenk, das ich annehme und mit Dankbarkeit auspacke. Ein schönes Zimmer. Ich bin so voller Vorfreude, dass ich zwei Tage hier sein darf. Tagsüber bei dem Seminar “Erfolgreich bloggen” von Svenja. Und nachts hier. Nur ich alleine. Ich gehe zum Fenster und ziehe die Gardinen weg. WAS für ein Ausblick. Der Rhein. Der Dom. Manchmal ist es doch am besten, auf der falschen Seite zu sein, auch wenn die Kölner diese Seite ihrer Stadt als schäl Sick bezeichnen. Ich schaue aus dem Fenster und genieße den Blick. Und dann sehe ich ihn. Den Fernsehturm. Und plötzlich schaut die kleine Natalia aus dem Fenster. Sie ist 9 Jahre alt. Ihr Bruder ist vor ein paar Wochen gestorben. Plötzlich und unerwartet im Zelturlaub in Frankreich. Nach seinem Tod gibt es noch ein paar Wochen Sommerferien. Der Vater fährt mit der Schwester ein paar Tage in die Lüneburger Heide. Die Mutter fährt mit ihr nach Köln zur Oma. Erinnerungen hat sie keine an diese Tage. Nur an den Fernsehturm. Es war damals etwas ganz Besonderes. Oben gab es ein Restaurant. Und das ganze Teil hat sich langsam gedreht. Nach den Ferien müssen die Kinder der vierten Klasse das schönste Ferienerlebnis malen. Ich male ein Bild vom Kölner Fernsehturm. Was sollte ich auch sonst malen. Danach vergesse ich ihn. Und nun, viele Jahre später, treffe ich ihn wieder. Unerwartet, unverhofft sozusagen. Ich setzte mich auf’s Bett und schließe die Augen und spüre nach. “Ich bin angekommen”, sind die Worte, die sich in meinem Innern formen. Ich habe so viele Täler durchschritten. Und ganz unten, da, wo es schon dunkel ist, weil die Sonne nicht mehr durchkommt, da habe ich mit Anfang zwanzig eine Entscheidung getroffen: “Sage ich JA oder NEIN zum Leben?” Ich habe mich damals für JA entschieden. Es war knapp. Aber mir wurde damit eine Konsequenz schlagartig klar:

“Wenn du etwas ändern willst, dann musst du etwas anders machen!”

Ich weiß schon, warum ich manches NICHT anders mache. Zum Beispiel meine Creme wechseln. Denn sie erinnerst mich nicht nur täglich an meine Kindheit, die Hintern meiner Kinder und die tollen Aufbewahrungsmöglichkeiten in der leere Dose, nein, sie schenkt einem auch so ein wunderbares Zitat. Und es ist als wäre ich die Leiterin der Marketingabteilung, denn das ist der Satz, den ich in fast JEDEM Coaching sage. Manchmal mehrfach. Bevor ich ein Coaching beginne, bitte ich die oder denjenigen immer darum, mir in ein paar Sätzen das Anliegen zu schreiben. Und fast IMMER lautet ein Satz: “Ich möchte was anders machen.” Ganz egal, welcher Inhalt. Wahlweise kann man austauschen: Partnerschaft. Ehe. Sex. Kinder. Erziehung. Ernährung. Beruf. Sport. Eltern. Freizeit. Verhalten. Finanzen. Gesundheit. Kochen. Bewegung. Freundschaften.

Wenn Menschen sich verändern wollen, dann rennen sie bei mir offene Türen ein. Denn ich LIEBE Veränderung. Ich liebe es, wenn etwas in Bewegung kommt. Wenn man es wagt, etwas ANDERS ZU MACHEN. Und nein, dass muss nicht unbedingt bedeutet, dass man gleich was macht. Sehr häuft beginnt es damit, dass man wagt, etwas neu zu fühlen.

