Wutausbruch

Die Wut entsteht in Sekunden. Aus dem Nichts. Eigentlich war sie ganz entspannt. Vielleicht etwas müde und erschöpft, aber alles war gut. Und dann kam er und stellte die kleine Frage: “Brot ist keines mehr da?” Sie hört nicht die Frage. Sie fühlt nur.

Sie hört die Anklage: “WIESO ist kein Brot da?” vielleicht meint er auch: “Ich verstehe das nicht, was du den ganzen Tag machst, dass du kein Brot kaufen konntest?” Es ist so ungerecht. Nach allem, was sie heute gemacht hat. In Gedanken und Taten. Geduldig und zu gewandt. Die eigenen Grenzen schon lange überschritten, damit es den Andren gut geht. Die Kollegin entlastet. Den Kindern ihre Wünsche ermöglicht. Der Vorwurf ist so ungerecht. Unfair. Lieblos. Sie kann gar nicht mehr den Gedanken fassen, dass es nur eine Frage war. Eine ohne böse Absicht. Nur eine Frage. Mehr nicht.

Wut rauslassen

In Sekunden bahnt sich die Wut den Weg an die Oberfläche. Unaufhaltsam. Unkontrollierbar. Unberechenbar. Für beide. Ein Vulkanausbruch. Sie kann so richtig in Rage geraten. Und dann schreit sie. Und wirft mit Sachen. Mit allem, was da gerade ist. Ohne Rücksicht auf Verluste. Sie knallt die Türen. Das, was sie jetzt sagen wir ist gemein und verletzend. Und das soll es auch sein. NIEMAND darf so mit ihr umgehen. Sie hat ein Recht darauf so auszuflippen. Wütend zu sein. Vielleicht auch aggressiv. Wie verzerrende Lava sind ihre Worte und Taten. Unaufhaltsam. Und sie hinterlassen einen Weg von Zerstörung. Verbrannte Erde. Und viele Tränen der Verzweiflung. Der Scham. Des Versagens. Wieder einmal.

Als ich euch in meiner Insta-Story “Eure Fragen” gefragt habe, welche Themen euch unter den Nägeln brennen, haben mir viele geschrieben, dass sie nicht wissen, wie sie mit ihrer oder mit der Wut ihrer Kinder umgehen sollen. Eines vorneweg: ich kenne die Wut gut.

Wodurch entsteht Wut

Ich werde nicht ärgerlich. Ich werde wütend. Lange Zeit liebte ich meine Wut. Denn ganz ehrlich: ein Vulkanausbruch ist Energie pur. Ein kleiner Rundumschlag. Mal alles rauslassen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Es gab Wutausbrüche, da fühlte ich mich danach besser. Endlich war alles raus, was sich angestaut hatte. Endlich. Ich wurde furchtbar wütende, wenn ich etwas ungerecht fand. Mir oder anderen gegenüber. “Du regst dich immer so schnell auf”, sagten mir dann Freunde. Mit Angst und einem Lächeln im Gesicht. Sie ahnten nur etwas von der Wut. Innerlich habe ich gekocht. In der Öffentlichkeit konnte ich das noch kontrollieren. Im sicheren Zuhause immer weniger.

Wo Wut ist, steckt immer auch Schmerz dahinter

Wut kann beispielsweise durch ein Trauma entstehen. Für viele Menschen mit einer Traumgeschichte ist Wut ein wichtiges Thema. Sie sehnen sich nach Antworten auf ihre Hilflosigkeit mit der Wut. “Wie kann ich mit Wut umgehen?” oder auch “Darf ich wütende sein?” Sie eint der Wunsch, die Wut zu verstehen. An sie heran zukommen, um sie zu bändigen.

Ohnmacht, Überforderung und Hilflosigkeit machen wütend. Und das ist leicht nachvollziehbar: In Situationen, in denen man sich komplett überfordert fühlt und sich hätte wehren müssen, war man gefühlt: ausgeliefert.

Der Körper ist in Alarmbereitschaft. Ein Programm, dass wir alle in uns tragen. Überleben sichern: zuschlagen oder abhauen. Aber diesem Impuls konnten man nicht folgen. Jemand anders war stärker oder schneller als wir. Heute wird davon ausgegangen, dass diese damalige Energie, dieser Impuls im Köper eingefroren ist. Der Körper vergisst nie. Die Energie bleibt. Und das kann zu Spätfolgen führen, weil der Körper schlicht und einfach diesen Schub an Energie nicht managen kann. Er steht unter Strom. Und diese Überlebenswut kann sehr groß und auch beängstigend sein. Für einen selbst. Aber auch für alle Anderen.

Und: NEIN, das bedeutet nicht, dass man der Wut folglich hilflos ausgeliefert ist und nicht anders kann, als wütend oder aggressiv zu reagieren.

Wütend ohne Grund

“Woher kommt die Wut?” habe ich mich damals häufig gefragt. Und mich hat das Gefühl ratlos und hilflos zurückgelassen, dass ich manchmal aus den Nichts so wütend wurde. So plötzlich. Wütende ohne Grund. Aber: das gibt es nicht! Wir werden nicht grundlos wütend. Es gibt immer einen Grund, auch wenn der in der Situation nicht ersichtlich ist. Gründe für Wut sind Angst, Trauer und oder eben ein Trauma. Wenn wir innerlich in eine Notsituation geraten, die unseren Wert in Frage stellt oder die gegen unsere Werte verstößt, dann kann das beispielsweise folgende Gefühle antriggern:

“Ich bin nicht gut genug.”

“Ich werde nicht ernstgenommen.”

“Immer bin ich für alles verantwortlich.”

“Immer muss ich es allen recht machen.”

“Egal, wie sehr ich mich bemühe, es reicht nicht aus.”

Aber auch das Gefühl belogen zu werden, oder wenn uns jemand “verarscht” und “für dumm verkauft” kann das Gefühl von abgrundtiefer Wut, gar Aggression in uns auslösen.

Aber: wir werden niemals grundlos wütend. Nochmal: wir werden wütend, wenn wir uns hilflos oder ausgeliefert fühlen. Ohnmächtig. Jemand bestimmt über uns. Das Gefühl, dass über sie bestimmt und über ihre Bedürfnisse hinweggegangen wird, kennen Kinder tagtäglich. Und auch wir kennen das Gefühl aus unserer Kindheit gut. Eltern bestimmen über den Großteil des Lebens ihrer Kinder. Aber dazu werde ich unbedingt die Tage gesondert schreiben. So ein großes Thema: Wie man mit der Wut seines Kindes umgeht. Wenn wir das Gefühl haben, dass unsere Kinder nicht hören und über unsere Bedürfnisse trampeln, gibt es nur einen Verantwortlichen: wir selbst, die, unsere Grenzen – mal wieder – überfahren haben.

Umgang mit der Wut

Es gibt zwei unterschiedliche Wege, um mit Wut umzugehen:

  1. Unterdrücken
  2. Rauslassen

Unterdrücken. Wegdrücken.

 Nochmal:

Wut ist Energie!

Man kann sie nicht einfach wegdrücken. Es gibt Menschen, die meinen tatsächlich, sie wären niemals wütend. Maximal ärgerlich. Aber das belügen sie sich selbst. Die Wut, der Ärger, äußert sich dann eher leise. Auf gemeine Art und Weise mit verletzenden Bemerkungen. Mit Sticheleien. Und, ganz ehrlich, das ist genau so verletzend und gemein, wie wenn jemand “du Arschloch” brüllt. Derjenige, der das auf leise Weise macht, fühlt sich aber besser. Hat halt nicht die Kontrolle verloren. Aber das macht das Verhalten keineswegs besser. Als wir Kinder waren, wurden uns häufig Sätze gesagt wie:

„Sei nicht so laut! ”

“Sei nicht so wild! ”

“Sei nicht so faul”

“Sei nicht so verträumt”

“Sei nicht so vorlaut!”

“Sei nicht so….”