  • Warum fühlt es sich mit meinem Partner so fremd an.
  • Wir sind gemeinsam einsam
  • Warum will ich keinen Sex mehr?
  • Wieso machen die Kinder nicht, was wir sagen?
  • Wieso esse ich so oft Ravioli (für diese Antwort UNBEDINGT bei Verena reinhören!)

Plötzlich fühlt sich alt vertrautes und das, was schon immer so wahr anders an. Man fühlt es, aber findet noch keine Worte. Bis man wagt, dem nachzuspüren. Fragen zu stellen. Sich und anderen. Und häuft merkt man irgendwann, dass die Schuhe nicht mehr passen. Dass man in ihnen nicht mehr laufen kann. Auch, wenn sie jahrelange die Lieblingsschuhe waren. Kennt ihr das Gefühl von eingelaufenen Sohlen? Man schlüpft mit geschlossenen Augen hinein und: es passt. Und dann fühlen sie sich nicht mehr gut an. Ich habe mir vor über einem Jahr meinen Zeh gebrochen. Er sieht aus wie vorher, aber ich kann ihn nicht mehr richtig knicken. Und meine alten Pumps passen nicht mehr. Sie drücken. Und ich muss mir jedes Mal wie die Schwestern von Aschenputtel den Schmerz verbeißen, damit ich hineinpasse. Und warum? Weil ich mich von diesen schönen Schuhen nicht trennen kann. Tut halt noch nicht genug weh.

First the pain. Then the rising

Wenn ich etwas anders will, braucht man einen Grund. Und häufig ändern wir erst dann etwas, wenn es uns schlecht geht. Wenn der Punkt gekommen ist, der die Schmerzgrenze übersteigt. Den so genannten Popeye-Moment. Das ist der Moment, wenn es selbst Popeye zu viel wird und er ruft: “That’s all I can stand, I can stands no more!” “Das ist alles, was ich aushalten kann, MEHR kann ich nicht mehr aushalten!”

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Und dann: Dose Spinat aufreißen und: was anders machen. Uns geht es da ja ähnlich. Wir machen auch erst was anders, wenn man an diesem Punkt ist. Und es hilft häufig auch nicht, dass alle von außen Ratschläge geben und mitleiden. Nein, es muss aus einem SELBST kommen und leider meistens richtig weh tun. Been there. Done that.  Und dafür braucht es auch, dem Schmerz ins Gesicht zu schauen. Er ist eh da. Und ihn dann umarmen. Und dann kann man überlegen: “Will ich hier bleiben, oder will ich es: anders machen. Anders weitermachen. Immer wieder höre ich: “Ich habe schon alle Bücher dazu gelesen, es ändert sich nicht!” oder “Ich habe es ihm schon tausendmalgesagt, er ändert sich nicht!” “Ich habe sie immer wieder daran erinnert, sie ändert sich nicht!” Da möchte ich gleich mal laut rufen: “Halt! Stopp! You missed the point!” ER, SIE, ES. Moment. Da fehlt noch was. Nämlich ICH! Jetzt ist es raus. Vielleicht hast du doch gehofft und gedacht: “wenn die Anderen sich ändern würden, wäre es einfacher.” Aber leider, leider zeigt die Erfahrung, dass das nicht so ist. Das wünschen und erträumen wir uns zwar oft, aber es passiert nicht. Auf alle Fälle nicht, ohne mein Zutun, ohne mein ICH.

Ohne Wegbegleitung ist es mühsam.

Wenn man etwas anders machen möchte, dann ist das alles andere als einfach. Und wenn es unbequem wird, dann hören wir schnell wieder auf. Hochmotiviert. Tiefer Fall. Damit ich mein Ziel erreiche, muss ich kleine Schritte einplanen. Mich vorbereiten. Mich fokussieren. Ich brauche jemanden, der an meiner Seite ist. Der mich anfeuert und mir in den Arsch tritt. So jemanden. Und so habe ich letzte Woche eine Umfrage bei Facebook gestartet, WER Interesse an so einer Gruppe hätte, in der man sich gegenseitig unterstütz, das Ändern zu leben. Und die Resonanz war riesig. Und die 20 Plätze gingen weg, wie warme Semmeln. 