Und daraus schließen wir, dass wir nicht in Ordnung sind, wie wir sind. Wir spürten, dass wir besser werden mussten. Im Verhalten und in der Leistung, die wir erbringen sollten, damit unsere Eltern uns annehmen und lieben. Da lautet die Überlebensstrategie: Wut unterdrücken. Aber das hilft gar nicht. Und wenn du auf der Suche bist, welche Globoli oder Hormone oder was auch immer für Mittelchen gegen deine oder der Wut von jemand andern helfen, dann muss ich dich leider, leider enttäuschen: Wut ist ein Gefühl und Gefühle wollen fließen. Wenn wir sie blockieren und unterdrücken werden wir krank. Es ist ganz einfach so:

Wut kann man nicht denkend lösen.

Also dann:

Wut rauslassen?

“Wenn man wütend wird, dann geht man am besten raus. In die Garage und dort schreit man, bis die Wut weg ist.” Das hat mir damals meine Gastmutter in den USA geraten und ich weiß noch, wie ich beim Zuhören dachte: “Die Alte hat echt den Schuss nicht gehört?!” Nun, heute darf ich zugeben: Sie hat nicht ganz Unrecht gehabt. Denn wenn wir der Wut durch Schreien, Schlagen, Holz hacken, exzessiv Sporttreiben oder Sachen zerstören begegnen, nehmen wir zwar den Druck raus und lenken uns ab, aber wir verwandeln oder begegnen der Wut nicht. Schreien, Schlagen usw. sind reine Hilfsmittel. Die Wut ist erstmal raus.

“Das ist doch besser als unterdrückt?”, mag man meinen. Auf den ersten Blick vielleicht schon. Aber: die Wut ist nicht weg. Sie wird immer wieder kommen. Die Auslöser, die Anlässe werden immer kleiner. Und ja, es gibt einen Weg, der ist besser als unterdrücken und rauslassen.

Sich auf die Wut einlassen

Richtig gelesen. Sich auf die Wut einlassen. Sie zulassen. Ihr Raum geben. Ihr Beachtung schenken. Noch mehr: MIR Beachtung schenken. Denn ICH bin wütend. Mich in meiner Energie wahrnehmen. Mich in meinem Ärger. Mich in meiner Ohnmacht. Und da kann es sehr hilfreich sein, den Raum zu verlassen. Nicht, weil man feige abhaut oder etwas aussitzt. Nein, weil man sich einlässt und sich bewusst ist, dass Rage und Aggression gegen sich und anderer gerade wenig hilfreich sind (und nein, das gelingt mir nicht immer. Aber besser als früher…).

Sich einlassen bedeutet: raus aus der Situation. Kann auch das Klo in der Firma sein. Einatmen. Ausatmen. Annehmen. Die Wut. Und sich. Zur Ruhe kommen. Das kann man üben. Der Weg zurück zum Herzen ist wichtig. Zur Liebe zu sich selbst. Die Wut umarmen und sich auch. Manchen Menschen hilft es auch, die Wut direkt anzusprechen. Auszusprechen, was sein darf: “Ich darf wütend sein. Meine Wut darf sein. Ich bin ok.”

Ich habe vor kurzen nach einem Streit zu meinem Mann gesagt: “Hey! Ich habe mich so weiterentwickelt! Ich habe den Schuh bewusst daneben geworfen!”

Was mein größtes Learning war: Die Erkenntnis und Erlaubnis

“Ich darf wütend sein”.

Ich kann wütend sein, meine ganze Energie einsetzen und trotzdem höflich bleiben. Wut hat nichts damit zutun, jemand mit Worten und Taten zu verletzen. Wut kann ein guter Benchmark sein, um seine Grenzen zu spüren und rechtzeitig Stopp zu sagen. Das kann ich höflich machen und trotzdem meiner Energie Raum geben. Wut ist nicht dafür da, auf jemanden gerichtet zu werden, um denjenigen zu verletzen oder zu demütigen.