In den letzten Tagen haben sich alle vorgestellt. Und mehr noch: das Leben geteilt. Das Gute und Schöne. Aber besonders auch die Dinge, die schwer sind. Alle tragen ihre Lasten. “Unter jedem Dach ein Ach”, hat mein Ausbilder damals gesagt.  Ein Thema, dass sich häufig auch in meinen Beratungen durchzieht ist die Frage, ob man nicht egoistisch ist, wenn man sich abgrenzt und nach sich schaut. Ich kann die Frage durchaus nachvollziehen und habe sie mir häufig in meinem Leben gestellt. Meine absolute Überzeugung ist inzwischen, dass wir freier sind, als wir glauben. Wir haben die Verantwortung mit dieser Freiheit umzugehen. Wir haben die Kontrolle über uns und unsere Entscheidungen und auch darüber, dass wir gut für uns sorgen. (Häufig ist es aber so, dass das ÜBERNEHMEN von Verantwortung nicht so gerne übernommen wird… denn wenn, ich sie übernehme, muss ich mich ja bewegen. In vielerlei Hinsicht…) Wenn ich keine Verantwortung für mich übernehme und keine Grenzen setze, wird folgendes passieren:

  • Ich werde unzufrieden.
  • Ich werde neidisch.
  • Ich werde andere mit Missgunst anschauen und ihnen ihre Selbstfürsorge NICHT gönnen, sondern sie als egoistisch wahrnehmen.
  • Ich werde anfangen über andere schlecht zu reden.
  • Ich werde immer egoistischer, weil ich mich immer mehr um mich drehe und einen liebevollen Blick für den anderen verlieren.

Das passiert, wenn ich nicht mehr bei mir bin. Wenn ich mich verloren habe. Wenn ich aber beginne für mich zu sorgen und meine Bedürfnisse wahrnehme und äußere, übernehme ich Verantwortung für mich und mein Leben. Wenn ich meine Grenzen wahrnehme, nehme ich mich war. Dann ist es mir möglich die Grenzen der anderen zu wahren. Wenn ich mir gut bin, kann ich anderen auch gut sein. Wenn ich meine Bedürfnisse achte, kann ich die der anderen achten. Wenn ich beginne, gut bei mir zu sein und mir gut zu sein, füllt sich mein Herz für mich mit Liebe. Und wenn es randvoll ist, kann es sich verschwenden.

Selbstlos.
Mit Mitfreude.
Mit Anteilnahme.
Mit Geduld.
Mit Großzügigkeit.
Mit Mitgefühl.
Mit Ermutigung.

Dann kann ich das Gute im Anderen sehen. Es ihm gönnen. Mehr noch: ihn unterstützen, weil ICH dadurch NICHT weniger werde oder bin. Die Frucht von Selbstfürsorge ist Liebe. Wenn ich aus Freiheit und absichtslos lieben kann, dann ist das alles andere als egoistisch. Es ist ein durch und durch sinnvolles und erfüllendes Erleben. Ist Selbstfürsorge egoistisch? Nein. Absolut nicht. Es ist der Beginn einer Liebesbeziehung zu dir. Und damit zu anderen.

 

Welchen Schritt wagst du diese Woche?
Was wirst du dir Gutes tun?

Sei dir gut ❤

deine Natalia

 

12 Kommentare

  1. Jeanette

    13. März 2018 at 7:58

    Liebe Natalia,
    was für ein Beitrag. Liebe deinen Nächsten *wie dich selbst*. Wie oft vergessen wir -ich- das. Und dass die Veränderungen bei einem selbst anfangen. Danke für die Erinnerung. Liebe Frühlingsgrüße Jeanette

    1. Natalia

      13. März 2018 at 8:28

      Liebe Jeanette. Genau so ist es. Und das ist so wichtig, dass wir uns nicht vergessen. Auch und gerade wegen unserer Nächsten!