Wut macht Mut

Ganz sicher. Wut zeigt uns etwas auf. Zeigt uns etwas an. Und wenn wir ihr Raum geben, dann darf das Gefühl wachsen, dass etwas nicht so bleiben muss. Das etwas in mir heilen darf. Eine alte Wunde. Wenn ich die Wut fühle, annehme und anerkenne, kann ich Verantwortung übernehmen. Dann werde ich die Energie positiv nutzen können: um etwas zu Verändern. Zum Guten werden zu lassen. Für mich und Andere. Und deshalb liebe ich diesen Satz:

Extra für dich: als PDF zum Runterladen. Für den Kühlschrank. Oder so.

Das Beste kommt zum Schluss

Sich selbst vergeben

“Wenn meine Woche nicht so dicht gewesen wäre…
Wenn die Wellen, die ich gerade surfe nicht so hoch wären…
Wenn die Gespräche, die ich geführt habe, mich weniger berührt hätten…
Wenn ich mehr Zeit und Ruhe für mich gehabt hätte…
Wenn mein Mann heute Abend daheim gewesen wäre…
…dann wäre ich heute Abend nicht so an meine Grenzen gekommen…
…dann hätte ich meine Kinder nicht so angeschrien…
…dann wäre ich vielleicht geduldiger gewesen…
…dann ….
Obwohl du dich entschuldigt hast, bleibt ein Rest. Ich war ungerecht. Laut. Lieblos.
Das zieht mir Energie. Kennst du das auch, dass sich müde und schlecht fühlen nach einem Streit mit den Kindern? Wenn du richtig wütend geworden bist? Sich gut zu sein, ist nicht leicht. Es ist und bleibt ein Weg. Zwei Schritte vor und auch immer wieder einen zurück. Und dann: barmherzig mit sich sein. Den inneren Kritiker keine Macht überlassen. Sondern das Gute sehen. Fühlen und sagen: “Du bist eine gute Mutter. Du bist ein Mensch. Mit Grenzen. Mit Fehlern. Du bist ok.”
Verzweifle nicht an dir selbst. 
Morgen kommt ein neuer Himmel. 
Ein neuer Tag um zu lieben. 
Deine Liebsten. Und dich selbst.

Das habe ich im letzten Jahr mal auf Facebook geschrieben. Es gilt noch immer.

In diesem Sinne:

Sei dir gut ❤️

Deine Natalia

 

 

  1. Chantal

    27. Juli 2018 at 12:49

    WOW – beeindruckend!!! Es darf wirken 🙂 Wut ist auch bei mir ein Thema, ein Päckchen … HERZLICHEN DANK liebe Natalia 🙏😘

    1. Natalia

      27. Juli 2018 at 17:13

      Ja, es darf wirken! Danke für deine Worte.

  2. Susanne

    29. Juli 2018 at 10:39

    Wir haben alles das Recht wütend zu sein. Ich habe acht Jahre lang das Grundschulprojekt “Klasse2000″ betreut. Eine komplette Unterrichtstunde wird dort dem Umgang mit der Wut gewidmet. Kinder kennen dieses Gefühl sehr gut, wenn der innere Vulkan kurz vor dem Ausbruch steht und sie kennen auch Lösungsmöglichkeiten, wie wir alle wahrscheinlich auch. Aber die Wut muss raus, am besten sofort, weil ein Reinfressen oder Zurückhalten den Vulkanausbruch eigentlich nur verschlimmern. Für mich gilt: Lieber einmal richtig und dann ist es auch wieder gut. Allerdings gibt es Menschen in meinem Leben, die mit meiner Art nicht umgehen können, weil sie ihre eigene Art der Wut unterdrücken. Dann habe ich auch einen Satz gehört, der mich nachdenklich gemacht hat:”Vielleicht bist du ja auch nur wütend weil Traurigsein so weh tut.”

    1. Natalia

      5. August 2018 at 16:25

      Liebe Susanne, das ist ja ein super spannendes Projekt. Danke für den Hinweis und wie toll, dass du Kinder dort an die Hand genommen hast! Und das sie dort lernen konnten: “Ich DARF wütend sein” und die Wut muss raus. Und der letzte Satz von dir rührt mich und hat ganz sicher einen sehr wahren Kern. Da bin ich ganz sicher. Wut rauslassen und angemessen reagieren ist mein wirkliches Übungsfeld. Ich bin besser geworden 🙂

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