  2. Luzia

    13. März 2018 at 8:03

    Danke Natalia, Dein Beitrag ermutigt mich altes was nicht mehr passt los zulassen.

    1. Natalia

      13. März 2018 at 8:28

      Oh, das freut mich wirklich von Herzen. Alles Liebe und Gute dafür, liebe Luzia!

  3. Britta

    13. März 2018 at 18:55

    Liebe Natalia, wieder lese ich so weise Worte von Dir! Das ist schön und gibt mir Kraft für ganz einfache Dinge. Außerdem bestärkst Du mich in positiven Gefühlen!
    Danke!
    Liebe Grüße, Britta

    1. Natalia

      14. März 2018 at 22:50

      Liebe Britta, wenn meine Worte, dich in deinen positiven Gefühlen bestärken, dann bin ich der glücklichste Mensch auf Erden. Danke für deine Worte.

  4. Katerina Fistera

    13. März 2018 at 19:18

    Was für ein toller Beitrag, ich bin sehr stolz auf Dich !

    1. Natalia

      14. März 2018 at 22:49

      Danke, Mama. Das ist schön.

  5. Mandy Thumm

    19. März 2018 at 22:01

    Dank diesee Zeilen und des Wiedererkennens habe ich einen ersten Schritt getan…und hoffe, die Pumps drücken bald nicht mehr ganz so schlimm. Danke für Innen und Außenschau und die Ehrlichkeit darin…Umso mehr freue ich mich auf das Wochenende im November mit Dir.

    1. Natalia

      19. März 2018 at 22:36

      Oh, das freut mich aber sehr, liebe Mandy! Dass du auf Grund meiner Zeilen und Schritt die deinen machen konntest! Wie wunderbar. Wie schön, dass du im November dabei bist! Ich freue mich auf unser Kennenlernen. Und bis dahin: geh deinen Weg in deinen Schuhen und in deinem Tempo. Und: barfuß ist manchmal auch hilfreich 🙂

  6. Anna

    27. März 2018 at 11:17

    Liebe Natalia, endlich nehme ich mir heute Zeit, diese so wichtigen, wahren und wegweisensen Gedanken zu lesen. Aufzusaugen. Umzusetzen. Danke.
    Für den Anstoß, für das Anfeuern, Mutmachen – und Aufrütteln. Anders geht es nicht. Und natürlich passt es ausgerechnet heute auf den ersten Blick nicht, das Ändern zu leben. Mitten unter meinen kranken Kindern, wo ich doch eigentlich seit langer Zeit am Kardienstag endlich 😊 mit verabredet Weg und mein Mann ausgerechnet heute an seinem ersten Urlaubstag nachts Fieber bekommt. Das Leben. Und umso mehr passt es eben dich heute. Es richtet mich aus- Eben Mitten im Leben – umso mehr sich selbst nachzuspüren, weil mich meine Liebsten brauchen.
    Kurz nachsinnen und fokussieren auf das „Liebe deinen Nöchsten, wie d i c h selbst“.
    Du bist mir eine wunderbare Inspiration.
    Sei du dir auch heute ganz besonders gut- wärmste und sonnige Gedanken aus Köln,(habe gerade den Colonius im Blick)
    Anna

    1. Natalia

      29. März 2018 at 10:41

      Liebe Anna, was du für schöne und warme Worte gefunden hast, um eure und DEINE Situation zu beschreiben. DANKE dafür. Und du hast ganz recht: es passt auf den ersten Blick NIE, sein Ändern zu Leben. Aber wenn wir dann mal kurz ein- und ausatmen, DANNN vielleicht auf den zweiten. Danke für deine Worte- auch an und für mich. Sie berühren mich sehr.

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